Artikel vom 27. April 2016

Malawi: Blaue Türen, orange Eimer

Quelle: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte unserer Partner in Lilongwe, Malawi

26.04.2016

Eigentlich gibt es an der Kuchipala Primary School im Herzen von Malawi nichts. Es gibt keine Stühle und keine Tische für die Kinder und für die Lehrer kein Pult. In den Fenstern gibt es kein Glas. Von den zwei Kurbelradios für die Unterrichtssendungen ist eins kaputt. Natürlich gibt es keinen Strom. Es gibt auch kein Lehrerzimmer und keine Schulbibliothek. Der Direktor benutzt den winzigen Abstellraum als Büro. Es gibt acht Klassenräume, die vor vielen Jahren sicher einmal für alle Kinder gereicht haben. Aber jetzt werden hier 1.400 Mädchen und Jungen von 10 Lehrerinnen und 9 Lehrern in acht Klassenstufen unterrichtet.

Foto: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Allein in der ersten Stufe gibt es 245 Kinder. Da muss der Unterricht für viele Kinder draußen im Freien unter einem der im Moment prächtig blühenden Bäume stattfinden. Wenn es regnet oder später im Jahr zu kalt wird, fällt die Schule aus. Auch die Lehrer haben nicht immer Lust auf Schule; der Direktor sagt, zu Unterrichtsbeginn um 7:30 Uhr ist meist die Hälfte von ihnen da.

Vor vier Jahren, berichtet der Direktor, war mal eine Kommission des Bildungsministeriums da, um zu prüfen, ob die Schule nicht Bänke und Tische bekommen müsste. Aber die Kommission stellte fest, dass die Klassenzimmer keine Türen haben. Viel zu unsicher, das Mobiliar könnte entwendet werden, die Klassenzimmer blieben leer. Inzwischen gibt es Türen, aber die Gelegenheit ist verpasst.

Nur 19 Kinder in der letzten Klasse

Und dann gibt es noch das andere Problem: in der ersten Klasse sind 245 Kinder angemeldet. Die letzte, die achte Klasse, besuchen nur noch 19 Jugendliche. Sicher gibt es in Malawi ein hohes Bevölkerungswachstum, jedes Jahr kommen mehr Kindern ins Schulalter als im Vorjahr. Aber dieser Schwund hat andere Gründe. Bildung hat auf dem Dorf wenig Wert. Noch weniger bedeutet Bildung, wenn das Essen knapp wird. Malawi hat zwei schlechte Ernten hinter sich. Zuerst fiel die Ernte im Frühjahr 2015 dürftig aus, dann gab es im vergangenen Jahr Überschwemmungen in einigen Gebieten und große Trockenheit in anderen, sodass auch die Ernte in diesem Frühjahr nicht über das Jahr reichen wird. Da werden die Kinder gebraucht, um das Überleben der Familie zu sichern. An den beiden wöchentlichen Markttagen müssen Kinder beim Verkauf helfen und gegen ein etwas Kleingeld Kunden die Taschen tragen. Aber nicht nur El Niño spielt eine Rolle. Manche Mädchen werden verheiratet oder schwanger, lange bevor sie die 8. Klasse abgeschlossen haben. Auch der frühe Tod von Eltern durch Aids reißt Kinder aus der Schule.

Toiletten ohne Türen

Die Kindernothilfe-Partnerorganisation Word Alive Commission for Relief and Development (WACRAD) hat sich zum Ziel gesetzt, alle Kinder im Schulalter in ihrem Projektgebiet in die Schule und bis zum Abschluss zu bringen. Keine leichte Aufgabe. Aber es gibt Hoffnung. Auf Anregung von WACRAD ist an der Kuchipala Primary School ein Kinderrechtsclub entstanden. Ich treffe die Clubmitglieder in einem leeren Klassenzimmer. Die Schülerinnen und Schüler breiten bunte Tücher auf den Boden, um sich zu setzen, wie sie es vom Unterricht gewohnt sind. Bei einem Training von WACRAD haben sie gelernt, was Kinderrechte sind. Jetzt helfen sie mit, die Rechte Wirklichkeit werden zu lassen. Ich frage nach: Was heißt das denn? Mit Begeisterung erzählen sie, wie sie in einer Umfrage mit ihrem Vorschlagsbriefkasten herausgefunden haben, was das größte Problem an der Schule ist: Es gibt keine Mädchentoiletten. Ja, Toiletten gibt es schon, die stehen ein paar Dutzend Meter neben der Schule. Aber die haben keine Türen, und der Schulweg führt direkt daran vorbei. Andauernd sehen Leute in die Toiletten. Klar, dass die Mädchen schon deswegen manchmal nicht in die Schule gehen.

Kinder packen ihre Probleme selbst an

Foto: Christoph Dehn

Foto: Christoph Dehn

Aber was tun? Da kam ein Sportwettkampf wie gerufen. Der Kinderrechteclub macht den 2. Platz und gewann 80.000 Kwacha, etwa 100 Euro. Das war der Grundstock für den Bau von zwei Mädchentoiletten mit richtigen blauen Türen. Die Schule gab Ziegel dazu, Eltern halfen mit, und nun gibt es einen wichtigen Grund weniger für die Mädchen, die Schule abzubrechen. Das Geld reichte dann sogar noch, um große rote Eimer mit Wasserhähnen zu kaufen. Mit Brunnenwasser gefüllt, können die Kinder sie gut gebrauchen: zum Trinken beim Unterricht, zum Reinigen auf den Toiletten.

Vielleicht gibt es an der Kuchipala Primary School doch etwas sehr Wichtiges. Dort gibt es Kinder, die mit ein wenig Unterstützung angefangen haben, ihre Situation genau anzusehen und am Maßstab der Kinderrechte zu prüfen. Und sie nehmen beherzt in die Hand, was sie verändern können.