Artikel mit dem Schlagwort Peru

Kinderhandel in Peru: Gemeinsam gegen „trata“!

Plakat gegen die Ausbeutung von Frauen. (Quelle: Jürgen Schübelin)Weltweit zwölf Millionen Menschen wurden 2016 Opfer einer sogenannten trata – einer Entführung mit dem Ziel, sie kommerziell sexuell auszubeuten. Die meisten waren minderjährig. In Peru kämpft der Kindernothilfe-Partner Paz y Esperanza gegen das organisierte Verbrechen.

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, Kontakt: redaktion@kindernothilfe.de

Die Einladung war einfach unwiderstehlich: Direkt ins Studio, zu Cuéntamelo todo („Erzähl’ mir alles“) mit tollen Fernsehstars. Einmal Show- Ambiente schnuppern und dazu eine Reise nach Lima, in die Hauptstadt! Wochenlang hatte ihr Freund ihr vorgeschwärmt, wie toll das wäre, wenn sie mitkommen würde. Nur erzählen dürfe sie niemandem von dem Plan, vor allem nicht zu Hause, weil dann alle nur neidisch sein würden. Am Ende war es dann ganz einfach: Er wartete vor der Schule in Moyobamba auf sie. Am Omnibusbahnhof, stiegen sie in den Überlandbus. Aber in Lima kamen sie nie an. Das Mädchen war zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt, ihr angeblicher Freund, der Mann, der sie entführte, 24.

Zaida Márquez redet sich regelrecht in Rage, als sie diese Geschichte erzählt. Die 14-jährige Schülerin aus Lamas ist Klassensprecherin und Trata-Präventions-Aktivistin. Immer wieder hat sie miterlebt, wie Kinder aus ihrer Umgebung verschwunden sind und welche Katastrophe das für die Familien bedeutete: „Die Polizei nimmt“, sagt Zaida, „ganz oft die Hinweise und Warnungen von Kindern und Jugendlichen nicht ernst – oder reagiert erst, wenn es zu spät ist. Trata wird verharmlost und runtergespielt!“ Der Begriff trata  steht im Spanischen für Menschenhandel, für die Entführung von Personen – ganz oft mit dem Ziel, sie kommerziell und unter Anwendung von Gewalt sexuell zu missbrauchen. Im Durchschnitt sind die meisten Opfer gerade einmal zwischen zwölf und 17 Jahren alt.

„Trata“ ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür

Trata“, pflichtet Karol Vela, Projektverantwortlicher im Regionalbüro des Kindernothilfe-Partners Paz y Esperanza in Moyobamba im Nordosten von Peru, Zaida bei, „das ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür, das die Provinz Alto Amazonas und die Region San Martin und Loreto befallen hat.“ Selbst die offiziellen Zahlen der peruanischen Generalstaatsanwaltschaft und des Innenministeriums in Lima untermauern diesen Befund: Waren es zwischen 2009 und 2015 insgesamt 3.130 Fälle von Entführungen und Menschenhandel, die den Behörden angezeigt wurden, so stieg diese Zahl 2016 bereits auf über 1.000 und im vergangenen Jahr sogar auf 1.433 dokumentierte Fälle an. Aber alle Fachleute weisen darauf hin, dass diese offiziellen Zahlen höchstens die Spitze des Eisbergs erahnen lassen. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNDOC) mit Sitz in Wien hat für 2016 errechnet, dass weltweit mehr als zwölf Millionen Menschen Opfer von trata geworden sind – und beziffert die jährlichen Gewinne der Menschenhändler auf atemberaubende 28 Milliarden Euro.

Amazonas-Region. (Quelle: Jürgen Schübelin)Warum gerade die eindrucksvolle, dichtbewaldete Berglandschaft am Osthang der Anden, dort, wo die drei Quellflüsse Marañón, Huallaga und Ucayali den Amazonas-Strom entstehen lassen, zu einer Art Epizentrum des trata-Problems in Peru geworden ist, hat für Karol Vela mit Geographie und Politik zu tun: „Das hier ist eine Transit-Region. Hier führen alle wichtigen Straßenrouten in das Amazonas-Tiefland und nach Brasilien durch. Und von hier aus geht es nach Westen in die großen urbanen Zentren Perus, nach Lima oder nach Chiclayo. Und hier war die Präsenz von Polizei und Justiz historisch immer sehr ausgedünnt, weil die Region wirtschaftlich einfach keine große Rolle spielte.“

Mädchen im Projekt malen Plakate gegen sexuelle Ausbeutung.  (Quelle: Jürgen Schübelin)Kontaktaufnahme per Smartphone und die Social Media

