Artikel vom 13. September 2016

Erneut „verlorene Dekade“ für Lateinamerika?

Die Koordinatoren, die die Kindernothilfe-Arbeit in Lateinamerika koordinieren, zu Besuch bei uns in der Geschäftsstelle Duisburg

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ein Treffen mit Seltenheitswert: 14 Experten aus unseren Lateinamerika-Büros kamen für sieben Tage in die Kindernothilfe-Geschäftsstelle nach Duisburg und diskutierten mit uns über Strategien und Arbeitsansätze der gemeinsamen Programm- und Projektarbeit. Überwiegend pessimistische Einschätzungen gab es dabei im Hinblick auf politische Entwicklungen, die Situation der Kinderrechte und den Kampf gegen die Armut in Lateinamerika. Eine wichtige Rolle spielte aber auch das Thema der Weiterentwicklung des Kinderrechts-Ansatzes in der Arbeit mit den lateinamerikanischen Partnerorganisationen.

Die Zahl armer und extrem armer Menschen in Lateinamerika steigt wieder. Grund dafür sind vor allem die eingebrochenen Erlöse aus Öl- und Bergbauexporten. In Teilen der Region – vor allem Haiti, Guatemala und Honduras – nimmt die Zahl der unter- und mangelernährten Kinder besorgniserregend schnell zu. Dort ist der Hunger zurückgekehrt! Vielfach, so berichteten die Teams aus Lateinamerika, fehlen den Regierungen die Mittel, um begonnene Investitionen in Bildungs-, Gesundheits- und Sozialprogramme fortzuführen. Hinzu kommen politische Umwälzungsprozesse wie derzeit in Brasilien, wo konservative Eliten neuerdings wieder eine extrem neoliberale Politik verfolgen. Menschen- und Kinderrechte oder Maßnahmen gegen die Schere zwischen Reich und Arm sind für sie kein Thema.

Volles Programm: Bei dem intensiven Arbeitstreffen ging es eine Woche lang um das Engagement der Kindernothilfe in Lateinamerika

Volles Programm: Bei dem intensiven Arbeitstreffen ging es eine Woche lang um das Engagement der Kindernothilfe in Lateinamerika

Gewalt nimmt dramatisch zu

Die mit Abstand gravierendste Bedrohung für die Menschen und die gemeinsame Projektarbeit sahen die Experten aus Lateinamerika in der dramatischen Zunahme von Gewalt. Unter den zehn gefährlichsten Städten der Welt befinden sich mittlerweile acht lateinamerikanische Metropolen. Nirgendwo ist der Anteil der Menschen, die jedes Jahr einem Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, so hoch wie in Mittelamerika und Teilen Brasiliens. Gewalt und Armut könnten Lateinamerika wieder einmal eine „verlorene Dekade“ bescheren – mit verheerenden Folgen für die Zukunft von Millionen Kindern und Jugendlichen.

Kinderrechte stärken durch Mitwirkung

Großen Raum nahm bei dem Expertentreffen der Kinderrechts-Ansatz ein. Gemeint sind damit unter anderem Anstrengungen, den Schutz von Kindern vor Gewalt und Missbrauch durch die aktive Mitwirkung betroffener Mädchen und Jungen, ihrer Familien und der gesamten Nachbarschaft zu verbessern. Auch die Politik steht dabei in der Pflicht. Intensiv diskutierte die Expertenrunde darüber, wie die Wirksamkeit der gemeinsamen Arbeit erhöht werden kann. Wie das am besten sichtbar zu machen wäre und welche Möglichkeiten es gibt, Kinder an diesem Prozess beteiligen, war ein weiteres Diskussionsthema.

Angeregte Diskussionen beim Treffen der Koordinatoren für Lateinamerika, das das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Duisburg stattfand

Angeregte Diskussionen beim Treffen der Koordinatoren für Lateinamerika, das das erste Mal seit 20 Jahren wieder in Duisburg stattfand

Das letzte Treffen aller Lateinamerika-Koordinatoren in Duisburg liegt zwei Jahrzehnte zurück. Dazwischen gab es immer wieder Arbeitstreffen an wechselnden Orten in Lateinamerika selbst. Diesmal jedoch wollten Vorstand und Lateinamerika-Referat der Kindernothilfe ein Zeichen setzen – mit einem intensiven Arbeitsaustausch, der die Beteiligten vor Ort mit Kollegen aus verschiedenen Referaten der Duisburger Geschäftsstelle zusammenbrachte. Mit zum Programm gehörte auch eine Einladung der Evangelischen Trinitatis-Kirchengemeinde in Duisburg-Buchholz, die die Gäste aus Lateinamerika bat, sich und ihre Arbeit im Rahmen eines Sonntagsgottesdienstes in der Jesus-Christus-Kirche vorzustellen.

Die Kindernothilfe kooperiert seit 1971 mit Partnern und Projekten in Lateinamerika. Im vergangenen Jahr förderte sie auf dem Subkontinent fast 88.000 Kinder und Jugendliche in 148 Projekten, verteilt auf die derzeit acht Partnerländer Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Haiti, Honduras, Guatemala und Peru. Das Finanzvolumen der Kindernothilfe-Lateinamerikaarbeit umfasste 2015 rund 12,7 Millionen Euro.

[Fotos: Johanna Kunz]