Im Auge des Hurrikans: Port-à-Piment

Das Boot eines Fischers. (Fotos: Jürgen Schübelin)

Ein Boot eines Fischers. (Fotos: Jürgen Schübelin)

Von Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Port-à-Piment (14.10.2016) „Mat(thäus) 4.10“ (Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen) und „Sèl Jezi“ (Nur Jesus) hatte der Fischer auf sein Boot geschrieben, das jetzt zerstört am Strand liegt.

Er und seine Familie überlebten die apokalyptische Nacht vom 3. auf den 4. Oktober nur, weil sie auf den inständigen Rat ihres Schwagers hörten, der von Port-au-Prince aus per Handy unablässig gefordert hatte, sich in Sicherheit zu bringen. Am Ende retteten die Mauerreste einer vom Hurrikan Matthew schwer beschädigten Kirche den Menschen aus den Fischerhütten am Strand der Ortschaft Torbeck das Leben. „Wir haben die ganze Nacht gezittert und geweint“, sagt Noela (11), „alle dachten wir, dass wir jetzt sterben müssten. Die Nacht, der Sturm und der Regen hörten einfach nicht mehr auf.“

Als es am 4. Oktober endlich dämmerte, war von ihrer Welt und ihrem alten Leben nichts mehr übrig. Keine der Fischerhütten stand mehr, kein Baum, kein Haustier, kein Vogel hatte überlebt, die Boote am Strand waren zerschellt. Seit 1964 wurden die Menschen in Haiti nicht mehr von einem derart verheerenden Wirbelsturm heimgesucht.

Sehr viele Häuser und Hütten sind zerstört.

Sehr viele Häuser und Hütten sind völlig zerstört.

Epizentrum der Katastrophe

Port-à-Piment an der Südküste der Tiburon-Halbinsel ist zusammen mit der etwas weiter nördlich gelegenen Stadt Jérémie so etwas wie das Epizentrum dieser Katastrophe. Über Port-à-Piment zog das Auge des Hurrikans mit quälend langsamen sieben Stundenkilometern. Hier verwüstete Matthew 90 Prozent aller Häuser und Hütten, die Schulen, den Friedhof und die Kirchen. Meterhohe Brecher zerfetzten regelrecht die Gebäude, die am nächsten am Strand standen. Als die Menschen in die etwas höher gelegene Baptisten-Kirche fliehen wollten, hatte die bereits kein Dach mehr. Pastor Joseph holte so viele völlig durchnässte und verängstigte Menschen, wie sein Haus fassen konnte, zu sich herein: „Wir kauerten alle auf dem Boden, fassten uns an den Händen und beteten. Dabei regnete es unablässig. Der Regen kam nicht von oben, sondern mit dem Sturm vom Meer. Und er war salzig.“

Noch gibt es keine Klarheit darüber, wie viele Menschen bei dieser Katastrophe ums Leben kamen. Haitis Übergangsregierung versucht, die Zahlen möglichst niedrig zu halten, spricht von 450 Opfern. Unabhängige Journalisten, die alle Bürgermeister des Landes telefonisch befragt haben, kommen – ähnlich wie verschiedene UN-Organisationen – auf deutlich über 1.000 Tote. Keinen Dissens gibt es indes darüber, dass an der Südküste des Landes mindestens 30.000 Häuser und Hütten zerstört wurden – und insgesamt mehr als 1,4 Millionen Menschen von den Folgen des Wirbelsturms betroffen sind.

Port-à-Piment vor der Katastrophe im Jahr 2010.

Straße in Port-à-Piment im Jahr 2010.

Straße in Port-a-Piment nach Hurrikan Matthew 2016. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Straße in Port-à-Piment nach Hurrikan Matthew 2016.

 

Port-à-Piment war auch vor dieser entsetzlichen Hurrikan-Nacht immer schon ein bescheidener Ort gewesen, mit kleinen, im kreolischen Stil gebauten Häusern mit bunten Holztüren, zwei Kirchen, vielen Bäumen und einem wunderschönen, palmen-gesäumten Strand. Alles in allem zählte die Stadt 35.000 Einwohner. Die Menschen lebten vom Fischfang, Landwirtschaft und ein bisschen Handwerk. Von all dem ist nichts übriggeblieben. Oder fast nichts.

Brunnen als Lebensretter

Die Kindernothilfe hatte 2008, nach dem Hurrikan Ike, in Port-à-Piment den Bau von sieben Tiefbrunnen finanziert. Fünf von ihnen überstanden die Katastrophe ohne Beschädigungen. Über sie versorgen sich die Menschen mit Trinkwasser. In der schwülen Bruthitze bei tagsüber 31 Grad Celsius ist der Zugang zu sauberem Wasser überlebensnotwendig. Denn die Cholera bedroht auch in Port-à-Piment vor allem die Kinder und die alten Menschen. 62 Infektionsfälle hat die Leitung des kleinen Krankenhauses seit dem Hurrikan registriert, diejenigen Menschen in den abgelegenen Bergdörfern, die es nicht bis hinunter ins Zentrum geschafft haben und gestorben sind, nicht mitgezählt.

Das frische Wasser aus den Brunnen ist überlebenswichtig.

Das frische Wasser aus den Brunnen ist überlebenswichtig.

Zu den schmerzhaftesten Lücken, die Hurrikan Matthew riss, gehört auch die Berufsschule von Port-à-Piment, das Centre de Développment Côte Sud Haitï (CDCSH), mit dem die Kindernothilfe seit dem Erdbeben 2010 intensiv zusammenarbeitete. 80 junge Frauen und Männer wurden hier pro Jahrgang als Schneiderinnen, Schreiner, Schlosser, Elektriker und Flaschner sowie am Computer ausgebildet. Von hier stammt fast das gesamte Mobiliar der Schulen der Kleinen Schwestern und des Collège Véréna in Carrefour und Port-au-Prince, die die Kindernothilfe nach dem Erdbeben wiederaufgebaut hatte. Das komplette CDCSH-Schulgebäude, mit allen Werkräumen und einem Großteil seiner Ausstattung, ist seit der Nacht zum 4. Oktober nur noch eine Ruine – auch die mit Kindernothilfe-Mitteln geschaffene Computerklasse.

Zwischen Chaos und Schutt

Inmitten des Chaos und der Verwüstung arbeiten konzentriert zwei der Schreinerlehrer. Sie haben eine der Werkbänke gerettet und zimmern jetzt einen Sarg. Bestimmt ist er für einen Nachbarn, der in der Hurrikan-Nacht einige seiner Tiere von einem Feld retten wollte, dann aber selbst vom Wind erfasst und schwer verletzt wurde. Acht Tage nach der Katastrophe ist er jetzt gestorben.