Ideale Bedingungen für kriminelle Strukturen, Menschenhändler und ihr Unterstützerumfeld. Aber es kommen noch vier weitere, in dieser Kombination verhängnisvolle Faktoren hinzu: Die chronische Armut im Alto Amazonas, der hohe Anteil an indigener Bevölkerung, ein auch im Vergleich zu anderen Landesteilen niedriger Bildungsstand und das Fehlen von Zukunftsperspektiven für junge Menschen. Zaida, die 14-jährige Anti-trata-Aktivistin, erklärt sehr präzise, was dann passiert: „Die Typen, die sich an die Mädchen heranmachen, haben sich genau umgeschaut. Sie suchen sich Mädchen heraus, die das Bedürfnis haben, mal im Rampenlicht zu stehen, die davon träumen, an Kindershows im Fernsehen mitzumachen oder die Produkte im Internet vorstellen wollen, also berühmte Influencerinnen werden möchten. Neulich hat jemand sogar einer Freundin versprochen, dass er ihr helfen würde, als Stewardess in einem Flugzeug zu arbeiten.“

Diese Versprechen sind wie ein schleichendes Gift. Ganz viel spielt sich dabei mittlerweile über das Smartphone und die Social Media ab: YouTube, Instagram, Snapchat, Facebook, Twitter, WhatsApp und andere Messenger-Dienste werden auch im Alto Amazonas intensiv genutzt. Sie erleichtern das Geschäft von Kriminellen, Kontakte zu Kindern und Jugendlichen zu knüpfen, sie psychologisch zu manipulieren, unter Druck zu setzen. Durch Techniken wie sexting (die Aufforderung, per Selfie erotische Aufnahmen von sich zu machen und zu versenden) oder grooming (Erwachsene erschleichen sich über Social-Media-Seiten und gefälschte Profile das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen) machen sie sie gefügig– und bewegen sie so zum Mitkommen. „Wenn ein Kind erst einmal mit einem fremden Erwachsenen in einen Bus oder einen Pickup eingestiegen ist“, räumt Karol Vela , „haben wir so gut wie keine Chance mehr, um die Katastrophe abzuwenden.“ Überlandbusse werden nur ganz selten kontrolliert, Privatfahrzeuge gar nicht.

Im Fall des Mädchens, das vor seiner Schule in Moyobamba verschwunden ist, angeblich, um zu einer Fernsehshow zu reisen, waren es Verwandte, die das Kind zufällig nach Monaten im 350 Kilometer entfernten Jaén entdeckten. Ihr Entführer hatte sie in ein vor allem von Lastwagenfahrern frequentiertes Bordell verschleppt. Weil die  traumatisierte Familie keine Strafanzeige stellte, blieb das Verbrechen ohne rechtliche Konsequenzen.

Ein Theaterstück klärt über "trata" auf. (Quelle: Jürgen Schübelin)Theaterstücke zur Aufklärung über „trata“

Das Regionalteam von Paz y Esperanza hat sich angesichts der Dramatik des Problems für eine konsequente Doppelstrategie entschieden. Deren erste Komponente ist eine flächendeckende, 30 Schulen in der Region zwischen Tarapoto und Moyobamba umfassende Präventionsarbeit, an der sich Kinder und Jugendliche, mehr als 200 Lehrer und zahlreiche Eltern beteiligen. „Am Anfang gab es sehr viel Nichtwissen, aber auch Hemmschwellen, um über Probleme in den Familien zu sprechen“, räumt Eugenio Silva, der Schulleiter der Grund- und Sekundarschule von Barranquita, ein: „Aber genau diese Probleme zwischen Erwachsenen und Kindern, das fehlende Vertrauen oder auch die Erfahrung von Gewalt in der Familie sind die Sollbruchstellen, die Kriminelle nutzen, um sich an die Kinder ranzumachen.“ Aber auch  Lehrer mussten lernen, sorgfältiger hinzuschauen und zu reagieren, etwa dann, wenn sie bemerken, dass Kinder plötzlich über mehr Geld als üblich verfügen – oder über ein neues, teures Smartphone, obwohl es der Familie insgesamt wirtschaftlich nicht besser geht.

Den wohl wichtigsten Beitrag zur Prävention im Alto Amazonas leisten jedoch die Kinder und Jugendlichen selbst: Aktivistinnen wie  Zaida, die mittlerweile jede Menge anderer Schulen besucht hat, um über ihre Erfahrungen und Beobachtungen in Sachen trata zu sprechen, oder aber die mehr als 20 Schultheatergruppen, die während eines ganzen Schuljahres Stücke geschrieben und eingeübt hatten, in denen es um trata geht. In Barranquita spielen sie auf dem Schulsportplatz vor allen Mitschülern die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die einwilligt, ihre beiden Töchter einem überaus chic angezogen und eloquent auftretenden Cousin aus Lima anzuvertrauen, der vorgibt, ganz dringend zwei Mitarbeiterinnen für ein vornehmes Restaurant zu benötigen. Die Geschichte im Stück geht nicht gut aus: Der Cousin verkauft die beiden Mädchen in ein Bordell, wo sie brutal misshandelt werden. Und am Ende töten die Peiniger nach einem Fluchtversuch eines der beiden Kinder. Die  Mädchen und Jungen spielen das alles so eindrucksvoll, dass zum Schluss allen Zuschauenden, Kindern und Erwachsenen, die Tränen in den Augen stehen.

