Artikel vom 29. September 2016

Nepal Stories V: Volkstheater mit Lerneffekt

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Mehr als Schauspiel: Straßentheater als Appell an die Zuschauer

Plötzlich wird die Straße zur Bühne. Die Menschen bleiben stehen, sind wie gebannt – und kommen dabei ins Grübeln. Was sie so fesselt, sind Geschichten aus ihrem Alltag. „Als würde ich einem Nachbarn beim Streit mit seiner Frau zugucken“, sagt eine Zuschauerin staunend. Die Schauspieler sind Künstler, aber auch Schüler. Ermuntert und bei ihren Aufführungen begleitet hat sie unser Partner AMURT.

Zwanzig Schulkinder der Setidevi-Sekundarschule in Pangretar begeistern die Dorfbewohner seit einigen Monaten immer wieder mit ihren selbstgeschriebenen Stücken. Im ihrem neuen Theaterstück geht es um eine ganz normale Familie. Der Sohn darf die Schule besuchen, die Tochter muss im Haushalt helfen und wird viel zu früh verheiratet. Da sie keine Mitgift hat, wird sie von ihrer Schwiegermutter terrorisiert. Als sie schließlich ein Kind bekommt, stirbt sie bei der Geburt.

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!"

Schüler bei einer Theateraufführung im Dorf Pangretar: „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden!“

Die tragische Geschichte lässt die Zuschauer bei der Aufführung Mitte Juni tief beeindruckt zurück. „Töchter dürfen nicht so schlecht behandelt werden“, findet etwa Bipana Roka, eine Achtklässlerin. „Keine Schule, jung heiraten und dann auch noch geschlagen werden – das geht nicht!“ Tatsächlich hat das Theaterstück auch lustige Momente und regt so gleichermaßen zum Lachen und Weinen an – vor allem aber zum Denken. Schließlich sind im Dorf und auch unter den Eltern und Kindern der Setidevi-Schule viele der angesprochenen Probleme noch immer an der Tagesordnung. Das Kinderrechte-Komitee der Schule, das das Stück aufführt, will genau das ändern.

Missstände anprangern

Ebenfalls im Juni verwandelte eine Gruppe von Künstlern den zentralen Markt von Khadichour in ein Straßentheater. An die 300 Menschen sahen ganze zwei Stunden lang gebannt dabei zu, wie dort auf der „Bühne“ eine Familie auseinanderfiel.

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Menschentraube um die Freilichtbühne: Straßentheater in Khadichour/Nepal

Der alkoholsüchtige Vater macht seiner Frau das Leben zur Hölle. Der einzige Sohn ist dem Kartenspiel verfallen. Eine der Töchter fällt im Internet einem Menschenhändler zum Opfer, die andere wird in der Familie ihres Ehemannes derart schlecht behandelt, dass sie sich das Leben nehmen will. Zum Glück rettet sie die Polizei und die Familie kommt wieder zusammen.

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Die Sitte der Mitgift vergiftet das Leben vieler junger Frauen: Szene aus einem Straßentheaterstück

Bus verpasst

Einer der Zuschauer, der bis zum Ende ausharrt, ist Arjun Oli. Er kommt gerade aus der Hauptstadt Kathmandu zurück und ist eigentlich nur auf der Durchreise. Doch die ungewöhnlich große Menschenmenge auf dem Khadichour-Basar weckt seine Neugier. Oli stieg aus dem Bus aus, sieht, dass ein Theaterstück auf dem Platz aufgeführt wird – und verpasst seinen Bus nach Hause.

„Ich habe einiges gelernt beim Zuschauen“, sagt er hinterher. „Ein neuer Bus kommt bestimmt – aber eine solche Gelegenheit zum Lernen kommt nicht so oft.“

Großer Zuschauerandrang: Was die Menschen so fasziniert, sind Alltagseschichten

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