In einer Schreinerwerkstatt: Ein Sarg wird hinausgetragen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ständig kommen ehemalige Schüler des CDSCH auf das Areal und bestürmen Reinhard Schaller, den langjährigen Leiter des Projektes und Fachlehrer für Schweißen, möglichst schnell mit dem Wiederaufbau der Berufsschule zu beginnen. Mehrere Lehrer und Schüler packen einfach sofort an, beginnen mit den Aufräumarbeiten, beseitigen mit bloßen Händen Mauerreste, Wellblechplatten und Schutt. Auf einem Teil des Ruinengeländes soll in zwei Tagen ein Child friendly Space, ein Kinderzentrum, seine Arbeit aufnehmen.

Kinderzentren

In rund 800 Meter Entfernung, im Schatten der schwer beschädigten Kirche von Pastor Joseph, gibt es ein derartiges Kinderzentrum bereits. 60 Mädchen und Jungen singen mit Inbrunst, zehn weitere schauen noch von außen zu. Madame Arnaude hat das Heft fest in der Hand. Sie bringt die Kinder dazu, zu klatschen, zu singen, zu tanzen. Als sie dann die Geschichte von David und Goliath erzählt und erklärt, dass auch die Kleinen, wenn sie mutig sind und auch ein bisschen schlauer als die ganz Großen, sogar die Angst besiegen können, hängen ihr die Kinder gebannt an den Lippen. Vielen Mädchen und Jungen ist das Entsetzen aus der Nacht mit dem Monstersturm noch ins Gesicht geschrieben.

Madame Arnaude verfügt über Kindergottesdienst-Erfahrung. Das ist in dieser Situation Gold wert. Zunächst vier derartige Kinderzentren wird es im Port-à-Piment geben: Das dreiköpfige Organisationskomitee aus Pastor Joseph, dem Leiter der zerstörten Berufsschule, Dulice Nelson, und ihrem Administrator, Bienaime Faner, haben sich mit den Nachbarn beraten und vier verschiedene Orte identifiziert, die allerdings zum Teil erst vom Schutt befreit werden müssen, ehe dort mit Kindern gearbeitet werden kann.

Madame Arnaude und eine Gruppe von Kindern in der Ruine der Kirche.

Madame Arnaude und eine Gruppe von Kindern in der Ruine der Kirche.

Sobald wie möglich, soll die Arbeit in Kinderzentren dann auch auf die umliegenden Dörfer ausgeweitet werden. Angelegt ist dieses Nothilfe-Projekt für eine Übergangsphase, bis in einigen Monaten die Schule wieder beginnen kann.

Kindernothilfe-Haiti gelang es indes, mit mehreren Fahrzeugen von Port-au-Prince aus jede Menge Kekse, Saft und kalorienhaltige Süßigkeiten nach Port-à-Piment zu schaffen, um den Mädchen und Jungen auch etwas zum Essen und Trinken anbieten zu können. Und aus Léogâne, einem der Orte, der im Januar 2010 bei dem Erdbeben am stärksten verwüstet wurde, wird Madame Edouine, eine begnadete Vorschulpädagogin und Expertin für Kinderzentren von der Kindernothilfe-Partnerorganisation AGREDERP, zu dem Team in Port-à-Piment stoßen, um ihre Erfahrungen aus der Arbeit mit Mädchen und Jungen nach dem Erdbeben weiterzugeben.

Von Glück und Leid

Und noch eine Geschichte hören wir an diesen Tagen in Port-à-Piment gleich mehrfach: Die von einer Familie aus einem der Bergdörfer, in der der Vater mit seiner Frau und den Kindern aus der eingestürzten Hütte vor dem Sturm fliehen wollte und dann miterleben musste, wie ihm der Hurrikan sein einjähriges Töchterchen aus dem Arm riss und durch die Luft schleuderte. Alle verzweifelten Versuche, das Kind zu finden, waren vergeblich. Erst nach zwei Tagen – und mehrere hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem das Kind verloren ging – entdeckten Nachbarn das Mädchen schließlich unter umgerissenen Bäumen und Gestrüpp – weitestgehend unverletzt.

„Matthew hat nichts mit dem Matthäus aus der Bibel zu tun“, sagt Pastor Joseph, der es schließlich wissen muss, „aber er ist eine entsetzliche Prüfung, die die Menschen an dieser Küste bestehen müssen. Und wir wissen, dass das viele Jahre dauern wird. Was wir nicht wissen, ist, wie diese Prüfung am Ende ausgeht“.

Zwischen den Ruinen laufen Kinder zu den Brunnen.

Zwischen den Ruinen laufen Kinder zu den Brunnen.

Honduras-Tagebuch: Britany wird Psychologin

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

„2022 bin ich Psychologin“, sagt Britany (Name geändert), eine muntere Fünfzehnjährige mit strahlendem Gesicht. Sie meint das sehr ernst, und das hat mit ihrem bisherigen Leben zu tun.

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 11.10.2016

Britany ist die Jüngste, sie hat einen Bruder und vier Schwestern. Die Älteste ist 32. Als Britany fünf war, trennten sich ihre Eltern. Der Vater war Alkoholiker. Zwei Jahre später brachte die Mutter einen neuen Mann mit. Ein neuer Vater, ein zusätzlicher Versorger, es begann eine wunderbare Zeit. Aber als Britany mit ihrer Mutter bei dem neuen Mann einzog, wendete sich das Blatt. Aus dem liebevollen neuen Partner der Mutter wurde ein gewalttätiger Tyrann. Im Streit setzte er der Mutter eine Machete an den Hals. Als Britany ihrer Mutter helfen wollte, hatte sie plötzlich auch die Machete am Hals.

Gewalt ist in Honduras alltäglich

Honduras, die Heimat von Britany, ist eins der gewalttätigsten Länder der Welt. Jedes Jahr werden rund 90 von 100.000 Einwohnern umgebracht. Viele davon sind Kinder und Jugendliche. Die Täter werden selten gefasst und noch seltener verurteilt. Fast jede Familie hat schon Angehörige durch Mord verloren, fast jedes Kind hat selbst Gewalt erlebt.