Plakat gegen Missbrauch. (Quelle: Jürgen Schübelin)Ein Netzwerk gegen die ‚“trata“

Die zweite Komponente dieser erbittert geführten Auseinandersetzung und dem mühsamen Engagement gegen trata hat mit den handelnden staatlichen Akteuren zu tun. Seit sechs Jahren kämpft das Paz y Esperanza-Team darum, die Verantwortlichen der verschiedenen Behörden und Institutionen an einen Tisch zu bekommen. 2013 erlies die Regionalregierung immerhin ein Dekret, um im Alto Amazonas ein regionales Netzwerk gegen trata zu konstituieren. Kompetenzstreitigkeiten und wohl auch fehlendes Vertrauen zwischen den handelnden Personen verhinderten, dass die Initiative Erfolg hatte. Erst mit dem zweiten Anlauf kam 2015 la Red Regional contra la Trata schließlich zustande: Jetzt finden regelmäßige Treffen zwischen den verschiedenen Polizeibehörden, der Staatsanwaltschaft, den Schulämtern, der Regionalverwaltung, den Krankenhäusern und Organisationen aus der Zivilgesellschaft wie Paz y Esperanza statt. Das Netzwerk hat drei Unterkommissionen konstituiert: für Vorbeugung, Strafverfolgung der Täter und für die medizinische und psychologische Hilfe für die Opfer und ihre Familien.

Karol Vela räumt ein: „Das Thema ist endlich in der Region angekommen. Die Verantwortlichen sind aufgewacht.“ Zu spüren bekommen das auch die Täter: Anders als in früheren Jahren gibt es in der Region San Martin inzwischen 37 laufende Strafverfahren gegen Personen, die Kinder und Jugendliche entführt und sexuell ausgebeutet haben. In immerhin 42 Fällen wurden Ermittlungen eingeleitet. Einige der Kinder mussten mit ihren Familien in ein Zeugenschutzprogramm, um die Verfahren gegen Schlüsselpersonen aus Strukturen des organisierten Verbrechens überhaupt einleiten zu können – aber noch immer gibt es die Fälle, in denen die Entführer völlig straffrei davonkommen. Das Paz y Esperanza-Team ist deshalb davon überzeugt, dass es dringend noch mehr internationalen Druck auf die peruanische Zentralregierung in Lima braucht, um wirklich den Durchbruch zu schaffen.  Das nächste Etappenziel besteht darin, das Leiden der trata-Opfer in der Amazonas-Region beim nächsten Universal Periodic Review-Verfahren zu Peru vor dem UNO-Menschenrechtsrat in Genf zu thematisieren. „Was wir brauchen“, sagt Karol Vela, „sind keine weiteren Versprechen – sondern die konsequente Umsetzung der getroffenen Vereinbarungen und verabschiedeten Aktionspläne“. Zaida wünscht sich nur eines: „Alle Kinder und Jugendlichen müssen sich der Gefahren und Risiken, die trata für sie bedeutet, bewusst sein – und gegenseitig viel sorgfältiger aufeinander aufpassen!“

Weiterführende Links zur Arbeit des Kindernothilfe-Projektpartner Paz y Esperanza:
http://www.pazyesperanza.org/pe/lo-que-sucede
http://www.pazyesperanza.org/pe/como-trabajamos/pir

 

 

 

 

 

Kältewelle: Nothilfe für Andendörfer in Peru

Die Kältewelle in den peruanischen Hochanden stellt die Bauern vor existentielle Probleme.

Während Europa in den Sommermonaten eine extreme Hitzeperiode erlebte, litten ganze Andenregionen unter einem ungewöhnlich harten Winter – und hatten kaum Möglichkeiten, sich vor den wochenlangen Eisestemperaturen zu schützen. Staatliche Hilfen? Fehlanzeige. Die Folgen: Erkrankungen, fehlende Medikamente, Schulausfall. Wir haben ein Nothilfeprogramm gestartet, das vor allem die Kinder im Blick hat – sie leiden besonders unter der Kälte.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik Den ganzen Beitrag lesen »

Die Häuserbauerinnen von Moro

Moro nach der Unwetterkatastrophe

Moro nach der Unwetterkatastrophe

Text: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, Fotos: Jürgen Schübelin sowie der Kindernothilfe-Partner Aportes

Señora Cirila hat das Leben immer schon sehr viel abverlangt. Acht Kinder brachte sie zur Welt und musste dafür kämpfen, sie jeden Tag irgendwie satt zu bekommen – an der kahlen, kargen Südseite der Quebrada von Anta, auf die fast das ganze Jahr die Sonne knallt und kaum Landwirtschaft möglich ist, eine Riesenherausforderung! Aber dank der Ziegen, die dann doch noch überall etwas Futter finden, ging es irgendwie. Bis zu jener entsetzlichen Woche im März 2017, als es in der Küstenkordillere in der Region Ancash, die normalerweise im Jahresmittel so gut wie überhaupt keine Niederschläge abbekommt, tagelang nicht aufhörte zu regnen: El fenómeno del Niño Costero nennen Meteorologen diese Klimaanomalie. Die Folgen waren entlang der gesamten Pazifikküste im Norden Perus verheerend: 162 Tote, 19 bis heute Verschwundene, Hunderte Verletzte, 66.000 komplett zerstörte Häuser, fast 400.000 stark beschädigte Wohnungen und Gebäude.

