Artikel vom 02. Februar 2016

Von der Theorie in die Praxis – ehemalige Kindernothilfe-Praktikantin besucht Projekt in Peru

Fiona Rosner in einem Kindernothilfe-Projekt in Peru. Foto: privat

Fiona Rosner in einem Kindernothilfe-Projekt in Peru. Foto: privat

Von Fiona Rosner (zurzeit Peru)

Direkt im Anschluss an mein dreimonatiges Praktikum in der Kindernothilfe-Geschäftsstelle in Duisburg hatte ich nun die Möglichkeit, den langjährigen peruanischen Kindernothilfe-Partner Aynimundo und seine verschiedenen Arbeitsbereiche direkt vor Ort und in Aktion in Lima kennenzulernen. Das war für mich eine ganz besondere Erfahrung, nachdem ich mich während der vorausgegangenen Monate im Referat Lateinamerika intensiv mit den strategischen und operativen Zielen der Kindernothilfe in Lateinamerika – u. a. zu den Themen Bildung und Inklusion – auseinandergesetzt hatte und nun in Peru unmittelbar miterleben konnte, wie diese vor Ort umgesetzt werden.

Lima – Die fast zehn Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Perus ist die mit Abstand größte Stadt dieses geographisch zur Andenregion gehörenden Landes. In dem riesigen Ballungsgebiet, das mitten in der Wüste liegt, wohnen – vor allem in den Armenvierteln an der Peripherie – Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte oft auf engem Raum zusammen. Sie teilen ihre Häuser, ihre Sorgen und ihr Glück. Trotz der eher kargen Landschaft und des Wassermangels sind Energie und Lebenslust an jeder Straßenecke zu spüren. Lima wirkt auf mich als eine ganz junge und sehr lebende Stadt.

Armenviertel von Lima. Foto: Kindernothilfe

Armenviertel von Lima. Foto: Kindernothilfe

Von dem Alltag auf der Straße sind jedoch ganz oft Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen. Es mangelt an der nötigen Infrastruktur, an Therapie- und Behandlungsangeboten, an Bildungseinrichtungen und ausgebildeten Lehrern – aber vor allem an Perspektiven für ein selbstbestimmten und eigenständigen Leben. Deshalb spielt sich das Leben von Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen bislang nur zu einem sehr geringen Teil im öffentlichen Raum ab – sie sind ganz oft einfach nicht sichtbar.

Vor 15 Jahren: Neue Hoffnung für die Armenviertel

Die Kindernothilfe-Partnerorgansation Aynimundo wurde vor 15 Jahren von Architekten gegründet. Die Gründungsidee des engagierten Teams war es damals, in einigen Peripherie-Stadtteilen von Lima dazu beizutragen, die öffentliche Infrastruktur zu verbessern und nachhaltiger zu gestalten: Einerseits sollte dafür die Umwelt sinnvoll genutzt und geschützt werden, andererseits sollten alle Menschen die Möglichkeit erhalten, sich frei zu bewegen – also auch Kinder und Jugendliche mit Behinderung.

Therapie mit Kindern mit Behinderungen. Foto: Kindernothilfe

Therapie mit Kindern mit Behinderungen. Foto: Kindernothilfe

Im Lauf der Jahre hat die Organisation ihr Engagement auf weitere Arbeitsbereiche ausgedehnt. Bei meinem Besuch im Aynimundo-Büro im Stadtteil San Juan de Miraflores konnte ich einen davon kennenlernen: Im Erdgeschoss des Büros wurden Räumlichkeiten geschaffen, in denen Therapeuten verschiedener Fachrichtungen Behandlungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen aus den Armenvierteln San Juan de Miraflores und Villa María del Triunfo anbieten. Bei den Therapiestunden ist immer mindestens ein Elternteil anwesend, um die Arbeit mit den Kindern mit zu unterstützen und sich beispielsweise physiotherapeutische Basiskenntnisse anzueignen und die Scheu zu verlieren, mit den Kindern die erlernten Übungen auch zu Hause anzuwenden. Die Therapieeinheiten bei Aynimundo sind die mitwirkenden Familien immer auch eine wichtige Möglichkeit, um sich beraten zu lassen und Erfahrungen mit den Therapeuten auszutauschen. Für die Familien ist diese (Lebens)-Beratung eine besonders wertvolle Unterstützung, da Menschen mit Behinderungen ansonsten weitestgehend vom peruanischen Gesundheits- und Sozialsystem ausgeschlossen sind.

Arbeit mit Stadtteilschulen in Armenvierteln

Aber ich habe auch noch einen weiteren Bereich der Aynimundo-Kooperation mit Kindernothilfe kennengelernt – die Arbeit mit verschiedenen kommunalen Stadtteilschulen in den Armenvierteln von San Juan de Miraflores. Aynimundo arbeitet in diesen Schulen vor allem mit dem Schulleitungen und dem Lehrerkollegium zusammen. Ziel ist es, alternative Bildungsansätze zu vermitteln – ein Thema dabei ist immer auch Inklusion, jedoch in einem weitergehenden Sinne. Sowohl die Schwierigkeiten, vor allem aber auch die besonderen Fähigkeiten und Interessen der Kinder sollen im Unterricht berücksichtigt werden.

Schülerinnen einer Stadtteilschule. Foto: Fiona Rosner

Schülerinnen einer Stadtteilschule. Foto: Fiona Rosner

Während meines Besuchs einer Schulklasse habe ich eine besondere Methode, die das Aynimundo-Team bei der Arbeit mit Kindergruppen anwendet, kennengelernt: den sogenannten „restorativen Kreis“. Diese Methode dient dazu, zwischen den Kindern und den Lehrerinnen und Lehrern Vertrauen und gegenseitigen Respekt zu schaffen. Alle Anwesenden setzen sich im Kreis zusammen und haben die Möglichkeit zu sprechen, Gedanken und Gefühle mitzuteilen, während die anderen aufmerksam zuhören. Bei meinem Besuch ging es um das Thema Familie. Durch die gemeinsamen Gespräche lernen die Kinder sich und die Erwachsenen besser kennen. Sie entwickeln Vertrauen und Verständnis füreinander und dadurch auch Wege zu einem besseren Umgang miteinander.

Der restorative Kreis wurde auch in einem weiteren Projekt mit Kindern verschiedener Altersklassen genutzt, das ich im Anschluss besucht habe. Gemeinsam haben wir alle Wände eines Klassenraums mit bunten Farben völlig neu gestaltet. Es war deutlich zu spüren, wie viel Freude die Kinder am Malen und den bunten Farben hatten. Im Anschluss sind wir wieder im Kreis zusammengekommen. Gemeinsam haben die Kinder überlegt, was besonders gut funktioniert hat und was sie beim nächsten Mal anders machen würden. Da der restorative Kreis nicht auf Bestrafung, sondern auf gegenseitigem Verständnis beruht, waren die Kinder sehr offen und gaben reflektierte Antworten. Besonders beeindruckt hat mich, dass die Kinder selbst erkannt haben, wie knapp das Wasser in ihrem Viertel ist und dass sie es in Zukunft besser schützen wollen.

Aynimundo fördert das Potenzial der Kinder. Foto: Kindernothilfe

Aynimundo fördert das Potenzial der Kinder. Foto: Kindernothilfe

Mein Besuch bei Aynimundo hat mir erneut gezeigt, wie viel Potenzial in Kindern steckt. Wenn wir sie in ihren Rechten, Interessen und Fähigkeiten stärken, dann können sie ganz entscheidend Einfluss auf die Entwicklung unserer Umwelt und das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft nehmen.