Während ich mit Britany spreche, in einer großen, grauen Halle über dem zentralen Markt von Tegucigalpa, lungern am Treppenaufgang zwei schwer bewaffnete Militärpolizisten in Tarnanzügen herum. Ich frage Britany, ob die beiden zu unserem Schutz da seien. Nein, Schutz könne man von der Militärpolizei nicht erwarten. Im vergangenen Jahr sei sie von einem unter Drogen stehenden jungen Mann beraubt worden. Der habe ihr ein Messer an den Bauch gedrückt. Direkt daneben hätten zwei Polizisten gestanden und nichts getan. Britany meint, die Polizei stecke eh mit den Banden unter einer Decke, die Beute würde geteilt. Nein, eigentlich sei die Polizei sogar schlimmer, die Banden zeigten wenigstens einen Rest von Respekt vor den Menschen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

Unterstützung für 750 Marktkinder

Respekt der Banden, darauf setzen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Alternativas y Oportunidades, einer Organisation im Netzwerk des Kindernothilfe-Partners COIPRODEN. An diesem Nachmittag in der Halle über dem Markt tragen sie orangefarbene T-Shirts mit dem Logo der Organisation. Die schützen sie vor den Angriffen der Banden in den gefährlichen Vierteln um den zentralen Markt der honduranischen Hauptstadt.

Sie sind hierher gekommen, um mit den Kindern aus dem Viertel zu sprechen. Kinder, die vielleicht sieben Jahre alt sind, aber schon arbeiten müssen. Sie helfen ihren Eltern auf dem Markt, tragen die Taschen der Kunden nach Hause oder helfen wie Britany ihren Müttern beim Müllsammeln und Recyceln. Darüber bleibt oft keine Zeit für die Schule. Mit Mitteln der Kindernothilfe unterstützt Alternativas y Oportunidades inzwischen 750 Marktkinder. Es gibt kleine Stipendien, Schuluniformen, Bücher, Hefte, Stifte. Das bedeutet für viele Kinder die Chance, endlich zur Schule zu gehen.

Unterrichtsstoff: Was macht Mädchen und Jungen aus?

Darüber hinaus gibt es hier einmal in der Woche spannenden „Zusatzunterricht“. Vielleicht 40 Sieben- bis Zwölfjährige sprechen darüber, was ein Mädchen und was einen Jungen ausmacht. Sie sortieren Dinge wie Kochen, Bügeln, Penis, Waschen, Kinder Erziehen, Vagina, Putzen danach, was nur zu Männern, nur zu Frauen oder zu beiden gehört. Die Zettel mit den Wörtern kleben sie unter große Wandbilder von Jungen und Mädchen. Schnell sind sie sich einig, dass die meisten Zettel in die Mitte geklebt werden müssen, sowohl zu Frauen wie zu Männern gehören.

Ein paar Schritte weiter liegen kleinere Jungen und Mädchen auf einer Plane und malen ein Bild aus. Darauf stehen ein Junge und ein Mädchen nebeneinander, Hand in Hand, und halten beide das gleiche Spielzeug, ein Buch, ein Köfferchen mit einem Herzen darauf, und eine Ente mit Rädern. Was macht ein Mädchen aus, was einen Jungen?

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Spaß an der Arbeit mit Kindern

Britany hilft jetzt hier schon manchmal aus. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Nach all den furchtbaren Erfahrungen mit ihrem Stiefvater hatte sie fast aufgehört zu sprechen. Sie traute keinem mehr. Sie hatte Angst vor allen. Doch dann nahm eine Freundin sie mit zu COIPRODEN. Da hatte sie eigentlich noch mehr Angst; Angst, ausgelacht zu werden, weil ihre Eltern nur Müllsammler sind. Angst davor, wegen ihrer furchtbaren Erfahrungen verachtet zu werden.

Aber dann wurde es anders. Bei COIPRODEN bekam sie Unterstützung, psychologische Hilfe und ein Stipendium. Sie traf andere Kinder, die ähnlich schreckliche Erfahrungen hinter sich hatten. Sie wurde in die „School of Leaders“ eingeladen, eine Fortbildungsgruppe für Freiwillige. Nach und nach wurde ihre Angst kleiner. Sie fand heraus, dass es ihr Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten, anderen zu helfen. Und Britany hat gelernt, anderen wieder zu vertrauen. Ich spüre es an ihrer offenen Art, an dem gewinnenden Lächeln, dass Britany eine junge Frau geworden ist, die viel schaffen kann.

Berufsziel Psychologie

Auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist durch Britanys Entwicklung besser geworden. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass der Stiefvater im Februar nach Mexiko verschwunden ist. Davor hatte er noch einmal eine ganze Nacht lang Britany und ihre Mutter terrorisiert, geschlagen und zu Boden geworfen. Anschließend hatte er die Handys in der Wohnung zerstört, damit die beiden keine Hilfe alarmieren konnten. Aber nun ist er weg.

Jetzt ist Britany in der 10. Klasse. Noch zwei Jahre bis zum Abschluss der Sekundarschule. Ich frage sie, was sie danach machen will. Ihre Antwort kommt schnell und entschieden: „Ich will studieren. 2022 bin ich Psychologin.“ Da denke ich an den Weg, den sie schon hinter sich hat und bin überzeugt, Britany wird eine sehr gute Psychologin.

Nepal Stories VI: Phönix aus der Asche

Ein Haufen Schutt und Asche. Viel mehr war von der Setidevi Sharada Sekundarschule nach den Erdbeben im letzten Jahr nicht übrig. Jetzt steht die Schule wieder – und natürlich hat sie sich nicht von selbst aus den Trümmern erhoben, wie ein Phönix aus der Asche. Unser Partner AMURT hat da kräftig mitgemischt…

Nepal: Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Trotzdem hat die Übergangsschule in Lamo Sanghu ihren Zweck erfüllt.

Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Trotzdem hat die Übergangsschule in Lamo Sanghu ihren Zweck erfüllt.

Die Erdbeben, die Nepal im April und Mai letzten Jahres erschütterten, waren ein Schock für die Kinder und alle anderen Menschen der Region. Die Infrastruktur war zerstört, kaum eine Schule stand noch. Und nur langsam kam die Bildung in den Dörfern des Bergstaates wieder in Fahrt.

Im Falle der Setidevi-Schule in Lamo Sanghu gab es für die vielen Schüler zunächst einmal bloß behelfsmäßige Lernstätten: Einfache Wellblechhütten oder auch Zelte, in denen das Lernen oft schwerfiel. „Im Sommer war es viel zu heiß“, erinnert sich Sonu Pahari, eine Viertklässlerin. „Und in der Monsunzeit hat es ständig reingeregnet – doch am schlimmsten war der Winter: Da sind wir alle zu Eiszapfen gefroren.“

Sicher lernen – und Schulessen gibt es auch!

Für unseren Partner AMURT war klar, dass die Kinder endlich wieder eine richtige Schule brauchten. Auf dem Gelände mussten zuerst die Trümmer der zwei alten Schulgebäude weggeschafft werden – AMURT baute von Grund auf neu. Bis April diesen Jahres dauerten die Bauarbeiten, dann konnte die neue Schule eröffnet werden.