Señora Cirila

Señora Cirilas kleines Haus rissen die Wasser- und Schlammmassen, die die Quebrada von Anta herunterschossen, einfach mit. Mit ihren Kindern schaffte sie es in letzter Minute ins Freie. Aber alle Tiere starben. Alles, was Señora Cirila und ihre Familie je in ihrem Leben besessen hatten, holte sich der Niño Costero. Dazu gehörte auch die kleine Parzelle auf der anderen, der schattigen Seite der Quebrada mit den Kakteen und Maispflanzen, von der der Schlamm und das Geröll nichts übrig ließ. „Dann begann eine ganz schwere Zeit“, erinnert sich Cirila, „wir haben wochenlang gehungert.“ Denn auch die Nachbarn hatten nichts mehr, und Anta, ein kleiner Ort ganz am Ende eines der vier Täler, die den Verwaltungssitz Moro umgeben, war völlig von der Außenwelt abgeschnitten.

Das Warten auf Hilfe

Wie ganz oft nach Katastrophen in Lateinamerika gab es Hilfe für die Überlebenden nur dort, wohin Fahrzeuge und Fernsehteams kamen. Moro und die kleinen Dörfer in den vier Quebradas erfüllten dieses Kriterium nicht. Die Kommunalverwaltung war von der Dimension des Desasters völlig überfordert und verfügte über keine Mittel, um zu den Menschen in den abgeschlossenen Orten vorzustoßen. Carmen Alemán von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Aportes erinnert sich an diese dramatischen Tage: „Telefonleitungen existierten nicht, und die Handys hatten keine Verbindung mehr.“ Aber, weil Aportes im Rahmen eines Kinderrechte-Projektes zusammen mit den Dorfgemeinschaften in den vergangenen Jahren kleine Solar-Panels aufgestellt und Lokalradios aufgebaut hatte, „konnten uns“, so Carmen Alemán, „die Ortsvorsteher, Lehrer und Leute aus den Organisationen über UKW-Frequenzen erreichen und darüber informieren, wie groß die Schäden sind und vor allem, was fehlte. Über diese lokalen Strukturen identifizierten wir dann in 20 kleinen Dörfern – verteilt auf vier Täler – diejenigen 652 Familien, deren adobe-Häuser eingestürzt oder stark beschädigt waren und die am dringendsten Hilfe benötigten. Alles in allem also rund 3.000 Personen.“

Verteilung der Hilfsgüter

Verteilung der Hilfsgüter

Was dann folgte, war eine extrem aufwändige und logistisch außerordentlich schwierige Hilfsaktion, für die die Kindernothilfe die benötigten Mittel als Sofort-Unterstützung zur Verfügung stellte. Carmen Alemán erinnert sich an alle Details: „In einige Dörfer schafften wir es mit Vierradantrieb, in andere nur über die Berge mit Motorrädern – zum Teil auch mit Lastenmotorrädern, die uns halfen, Hilfsgüter zu transportieren. Und aus einigen Orten kamen die Frauen und Kinder zu Fuß zu den über Radio verabredeten Verteilstellen – zweieinhalb Stunden Fußmarsch hin, zweieinhalb Stunden zurück –, während die Männer zu Hause Schlamm und Geröll aus den Häusern schaufelten und versuchten, die Dächer zu reparieren.“ Sehr schnell wurde klar, dass es vor allem an Grundnahrungsmitteln fehlte, Nudeln, Reis, Milchpulver – aber auch an Hygieneartikeln wie Chlor, Seife, Waschpulver, Shampoo oder Trinkwasser in Fünfliter-Galonen. 652 sorgfältig mit all diesen Produkten bepackte Plastiksäcke konnten innerhalb weniger Tage verteilt werden.

Aber bereits während dieser Soforthilfe-Kampagne verstand das Aportes-Team, dass es noch eine ganz andere, viel schwierigere und komplexere Heraufforderung gab: Denjenigen, deren Häuser komplett zerstört wurden und die nicht in der Lage waren, selbst den Wiederaufbau zu bewerkstelligen, wieder zu einem Dach über dem Kopf zu verhelfen! Nachbarn und die ehrenamtlichen Kindesschutzberaterinnen in den kleinen Dörfern halfen mit, die dringendsten und dramatischsten Fälle zu erfassen und dokumentieren: Witwen mit ihren Kindern, Alleinerziehende, Familien mit Kindern mit Behinderungen oder Personen mit schweren, chronischen Erkrankungen, die zu Hause gepflegt werden. Am Ende waren es 33 Familien aus neun verschiedenen Dörfern rund um Moro, die in dieser Dringlichkeitsliste ganz oben standen.