Nepal: Das neue Schulgebäude ist hier in der Bibliothek sogar mit Teppichboden ausgestattet - damit die Kinder nicht mehr frieren müssen.

Das neue Schulgebäude ist hier in der Bibliothek sogar mit Teppichboden ausgestattet – damit die Kinder nicht mehr frieren müssen.

„Endlich kann ich wieder in einer sicheren Umgebung lernen – ganz ohne Angst!“, sagt Sonu Pahari dazu. Das stimmt: Die neu errichtete Schule ist weitaus stabiler als ihr Vorgänger, der dem Erdbeben zum Opfer fiel. Und gemütlicher ist es auch geworden: AMURT liefert tägliches Schulessen für die über 300 Schulkinder, stattete die Räume der unteren Schulklassen mit Teppichen aus – und auch Taschen und jede Menge Papier gab es für die Kinder.

„AMURT hat uns geholfen, aus Schutt und Asche wiederaufzustehen“, sagt Schulleiter Basu GC dankbar. „Nun liegt es an uns, auch in Sachen Bildung zurück zu alter Stärke zu finden.“

Der ganze Stolz des Dorfes: die neue Schule in Lamo Sanghu in Nepal

Der ganze Stolz des Dorfes: die neue Schule in Lamo Sanghu in Nepal

Nepal Stories V: Volkstheater mit Lerneffekt

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Plötzlich wird die Straße zur Bühne. Die Menschen bleiben stehen, sind wie gebannt – und kommen dabei ins Grübeln. Was sie so fesselt, sind Geschichten aus ihrem Alltag. „Als würde ich einem Nachbarn beim Streit mit seiner Frau zugucken“, sagt eine Zuschauerin staunend. Die Schauspieler sind Künstler, aber auch Schüler. Ermuntert und bei ihren Aufführungen begleitet hat sie unser Partner AMURT.

Zwanzig Schulkinder der Setidevi-Sekundarschule in Pangretar begeistern die Dorfbewohner seit einigen Monaten immer wieder mit ihren selbstgeschriebenen Stücken. Im ihrem neuen Theaterstück geht es um eine ganz normale Familie. Der Sohn darf die Schule besuchen, die Tochter muss im Haushalt helfen und wird viel zu früh verheiratet. Da sie keine Mitgift hat, wird sie von ihrer Schwiegermutter terrorisiert. Als sie schließlich ein Kind bekommt, stirbt sie bei der Geburt.

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!"

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!“

Die tragische Geschichte lässt die Zuschauer bei der Aufführung Mitte Juni tief beeindruckt zurück. „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden“, findet etwa Bipana Roka, eine Achtklässlerin. „Keine Schule, jung heiraten und dann auch noch geschlagen werden – das geht nicht!“ Tatsächlich hat das Theaterstück auch lustige Momente und regt so gleichermaßen zum Lachen und Weinen an – vor allem aber zum Denken. Schließlich sind im Dorf und auch unter den Eltern und Kindern der Setidevi-Schule viele der angesprochenen Probleme noch immer an der Tagesordnung. Das Kinderrechte-Komitee der Schule, das das Stück aufführt, will genau das ändern.

Missstände anprangern

Ebenfalls im Juni verwandelte eine Gruppe von Künstlern den zentralen Markt von Khadichour in ein Straßentheater. An die 300 Menschen sahen ganze zwei Stunden lang gebannt dabei zu, wie dort auf der „Bühne“ eine Familie auseinanderfiel.

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Der alkoholsüchtige Vater macht seiner Frau das Leben zur Hölle. Der einzige Sohn ist dem Kartenspiel verfallen. Eine der Töchter fällt im Internet einem Menschenhändler zum Opfer, die andere wird in der Familie ihres Ehemannes derart schlecht behandelt, dass sie sich das Leben nehmen will. Zum Glück rettet sie die Polizei und die Familie kommt wieder zusammen.

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Bus verpasst

Einer der Zuschauer, der bis zum Ende ausharrt, ist Arjun Oli. Er kommt gerade aus der Hauptstadt Kathmandu zurück und ist eigentlich nur auf der Durchreise. Doch die ungewöhnlich große Menschenmenge auf dem Khadichour-Basar weckt seine Neugier. Oli stieg aus dem Bus aus, sieht, dass ein Theaterstück auf dem Platz aufgeführt wird – und verpasst seinen Bus nach Hause.

„Ich habe einiges gelernt beim Zuschauen“, sagt er hinterher. „Ein neuer Bus kommt bestimmt – aber eine solche Gelegenheit zum Lernen kommt nicht so oft.“

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

Nepal Stories IV: Die Leseratten von Tekanpur

Neu eingerichtete Schulbibliothek wiederaufgebauten Schule in Nepal

Neu eingerichtete Schulbibliothek wiederaufgebauten Schule in Nepal

In Deutschland schwer vorstellbar: Wenn an der wiedererrichteten Kalika-Sekundarschule im nepalesischen Tekanpur morgens die Schulglocken läuten, sind viele Kinder schon längst in der schuleigenen Bibliothek und lesen. Freiwillig!

Selbst Bhakta Dhoj Bohara von der Schulbehörde wundert sich jeden Tag aufs Neue über die Büchervernarrtheit der Schüler. „Die Kinder streifen nicht mehr ziellos umher“, sagt er glücklich. „Sie lernen und konzentrieren sich jetzt viel besser.“ Tatsächlich ist es für die Kinder in Tekanpur wichtig, endlich wieder eine Anlaufstelle zu haben – und eine Beschäftigung fernab der harten Realität.

Nach den Erdbeben im April und Mai letzten Jahres waren Bücher in Nepal nämlich erst mal zweitrangig. Schulen und Wohnhäuser waren zerstört – es ging ums Überleben. Doch mit Hilfe unseres Partners AMURT kehren nun wieder Bildung und Freizeit ins Leben der Kinder zurück.

An der Kalika-Sekundarschule hat AMURT nicht nur den Wiederaufbau der Schule in die Wege geleitet, sondern auch die Bibliothek errichtet, die es in dieser Form vor dem Erdbeben gar nicht gab. AMURT lieferte Gedichtbände und bunt illustrierte Geschichten, dazu englische und nepalesische Wörterbücher und viele andere Lernmaterialien. Für die passende Wohlfühlatmosphäre sorgen rote Teppiche, etliche Sitzkissen, vier Rundtische und zwei große Bücherregale.

In jeder Pause beliebter Treffpunkt: Die Bibliothek ist der beliebteste Ort in der Schule von Tekanpur in Nepal

In jeder Pause beliebter Treffpunkt: Die Bibliothek ist der beliebteste Ort in der Schule von Tekanpur in Nepal

Und der Plan scheint aufzugehen. Seit der Eröffnung der Bibliothek vor einigen Monaten haben sich die Gewohnheiten der Schüler vollkommen verändert – gerade, wenn es um ihre Freizeit geht. „In der Pause spielen wir eigentlich gar nicht mehr“, sagt einer der Schüler. „Wir essen extra schnell, um in die Bibliothek zu kommen.“

Nepal Stories III: Es werde Licht!

Wie man Kerzen zieht, haben diese Frauen aus Nepal kürzlich gelernt. Nun tragen sie damit zum Familieneinkommen bei.Wenn Binda Bohara und die sechs anderen Frauen aus ihrer Selbsthilfegruppe Kerzen ziehen, hat das auch Symbolcharakter: Aus flüssigem Wachs entsteht eine feste Form, die Wärme, Geborgenheit und Licht spendet. Feste Formen und Geborgenheit – das alles stürzte in Nepal bei den Erdbeben im April und Mai letzten Jahres zusammen. Doch im Dorf Tekanpur, in dem Binda wohnt, bauen sich viele Bewohner langsam ein neues Leben auf – mit Hilfe unseres Partners AMURT.

Binda Bohara ist eine von ihnen. Die Erdbebenkatastrophe hat sie und ihre Familie hart getroffen. Jetzt nahm sie mit einigen anderen Frauen des Dorfes an einem AMURT-Workshop zur Kerzenherstellung teil. Die Frauen waren begeistert: „Mit den Kerzen lässt sich gutes Geld verdienen“, sagt Binda. „Aber auch zuhause kann ich sie super gebrauchen, um es uns endlich wieder gemütlich zu machen.“

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

AMURT lieferte den Frauen eine Maschine, acht Kilogramm Wachs sowie Fäden und Zwirn – um den Rest kümmern die Frauen sich seither selbst. Schon wenige Wochen nach dem Workshop schlossen sie sich zusammen und machten aus dem neu erlernten Handwerk ein Gewerbe. Die Kerzen verkauften sie auf den Märkten der Umgebung und verdienten innerhalb von zwei Wochen rund 3.000 Rupien (etwa 25 Euro). Vom Gewinn wollen die Frauen nun mehr Wachs und Fäden anschaffen, um ihr Kerzengeschäft voranzutreiben.

So langsam nimmt das Leben in Nepal wieder Form an. Binda und die anderen Frauen haben an Selbstbewusstsein gewonnen. Durch ihr Zusatzeinkommen tragen sie dazu bei, dass ihre Kinder mit vollem Magen ins Bett gehen –  bei Kerzenschein, versteht sich.

Kerzenziehen als Nebenerwerb: Mit dem Geld, das ihnen der Kerzenverkauf einbringt, verbessern die Frauen aus Tekanpur in Nepal die Lebensqualität ihrer Familien.

Der gemeinsame Erfolg macht selbstbewusst: Ein einfacher Kerzen-Workshop hat die Perspektiven der Frauen deutlich verbessert.

Erneut „verlorene Dekade“ für Lateinamerika?

Die Koordinatoren, die die Kindernothilfe-Arbeit in Lateinamerika koordinieren, zu Besuch bei uns in der Geschäftsstelle Duisburg

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ein Treffen mit Seltenheitswert: 14 Experten aus unseren Lateinamerika-Büros kamen für sieben Tage in die Kindernothilfe-Geschäftsstelle nach Duisburg und diskutierten mit uns über Strategien und Arbeitsansätze der gemeinsamen Programm- und Projektarbeit. Überwiegend pessimistische Einschätzungen gab es dabei im Hinblick auf politische Entwicklungen, die Situation der Kinderrechte und den Kampf gegen die Armut in Lateinamerika. Eine wichtige Rolle spielte aber auch das Thema der Weiterentwicklung des Kinderrechts-Ansatzes in der Arbeit mit den lateinamerikanischen Partnerorganisationen.

Die Zahl armer und extrem armer Menschen in Lateinamerika steigt wieder. Grund dafür sind vor allem die eingebrochenen Erlöse aus Öl- und Bergbauexporten. In Teilen der Region – vor allem Haiti, Guatemala und Honduras – nimmt die Zahl der unter- und mangelernährten Kinder besorgniserregend schnell zu. Dort ist der Hunger zurückgekehrt! Vielfach, so berichteten die Teams aus Lateinamerika, fehlen den Regierungen die Mittel, um begonnene Investitionen in Bildungs-, Gesundheits- und Sozialprogramme fortzuführen. Hinzu kommen politische Umwälzungsprozesse wie derzeit in Brasilien, wo konservative Eliten neuerdings wieder eine extrem neoliberale Politik verfolgen. Menschen- und Kinderrechte oder Maßnahmen gegen die Schere zwischen Reich und Arm sind für sie kein Thema.

Volles Programm: Bei dem intensiven Arbeitstreffen ging es eine Woche lang um das Engagement der Kindernothilfe in Lateinamerika

Volles Programm: Bei dem intensiven Arbeitstreffen ging es eine Woche lang um das Engagement der Kindernothilfe in Lateinamerika

Gewalt nimmt dramatisch zu

Die mit Abstand gravierendste Bedrohung für die Menschen und die gemeinsame Projektarbeit sahen die Experten aus Lateinamerika in der dramatischen Zunahme von Gewalt. Unter den zehn gefährlichsten Städten der Welt befinden sich mittlerweile acht lateinamerikanische Metropolen. Nirgendwo ist der Anteil der Menschen, die jedes Jahr einem Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, so hoch wie in Mittelamerika und Teilen Brasiliens. Gewalt und Armut könnten Lateinamerika wieder einmal eine „verlorene Dekade“ bescheren – mit verheerenden Folgen für die Zukunft von Millionen Kindern und Jugendlichen.

Kinderrechte stärken durch Mitwirkung

Großen Raum nahm bei dem Expertentreffen der Kinderrechts-Ansatz ein. Gemeint sind damit unter anderem Anstrengungen, den Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch durch die aktive Mitwirkung betroffener Mädchen und Jungen, ihrer Familien und der gesamten Nachbarschaft zu verbessern. Auch die Politik steht dabei in der Pflicht. Intensiv diskutierte die Expertenrunde darüber, wie die Wirksamkeit der gemeinsamen Arbeit erhöht werden kann. Wie das am besten sichtbar zu machen wäre und welche Möglichkeiten es gibt, Kinder an diesem Prozess beteiligen, war ein weiteres Diskussionsthema.