Die Architekten-Zeichnung mit dem Modell für die 33 Häuser

Der Wiederaufbau – eine Herausforderung

Leticia und Henri, zwei erfahrene Architekten, ließen sich auf die Herausforderung ein, besuchten alle Orte, lernten die Familien und ihre Lebensbedingungen kennen, hörten ausführlich zu und entschieden sich dann für einen mutigen Vorschlag: „Wir verstanden“, erklärt Henri, „dass die Häuser – wenn das Ganze auf Akzeptanz stoßen soll – nur mit dem Material wieder aufgebaut werden können, das die Menschen kennen: adobe – selbst gefertigten Lehmziegeln. Ganz traditionell und trotzdem technisch so verbessert, dass die neuen Häuser jeder Witterung standhalten.“ Der von ihnen entwickelte Bauplan sah einen Innengrundriss von 36 Quadratmetern vor, zwei Räume, beide mit Fenstern, und das Ganze bei Bedarf erweiterungsfähig. Für alle 33 Familien bedeutete das eine deutliche Verbesserung gegenüber ihrer bisherigen Wohnsituation.

Die größte Hürde für das Aportes-Team, aber auch für die beteiligten Familien, waren die sich teilweise über Wochen hinziehenden Aushandlungsprozesse und die Überzeugungsarbeit dafür, dass es nicht möglich sein würde, die Häuser exakt am alten Standort wieder aufzubauen, sondern in jedem Einzelfall eine sicherere, vor möglichen zukünftigen Überschwemmungen geschützte Lage gefunden werden müsste. „Es ist den Menschen unwahrscheinlich schwer gefallen, den Ort aufzugeben, an dem die Familien zum Teil über Generationen hinweg gewohnt haben“, räumt Architekt Henri ein. Oftmals halfen Nachbarn mit, für die Einsicht zu werben, dass der neue Standort einfach sicherer sein müsse. Gebaut wurden die 33 Häuser deshalb ganz oft auf kleinen Anhöhen, strategisch so gelegen, dass selbst bei Starkregen das Wasser in zwei Richtungen abfließen kann.

Mit allen 33 Familien schloss Aportes einen Vertrag, in dem sich die Familien verpflichteten, die benötigten adobe-Ziegel selbst herzustellen, angeleitet von Handwerkern, nach präzise Vorgaben, was Maße und die exakte Zusammensetzung der Lehm-Stroh-Mischung anbelangt. Und auch das war Teil des deals: Bei den Bauarbeiten sollte immer die ganze Familie mitanpacken. Die neben den adobe benötigten Materialien, Zement für die Fundamente, Holz für die Dachkonstruktion, das Aluminum-Zinkblech für die Dächer, die Geogitterbewehrung, um die Mauern stabiler zu machen, Gips und Farbe stellte Aportes, finanziert durch die Kindernothilfe – genauso wie die Transport- und die Lohnkosten der beteiligten Handwerker. Rund 5.500 Euro kamen auf diese Weise an finanziellen Aufwendungen für jedes der 33 Häuser zusammen: Autoconstrucción guiada – angeleitetes, fachlich unterstütztes Selbstbauen – nennt man dieses Arbeitsprinzip, das auch vom Programm der Vereinten Nationen für das Wohn- und Siedlungswesen (UN-Habitat) als eine besonders nachhaltige Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Regionen mit großer Armut empfohlen wird.

Señora Cirila mit ihren Adobe-Steinen

Die Frauen packten mit an!

Señora Cirila und ihre Kinder hatten im August die adobe-Ziegel fertig. Danach dauerte es noch drei Monate, bis das neue Haus stand. Ihr Nachbar, don Jorge Máximo, unterstützte die Familie engagiert. „Wir haben von Woche zu Woche gesehen, was dieses Projekt mit den Frauen gemacht hat“, sagt Carmen Alemán: „Es gab eine klare Botschaft an alle: Die Frauen bauen! Und sie können das!“ Dieser Selbstbewusstseins-Schub ist für das Aportes-Team in der traditionell-archaisch geprägten Welt der kleinen Dörfer von Ancash mit der klaren Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen und immer wieder auch ganz viel machistischer Gewalt, ein wichtiges Ergebnis dieses Humanitäre Hilfe-Projektes: „Dass die Frauen gelernt haben, wie es geht, ein Haus zu bauen, macht sie unabhängiger, weniger verletzbar“, ist sich Carmen Alemán sicher.

Mit von der Partie waren während der ganzen Zeit aber auch die Kinder. Sie halfen beim Herstellen der Lehmziegel und dabei, die adobe jeden Tag umzudrehen, um sie in der Sonne trocken und hart werden zu lassen. Sie wichen den maestros, den Handwerkern, nicht von der Seite, als die Fundamente gegossen und die Mauern hochgezogen wurden. Für die achtjährige Amelia, die ganz genau erklären kann, worauf es bei einem guten adobe-Ziegelstein ankommt und wie wichtig es ist, dass er nicht zu früh zu viel Sonne abbekommt, austrocknet und bricht, ist jedenfalls klar, was sie später mal machen will: „Häuser bauen!“

Auf Wiedersehen!

Weitere Infos zur Unwetterkatastrophe in Moro:

 

Peru eineinhalb Monate nach den Regenfluten

 

 

Peru eineinhalb Monate nach den Regenfluten

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, dass unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Kinder in den von der Katastrophe betroffenen Dörfern freuen sich über das Spielzeug, das unser Partner ihnen mitgebracht hat.

„Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken“: Telefoninterview mit Carmen Alemán, Direktorin der peruanischen Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, über die Lage im Norden des Landes und die von der Kindernothilfe finanzierte Humanitäre Hilfe

„Was sich hier abspielte, war für die Menschen in dieser Landschaft schlicht unvorstellbar! Niemand, auch nicht die ganz Alten, hatte jemals derartige Regenmassen und Überschwemmungen erlebt“: Carmen Alemán, die Direktorin der Kindernothilfe-Partnerorganisation APORTES, beschreibt die Lage in den Dörfern rund um die Kleinstadt Moro, 60 Kilometer östlich von Chimbote, in der Region Ancash, auch eineinhalb Monate nach den extremen Starkregenfällen immer noch als extrem prekär und angespannt. Aber sie schildert in diesem Telefoninterview auch Erfahrungen anrührender Solidarität der Betroffenen untereinander, die sie und das APORTES-Team vor Ort während ihrer Humanitäre-Hilfe-Einsätze in den zurückliegenden Wochen erlebten.

Mindestens 72 Menschen kamen durch Schlammlawinen und Erdrutsche im Gefolge der Überschwemmungen Mitte und Ende März in Peru ums Leben, 72.000 Personen verloren ihre Häuser und 600.000 weitere sind durch die Folgen der Katastrophe unmittelbar betroffen. Kindernothilfe stellte 75.000 Euro für Soforthilfe-Maßnahmen zur Verfügung.

Warum haben diese Regenfälle denn so verheerende Schäden angerichtet?

Carmen Alemán: Diese Landschaft im Norden Perus, entlang der Pazifikküste, ist normalerweise extrem trocken – es gibt nur ganz wenige Niederschläge. Bachläufe und Flussbetten führen so gut wie kein Wasser. Und es gibt wenig Vegetation. Wenn es regnet, nimmt die Erde keine Feuchtigkeit auf, das Wasser schießt ungebremst zu Tal. Durch die Klimaveränderungen – verstärkt durch das El Niño-Phänomen mit dem aufgeheizten Oberflächenwasser des Humboldt-Stroms – häufen sich extreme Wetterereignisse und entsprechende Katastrophen. Weder die Städte entlang der Küste – und schon gar nicht die kleinen Dörfer im Hinterland mit den Häusern aus Adobe (Lehmziegeln) – hielten diesen Wassermassen stand. Die Menschen in dieser Landschaft sind schlicht nicht auf Starkregen vorbereitet. Sie hatten gegenüber den unglaublichen Kräften der Wassermassen keine Chance.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Die Wassermassen haben die traditionellen Lehmziegelhäuser in den Dörfern einfach fortgespült.

Wie ist das APORTES-Team vorgegangen, um den Familien bei Moro beizustehen? Um warum konzentrierte sich dieser Humanitäre-Hilfe-Einsatz ausgerechnet auf diese Zone?

Carmen Alemán: Wir haben sehr schnell gesehen, dass sich – wie schon nach dem Erdbeben von Ica und Pisco damals im August 2007 – die Hilfsmaßnahmen der staatlichen Institutionen und vieler Nichtregierungsorganisationen vor allem auf die Städte fokussierten. Dort ist viel zu tun – das steht außer Frage –, aber Städte sind leicht erreichbar und dort gibt es auch viel Aufmerksamkeit und Medienberichterstattung. Die Orte im Hinterland geraten dabei oft ins Hintertreffen. Als APORTES-Team arbeiten wir nun schon seit einigen Jahren im Rahmen eines Projektes mit der Europäischen Union in den extrem armen ländlichen Zonen der Region Ancash. Sofort, als wir mitbekamen, was sich um Moro herum abgespielt hat, war uns klar, dass wir uns hier engagieren müssen. Das Problem während dieser entsetzlichen Tage Mitte März bestand darin, dass die meisten Orte durch Erdrutsche und Schlammlawinen von der Außenwelt abgeschnitten waren. Es gab keine Chance, zu den Menschen vorzudringen – Telefonleitungen existierten nicht und Handys hatten keine Verbindung mehr.