Angeregte Diskussionen beim Treffen der Koordinatoren für Lateinamerika, das das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Duisburg stattfand

Angeregte Diskussionen beim Treffen der Koordinatoren für Lateinamerika, das das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Duisburg stattfand

Das letzte Treffen aller Lateinamerika-Koordinatoren in Duisburg liegt zwei Jahrzehnte zurück. Dazwischen gab es immer wieder Arbeitstreffen an wechselnden Orten in Lateinamerika selbst. Diesmal jedoch wollten Vorstand und Lateinamerika-Referat der Kindernothilfe ein Zeichen setzen – mit einem intensiven Arbeitsaustausch, der die Beteiligten vor Ort mit Kollegen aus verschiedenen Referaten der Duisburger Geschäftsstelle zusammenbrachte. Mit zum Programm gehörte auch eine Einladung der Evangelischen Trinitatis-Kirchengemeinde in Duisburg-Buchholz, die die Gäste aus Lateinamerika bat, sich und ihre Arbeit im Rahmen eines Sonntagsgottesdienstes in der Jesus-Christus-Kirche vorzustellen.

Die Kindernothilfe kooperiert seit 1971 mit Partnern und Projekten in Lateinamerika. Im vergangenen Jahr förderte sie auf dem Subkontinent fast 88.000 Kinder und Jugendliche in 148 Projekten, verteilt auf die derzeit acht Partnerländer Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Haiti, Honduras, Guatemala und Peru. Das Finanzvolumen der Kindernothilfe-Lateinamerikaarbeit umfasste 2015 rund 12,7 Millionen Euro.

[Fotos: Johanna Kunz]

Nepal Stories II: Satt und schlau – das Schulessen ist fertig!

Mittagessen ist fertig! Seit die Schüler im bergdorf Attarpur in Nepal mittags verpflegt werden, kommen sie regelmäßiger zum Unterricht.

Mit knurrendem Magen in der Schule: Für Sujan, Achtklässler in der abgelegenen Shanti-Udaya-Schule, war das vor dem Erdbeben 2015 eine alltägliche Zitterpartie. Wenn seine Eltern ihm kein Essen mitgeben konnten oder Kleingeld, um sich etwas zu kaufen, nagte spätestens ab Mittag der Hunger an ihm. Nach dem Erdbeben stellte sich die Frage gar nicht mehr: Die Not war so groß, dass Sujan immer ohne Essen auskommen musste.

In der Schulkantine wird das Essen jeden Tag frisch zubereitet. Das spart Geld und die Kinder müssen nicht mit leerem Magen zu lernen.

In der Schulkantine wird das Essen jeden Tag frisch zubereitet. Das spart Geld und die Kinder müssen nicht mit leerem Magen zu lernen.

Unser Partner AMURT erkannte die Situation und richtete eine Schulkantine ein, in der fortan täglich für die Kinder gekocht wird. „Das hat die Schule und ihr gesamtes Umfeld nachhaltig verändert“, sagt Karl Andersson, Projektkoordinator unserer Partnerorganisation AMURT. Das sieht auch Schulleiter Amir Lal Shrestha so: „Bevor wir für die Kinder Mittagessen anbieten konnten, gab es immer Schüler, die wegen des Nahrungsmangels gar nicht erst zur Schule kamen. Jetzt fehlt keiner mehr“.

Händewaschen nicht vergessen

Jeden Tag um 13 Uhr ist es dann soweit: In der Schule im Bergdorf Attarpur ist das Essen fertig. Es gibt Reis, Brot, verschiedene Hülsenfrüchte und Haluwa-Gemüse. „Wenn die Kinder das Essen woanders kaufen müssten, würde sie das jeden Tag 40 Rupien (etwa 34 Eurocent) kosten“, erklärt der Schulleiter. „Zu viel für die Menschen in dieser Region“.

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Bevor sich die Schüler vor der Essenausgabe anstellen, waschen sie sich sorgfältig Hände und Mund. Nach dem Essen tun sie dasselbe. Für den Schulleiter ist das ein wichtiger Aspekt: „Die Schüler achten seitdem besser auf ihre Hygiene und Gesundheit“.

Gut gelauntes Schlangestehen fürs Mittagessen

Gesundheitsvorsorge inklusive: das Händewaschen gehört immer dazu!

Das Schulessen ist Teil unseres Programms zum Wiederaufbau zerstörter Schulen in Nepal. Dazu gehören auch Schuluniformen, Schultaschen und Schreibmaterial, die unser Partner AMURT an die Schüler verteilt hat.

Nepal Stories I: Gemeinsame Hilfe trägt Früchte

Gute Stimmung herrschte unter den Schülern während der Pflanzaktion

Grüner wird’s nicht? Doch! Mehr als ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in der Region Sindhupalchok können sich die Schülerinnen und Schüler der Shanti-Udaya-Schule wieder um schöne Dinge wie den Schulgarten kümmern. Ab heute berichten wir hier im Blog in loser Folge darüber, wie die Menschen in Nepal dank unserer Unterstützung wieder Mut und Fuß fassen.

Es geht voran in Nepal:  Am 13. Juni, rechtzeitig vor Beginn der Mosunsaison, pflanzen die Schulkinder in Sindhupalchok 300 Setzlinge verschiedener regionaler Baumarten, darunter Pflaumen- und Birnbäume, Pinien und Himalaya-Zypressen. Das Team unseres Projektpartners AMURT, das sich seit der Naturkatastrophe um die Schule kümmert, stellte das frische Grün bereit. Neben den Schülern haben es sich auch die Lehrer und Partner nicht nehmen lassen, bei der Pflanzaktion Hand anzulegen.

Erwartungsvoll gehen die Schülerinnen an die Arbeit

Erwartungsvoll gehen die Schülerinnen an die Arbeit

„Der vom Erdbeben dezimierte Baumbestand rund um die Schule wird nicht nur aus Umweltschutzgründen aufgeforstet“, sagt Schulleiter Amir Lal Shrestha. „Wir pflanzen auch Obstbäume,  damit bessern wir das Schuleinkommen auf“. Der Achtklässler Ganesh Shrestha, der gerade einen Pflaumenbaum gepflanzt hat, findet noch etwas anderes wichtig: „Der Blick ins Grüne macht das Lernen leichter“. Die Kinder freuen sich schon auf den Monsun – eine Zeit, in der man den Bäumen fast beim Wachsen zusehen kann.

Erst mal ein Loch buddeln: Mit der Spitzhacke bereiten die Schüler den Boden vor

Erst mal ein Loch buddeln: Mit der Spitzhacke bereiten die Schüler den Boden vor

Chile: Der steinige Weg der mutigen Familien aus Agüita de la Perdiz

Quelle: Jürgen SchübelinText und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Der Name klingt fast poetisch El Agüita de la Perdiz (frei übersetzt: Der Ort, wo das Rebhuhn Wasser trinkt). Das ist in Lateinamerika oft so: idyllische, romantische Bezeichnungen für eine Realität, die äußerst brutal sein kann. 1957 waren zehn Familien auf der Suche nach Arbeit und einer Perspektive für sich und ihre Kinder vom Land nach Concepción gekommen. Dort fanden sie aber nur extreme Armut und keinerlei Möglichkeit, irgendwo menschenwürdig zu wohnen. Sie entschlossen sich zu einem mutigen Schritt: Sie besetzten in einem kleinen, engen Tal mit steilen Hängen ein Stück Land, das ihnen nicht gehörte. Sie rodeten das Unterholz, beseitigten Müll und Unrat und bauten mit Abfallmaterial, das sie in Concepción zusammentrugen – Wellblech, Holzreste, Pressspan, Pappe – winzige Hütten.

Die erste Selbsthilfeaktion in ganz Lateinamerika?
Dass dieser Verzweiflungsakt in die Geschichtsbücher eingehen würde, konnte niemand der Beteiligten ahnen. Heute streiten sich die Historiker in Chile und den Nachbarländern darüber, ob die toma, die Landnahme von Agüita de la Perdiz, die erste Selbsthilfeaktion dieser Art in ganz Lateinamerika war – oder vielleicht doch die zweite, nach La Victoria, im Südwesten der Hauptstadt Santiago, die praktisch zeitgleich stattfand. Victor Jara, den unvergessenen chilenischen Liedermacher und Sänger, der im September 1973 fünf Tage nach dem Pinochet-Putsch bestialisch ermordet wurde, beeindruckte die Geschichte der Familien aus Agüita de la Perdiz und ihrer Kinder jedenfalls derart, dass er ihnen in seinem Album La Población (Die Armensiedlung) eine Cueca mit dem Namen Sacando Pecho y Brazo (etwa: „In die Hände gespuckt und angepackt“) widmete. Darin ahmen die Musiker mit ihren Stimmen und Instrumenten den Bau der Hütten nach. Video

Staatliche Schikane
Quelle: Jürgen SchübelinEin Jahr nach der toma, am 13. April 1958, gelang es den Familien, ihre kleine Siedlung trotz aller Widrigkeiten offiziell bei der Stadtverwaltung Concepción einschreiben zu lassen. Damals regierte der Konservative Jorge Alessandri das südamerikanische Land. Seine soziale Basis bildeten u.a. die mächtigen Großgrundbesitzer. Eine selbstorganisierte Landnahme durch Wohnungslose, das war in ihren Augen so etwas wie ein Staatsverbrechen. Folglich tat dieser Staat dann auch alles, um den Menschen in Agüita de la Perdiz möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Es gab kein Trinkwasser, keinen Strom, keine Abwasserentsorgung, keine Müllabfuhr und natürlich keine Straßen. Die Zeitungen und das Bürgertum in Chile nannten die nach und nach auch an anderen Orten entstehenden Notsiedlungen verächtlich callampas (aus dem Boden schießende Pilze).

Trotzdem wuchs die Zahl der Menschen, die in dem engen, steilen Tal nach einem Ort zum Wohnen suchten, bis 1973 auf fast 3.000. Am Ende waren ganz Concepción und seine Nachbarkommunen von derartigen Notsiedlungen umgeben. Und noch heute konzentriert sich auf die Provinz Concepción die größte Zahl an campamentos (selbsterrichteten Armensiedlungen) in ganz Chile. Aus diesen Gründerjahren stammt einer dieser Sätze, die man, wenn man in Agüita die steilen Treppen zu den Hütten und Häusern hochsteigt, immer wieder hört: „Wir sind hier wie eine Familie!“ Hätten die Menschen damals dem Druck nicht gemeinsam standgehalten, sich gegenseitig in allen Belangen unterstützt, gäbe es ihre Siedlung nicht mehr.

Besonders hart waren die ersten Jahre nach dem Militärputsch vom 11. September 1973. Dem Pinochet-Regime war die rebellische Siedlung, von der aus man in weniger als einer Viertelstunde zu Fuß zum Campus der Universität von Concepción und in die Innenstadt der zweitgrößten chilenischen Stadt gelangt, zutiefst verhasst. Die Militärs schikanierten die Familien mit allen Mitteln: Zwangsräumungen, Zerstörung der selbstgebauten Hütten, erzwungene Umsiedlungen von Familien in andere Viertel. Aber mit all dieser Repression konnten sie nicht verhindern, dass angesichts der extremen Armut im Land für jede aus Agüita vertriebene Familie sofort eine andere nachströmte.

Der erste Ort in ganz Chile mit demokratischen Strukturen während der Diktatur
Quelle: Jürgen Schübelin
In diese Zeit fällt die mutige Entscheidung der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von Concepción, ausgerechnet an diesem Ort ein Zentrum zu gründen, um gegen die chronische Unterernährung von Babys und Kleinkindern anzukämpfen. Vier Jahre nach dem Putsch, am 5. September 1977, startete das Centro Comunitario Luterano Agüita de la Perdiz mit seiner Arbeit. Sehr schnell wurde klar, dass ein Ernährungsprogramm allein noch keine hinreichende Strategie bildet, um der extremen Armut und der Arbeitslosigkeit entgegen zu treten. Zu der Kinderkrippe kamen deshalb nach und nach ein Kindergarten, eine Kindertagesstätte und die intensive Arbeit mit den Eltern, um mit ihnen gemeinsam Einkommens- und Arbeitsperspektiven zu entwickeln. Los Sobrinitos (die kleinen Nichten und Neffen) nannten die Mitarbeiter und Eltern das Projekt.

Wie entscheidend es war, in diesen bleiernen Jahren unter dem Pinochet-Regime über einen – wenn auch nur sehr bescheiden ausgestatteten – geschützten Ort zu verfügen, um mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten zu können, Netzwerk-Fäden zusammen zu halten und zivilgesellschaftliches Engagement zu ermöglichen, zeigte sich Anfang der achtziger Jahre: Agüita de la Perdiz war der erste Ort in ganz Chile, dessen Bewohner mitten in der Diktatur freie, gleiche und geheime Wahlen für die Leitung ihrer Nachbarschaftsorganisation organisierten und abhielten.

Das Projekt ist das Herz des Stadtviertels
Die Erfahrung, alles erkämpfen zu müssen: das Recht, auf dem besetzten Stückchen Land bleiben zu dürfen, die erste Trinkwasserleitung, die selbstverlegten Stromanschlüsse und die Befestigung der calle Michimalongo, die das Viertel durchzieht, das alles hat die Menschen von Agüita de la Perdiz geprägt. Auch nachdem am 11. März 1990 endlich das Militärregime nach einem verlorenen Plebiszit abtrat und den Weg für den Übergang zur Demokratie freimachte, sahen sich die Familien in Agüita nicht plötzlich auf Rosen gebettet. 13 lange Jahre sollte es noch dauern, bis sich der chilenische Staat endlich dazu durchringen konnte, den Bewohnern dieser Siedlung auch die Eigentumstitel für die kleinen Grundstücke, auf denen ihre Hütten und Häuser stehen, zu gewähren.