Und wie funktionierte denn dann die Kommunikation?

Carmen Alemán: Zusammen mit den Dorfgemeinschaften hatten wir seit zwei Jahren kleine Solar-Panels aufgestellt und Lokalradios aufgebaut. Über UKW-Frequenzen konnten uns die Ortsvorsteher, Lehrer und Leute aus den Organisationen vor Ort erreichen und darüber informieren, wie groß die Schäden sind und vor allem was fehlte. Über diese lokalen Strukturen identifizierten wir dann in 20 kleinen Dörfern – verteilt auf vier Täler – diejenigen 652 Familien, deren Adobe-Häuser eingestürzt oder stark beschädigt waren und die am dringendsten Hilfe benötigten. Alles in allem also rund 3.000 Personen.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Die bedürftigsten Familien auszuwählen war nicht leicht. Viele Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Wie konnten diese Familien denn durch das APORTES-Team vor Ort erreicht werden?

Carmen Alemán: Das war die schwierigste logistische Herausforderung von allen. Die Wassermassen – sowie die Schlamm- und Gerölllawinen – hatten die Wege zerstört und viele Brücken weggerissen. Bis heute gibt es immer noch Orte, die mit Fahrzeugen nicht erreichbar sind. In einige Dörfer schafften wir es mit Vierradantrieb, in andere nur über die Berge mit Motorrädern – zum Teil auch mit Lastenmotorrädern, die uns halfen, Hilfsgüter zu transportieren. Und aus einigen Orten kamen die Frauen und Kinder zu Fuß zu den über Radio verabredeten Verteilstellen – zweieinhalb Stunden Fußmarsch hin, zweieinhalb Stunden zurück –, während die Männer zu Hause Schlamm und Geröll aus den Häusern schaufelten und versuchten, die Dächer zu reparieren.

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Eine der vielen zerstörten Brücken im Überschwemmungsgebiet

Was brauchten die Menschen in dieser Situation denn am allerdringendsten?

Carmen Alemán: Genau das konnten wir am Radio mit den Verantwortlichen in den Dörfern besprechen. Sehr schnell wurde klar, dass es an unverderblichen Lebensmitteln fehlt, an Grundnahrungsmitteln, Milchpulver – aber dann vor allem auch an Hygieneartikeln wie Chlor, Seife, Waschpulver, Shampoo. Oder auch Trinkwasser in Fünfliter-Galonen. Viele Menschen berichteten uns, dass sie seit Tagen nur noch aufgefangenes Regenwasser getrunken hätten. In einer zweiten Verteilaktion, dann schon Ende März, Anfang April, konzentrierten wir uns auf Medikamente: Mittel gegen Durchfälle, Magen-Darm-Infektionen, gegen Hauterkrankungen im Gefolge der Arbeit im Schlamm und Wasser. Ganz wichtig war uns aber auch, bei jedem Besuch in einem der Dörfer immer auch Material für die Kinder dabei zu haben: Bälle zum Spielen, Hüpfseile, Malsachen. Das kam extrem gut an. Die Leute sagten uns: „Ihr seid die Ersten, die an die Kinder denken!“

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Gerade den Kindern steckt der Schreck über das Erlebte noch in den Knochen. Das Spielzeug hilft ihnen, auf andere Gedanken zu kommen.

Wie ging es den Kindern nach diesen dramatischen Wochen im März?

Carmen Alemán: Wir gewannen den Eindruck, dass viele Kinder noch unter Schock standen. Mädchen und Jungen erzählten uns, dass sie immer noch diesen schrecklichen Lärm der ins Tal schießenden Wassermassen im Ohr hätten, Geräusche, die dann entstehen, wenn Wasser Felsbrocken mit sich reißt und ganze Geröllhalden abstürzen. Die Mütter schilderten, dass die gesamte Familie aufschrecken würde, sobald es wieder zu regnen beginnt – und der Schreck über das Erlebte allen noch in den Knochen steckte. In einem der Dörfer haben die Menschen aus nächster Nähe miterlebt, wie ein Nachbar von den Fluten mitgerissen wurde und starb. Deswegen war es so wichtig zu spüren, wie gut es den Familien getan hat, die Kindernothilfe-APORTES-Hilfsaktion gemeinsam mit uns zu organisieren und bei der Verteilung einen entscheidenden Beitrag zu leisten.

Haben denn die Hilfsgüter für alle Betroffenen in diesen 20 kleinen Dörfern gereicht?

Carmen Alemán: Nein. Deswegen ist es in einer solchen Situation ja so entscheidend, dass uns die Menschen vor Ort helfen, diejenigen zu identifizieren, die am dringendsten Hilfe benötigen. Aber es hat uns alle vom APORTES-Team extrem berührt mitzuerleben, wie die Familien miteinander teilten, wenn die Hilfsgüter wirklich nicht ausreichten und wir die Lage deutlich desolater vorfanden als am Radio geschildert. Die Frauen schnürten einfach die von uns gepackten mitgebrachten 45 Pakete auf, machten aus einem kit zwei und sorgten so dafür, dass alle Familien etwas erhielten. Diese Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft hat uns alle sehr beeindruckt.

Wie wird es jetzt in diesen kleinen Dörfern bei Moro weitergehen? Was hat sich APORTES überlegt?

Carmen Alemán: Wir müssen realistischerweise sagen, dass die Menschen in diesen Orten von den staatlichen Wiederaufbaumaßnahmen im Norden Perus nicht oder nur sehr wenig profitieren werden. Die Anstrengungen konzentrieren sich auf Städte und größere Kommunen. Es wäre aber schon ein Erfolg, wenn die politisch Verantwortlichen vor Ort erreichen könnten, dass die Wege mit schwerem Gerät freigeräumt, Brücken repariert und die beschädigten Gemeindeschulen instandgesetzt werden. Wir als APORTES-Team würden sehr gerne mit den Dorfgemeinschaften zusammenarbeiten, die am stärksten beschädigten Häuser wieder aufzubauen – und zwar so, dass die traditionelle Lehmziegelbauweise durch Zement verstärkt wird – und die zerstörten Dächer neu gedeckt werden können. Wir haben einen Architekten gefunden, der uns bei diesem Vorhaben unterstützt. Das wäre kein Riesenprogramm, weil ja alles in Eigenbau geschieht, aber eine große Hilfe, um den Familien wieder zu einem bewohnbaren Zuhause zu verhelfen.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

Transport von Hilfsgütern über eine Behelfsbrücke. Die Einschränkungen durch die Zerstörungen sind immer noch groß.

(Die Fragen stellte Jürgen Schübelin.)

APORTES ist seit dem Jahr 2000 Kindernothilfe-Partner. Die Organisation hat sich u.a. auf ländliche Gemeinwesen-Entwicklungs-Programme, aber auch Initiativen zum Schutz von Kindern vor Gewalt spezialisiert. Carmen Alemán, die APORTES-Direktorin, ist gelernte Betriebswirtin und hat zusätzlich ein Master-Studium in Sozialentwicklung absolviert.

Wie Kinder kaputt gemacht werden

Dr. Norbert Blüm, Arbeitsminister a.D. und Vorsitzender des Stiftungsrates der Kindernothilfestiftung, ist zurzeit für die Kindernothilfe in Peru unterwegs. In der nordperuanischen Stadt Chota hat er einen Steinbruch besucht, in dem Kinder unter schwierigsten Umständen harte Arbeit verrichten müssen.Man muss die Kindern im Steinbruch von La Cangana gesehen haben, um zu begreifen, wie Kinder kaputt gemacht werden, ihre Gesundheit und Zukunft zerstört wird. Für 5 Cent Lohn in der Stunde zertrümmern sie große Steinbrocken zu kleinen Schottersteinen. Nach der Schule ab in die Steinbrüche oberhalb der nordperuanischen Stadt Chota, das ist der Alltag von  Hunderten von Kindern. In diesen Steinbrüchen haben schon die meisten der Väter dieser Kinder gearbeitet, die jetzt mit Staublunge zu Hause liegen. So schafft sich die Ausbeutung ihren Generationen-Nachschub. Schulaufgaben, wenn die Kinder dazu überhaupt noch die Kraft haben, machen sie nachts.

Der Einfallsreichtum der Ausbeutung ist groß: Den Hammer müssen sich die Kinder selbst kaufen. Allein um ihn bezahlen zu können, sind schon mal sechs Wochen Arbeit notwendig. Die Acht- bis Vierzehnjährigen arbeiten auch deshalb, damit sie das Schulgeld  bezahlen, sich Schuluniform und Hefte leisten können. Die teuflische Logik dieses Systems ist, wenn du nicht in die Schule gehst, musst du auch nicht im Steinbruch arbeiten. Das ist eine neue, heimtückische Variante der Zukunftsvernichtung für Kinder.

Die Politik versagt. Sie kümmert sich nicht um die Kinder, die zerstört werden. Jeder Schlag mit dem Hammer auf die Steine von La Cangana ist ein Schlag in die Gesichter der Kinder von Chota. Wann erfüllen die Regierungen endlich die Verträge, die sie unterschrieben haben? Wann wacht endlich die internationale Arbeitsorganisation über die Einhaltung dieser Konventionen? Und wann kümmern sich die Gewerkschaften um Kinder in Not?

 Die Kinder von La Cangana rufen nach Hilfe, so wie die Kinder aus Tausenden anderer Steinbrüchen der Erde.

Dr. Norbert Blüm mit Kinderarbeitern im Steinbruch

Dr. Norbert Blüm mit Kinderarbeitern im Steinbruch