Das Projektteam des Centro Comunitario unterstützte bei all diesen Auseinandersetzungen die Familien der 120 Kinder, die hier tagtäglich aus und eingehen, und ihre Nachbarn aus Agüita engagiert, kreativ und ohne Angst anzuecken. „Dieses Zentrum“, sagt eine Nachbarin in einem youtube-Interview, das Studenten der Universität von Concepción aufzeichneten, „das ist das Herz unseres Viertels. Es ist das Beste, was wir je erreicht haben.“

Ein neues Gebäude dank Kindernothilfe-Spender
Quelle: Jürgen Schübelin
Nach drei Jahrzehnten Arbeit unter wirklich extrem beengten Verhältnissen in mehreren ineinander verschachtelten Holzhütten konnte das Projekt 2008 endlich in ein neues, dreigeschossiges Gebäude umziehen, für das Kindernothilfe-Spender den größten Teil der benötigten Mittel aufgebracht hatten. Wer damals die Erzieherinnen erlebte, wie sie jeden Tag mit den Bauarbeitern stritten, um jeden Ansatz von Pfusch am Bau von vornherein zu unterbinden, dem wurde klar, mit welcher Ernsthaftigkeit um dieses Projekt gekämpft wurde. Der Standort blieb der gleiche – und die bauliche Qualität des neuen Zentrums war am Ende so gut, dass bei dem schweren Erdbeben vom 27. Februar 2010, das mit einer Stärke von 8,8 auf der Richter-Skala gewaltige Schäden in Concepción und Umgebung verursachte, außer ein wenig abblätternder Farbe und einigen umgestürzten Möbeln keine Beeinträchtigungen zu vermelden waren.

Trotzdem wurde dieses Erdbeben zur nächsten großen Bewährungsprobe für die Familien in Agüita de la Perdiz. Obwohl auch in der eigenen Siedlung viele Hütten und Häuser schwer beschädigt wurden, Mauern und Dächern einstürzten, organisierten die Nachbarn spontan eine eindrucksvolle Kleider-, Essens- und Geldsammlung, um den Bewohnern des Armenviertels Santa Clara in der Nachbarstadt Talcahuano beizustehen – dort hatte im Gefolge des terremoto auch noch ein Tsunami heftige Verwüstungen angerichtet und Todesopfer gefordert. Die vor allem von der Regionalverwaltung und einschlägigen Medien angeheizte Hysterie, dass Horden von Armenviertelbewohnern plündernd durch Concepción ziehen würden – mit der Konsequenz der Verhängung des Ausnahmezustands und vom Militär überwachten Ausgangssperren – traf die Familien in Agüita de la Perdiz bis ins Mark. Plötzlich standen sie alle wieder unter Generalverdacht, wie ganz am Anfang ihrer Geschichte, als potenzielle Diebe, Plünderer, Kriminelle.

Heute herrschen Unsicherheit und Misstrauen
Quelle: Jürgen Schübelin
„Heute ist unsere Arbeit natürlich anders als während der Diktaturzeit“, sagt Graciela Silva, die Direktorin des Centro Comunitario. Die Probleme sind andere – und auch die verschiedenen Manifestationen von Armut. Aber noch immer geht es um Ausgrenzung, um Das-nicht-dazu-Gehören, um Mechanismen, die das Wirtschafts- und Sozialmodell im Nach-Pinochet-Chile verfestigt hat, damit sich Menschen unter völlig prekären Arbeitsbedingungen – und immer überschuldet – tagaus-tagein verausgaben, um mit ihren Kindern irgendwie über die Runden zu kommen.

„Das hat auch den Zusammenhalt in der Gemeinschaft erodieren lassen“, erklärt Graciela. „Nur noch wenige möchten sich für das Gemeinwohl engagieren. Die Unsicherheit und das gegenseitige Misstrauen sind gewachsen.“ Einige Fälle von schwerer Kriminalität und Gewalt, die es zuletzt gegeben hat – und zwar im Zusammenhang mit dem organisierten Drogenhandel, der sich wie ein Krebsgeschwür in das Viertel frisst –, reichten aus, um die Nachbarschaft auseinanderbrechen zu lassen.

Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Situation der Kinder: Die Fälle häuslicher Gewalt sind wieder angestiegen. Besonders junge Paare und Familien leiden darunter, „was natürlich emotionale und psychische Störungen bei unseren Kindern verursacht“, berichtet Graciela Silva. Und: „Viele können sich nicht mehr wie früher auf ihre familiären Netzwerke verlassen.“

Engagement gegen die Gewalt
Quelle: Jürgen Schübelin
Das Centro Comunitario-Team hat auf diese Herausforderungen reagiert. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet jetzt auch ein Psychologe im Projekt, spezialisiert auf die Arbeit mit Familien in Krisensituationen und soziale Brennpunkt-Konflikte. Die Erzieherinnen selbst haben sich intensiv weitergebildet, um mit schweren Kinderrechtsverletzungen, vor allem im Zusammenhang mit Gewalt in allen ihren Ausdrucksformen, die sie an den Mädchen und Jungen wahrnehmen, professionell umgehen zu können.

Der chilenische Staat, ist – obwohl seit Jahren eingefordert – noch immer nicht in der Lage, ein nationales Jugendschutzgesetz zu verabschieden. Folglich gibt es seitens der politisch Verantwortlichen auch keine Unterstützung für das Team um Graciela Silva, um über das Engagement für die Kinderrechte auch die Erwachsenen immer wieder zu motivieren, Konflikte ohne Gewalt zu lösen und erneut das notwendige Selbstwertgefühl zu entwickeln, das sie so dringend an ihre Kinder weitergeben müssten. „Als Nichtregierungsorganisation, die sich für Kinderrechte engagiert“, sagt die Direktorin des Centro Comunitario, „müssen wir dafür sorgen, dass Gewalt und Aggressivität, Zurückweisung und Vernachlässigung gegenüber Kindern nie als ‚normal‘ betrachtet werden, sondern es in Agüita de la Perdiz und anderswo immer Menschen gibt, die sich dagegen auflehnen und alles dafür geben, die Dinge, so wie sie sind, zu verändern“.

Wie das gelingen kann, haben die zehn pobladores-Familien vor 59 Jahren gezeigt, mit deren Mut und Entschlossenheit in Agüita de la Perdiz alles begann.

(Projekt 92040)

Quelle: Jürgen Schübelin