Artikel vom 10. März 2015

Bolivien: „Reden ist besser als schlagen!“

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Graffiti-Botschaft: Das Schweigen gegenüber der Gewalt ist die größte Schuld überhaupt. Foto: Jürgen Schübelin

Die neuen Vorstände der Kindernothilfe – Vorsitzende Katrin Weidemann und Finanz- und Verwaltungsvorstand Jürgen Borchardt – lernen ihre ersten Kindernothilfe-Projekte in Lateinamerika kennen. Katrin Weidemann berichtet in unserem Blog über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

Fundacion La Paz (7.3.2015)

Casandra ist aufgeregt. Zwei Stunden hat sie vor dem Büro des Kindernothilfe-Partners Fundacion La Paz auf uns gewartet, jetzt will sie uns ihr Reich zeigen. Kassandra ist 16, und seit einem Jahr kommt sie beinah jeden Nachmittag hierher in das Jugendzentrum „Villa Copacabana“.  Bei einem Workshop in der Schule lernte sie die Arbeit der Stiftung kennen. Das, worum es ging,  gefiel ihr: ein Leben ohne Gewalt, ja, davon träumt sie auch.  Gewalt, sie ist in La Paz, wie überall in Bolivien, allgegenwärtig: in der Familie, in der Schule, auf der Straße.  Mit ihrer Mutter wohnt Casandra am Osthang von La Paz, wo 90 Prozent der Bewohner mit ihren Hütten in Hanglagen der ständigen Gefahr von Erdrutschen ausgesetzt sind. Die hohe Gewaltbereitschaft  in den Familien hat viel mit den beengten Wohnverhältnissen zu tun, aber auch mit der mangelnden Bildung vieler Menschen, die hier wohnen, mit zu hohem Alkoholkonsum und dem „machismo“, der traditionellen Vormachtstellung der Männer.  Auch unter Jugendlichen selbst ist Gewalt weit verbreitet.  In über 70 Prozent der vorehelichen Beziehungen, belegen Statistiken, kommt es zu körperlichen Misshandlungen und physischer Gewalt.

Casandra ist „Anti-Gewalt-Helferin“

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien

Casandra erklärt Frau Weidemann ihre Materialien.  Foto: Jürgen Schübelin

Casandra wollte etwas dagegen tun. Nach dem Workshop-Besuch vor einem Jahr ließ sie sich zur „Anti-Gewalt-Helferin“ ausbilden.  Hier im Jugendzentrum fand sie einen geschützten Raum, um anderen unbelastet zu begegnen, um neue Verhaltensmuster auszuprobieren.

Stolz  führt sie uns in einen mit Papierblumen und Girlanden geschmückten kleinen Raum. Hier wird das selbstgebastelte Material aufbewahrt, mit dem sie und andere Helfer mittlerweile selbst zu Einsätzen  in Kindertagesstätten und Schulen gehen. „Was heißt es, eine Frau zu sein“ steht auf einer Blechbüchse, daneben liegt das Pendant für Männer.  In der Büchse stecken laminierte Karten mit Beispielantworten. Sie sind oft Türöffner bei Rollenspielen und Diskussionsrunden unter den Jugendlichen. Auf einem großen Pappwürfel ist auf jeder der sechs Seiten eine Situation beschrieben,  in der es zu Gewalt kommt. Beim gemeinsamen Spielen wird in der Gruppe überlegt, welche Lösungsvorschläge es dafür gibt.

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift

Hier entsteht gerade eine neue Jugendzeitschrift. Foto: Jürgen Schübelin

Während ich noch in dem riesigen Märchenbuch blättere,  in dem Casandra eine Beispielgeschichte von friedlichem, gelungenem Zusammenleben erzählt hat,  öffnet sich am Ende des Raums eine schmale Tür. Hinter einer verdunkelten Glasscheibe befindet sich ein winziges Aufnahmestudio.  Ursprünglich sollten die Jugendlichen hier nur kurze Spots aufnehmen können für den lokalen Radiosender. Aber Casandra und die anderen Gruppenmitglieder wollten mehr.  Mit Energie und Hartnäckigkeit haben sie sich mittlerweile einen festen wöchentlichen Radiosendeplatz gesichert. Dafür wählen sie Musik aus, führen Interviews oder organisieren Diskussionsrunden auf dem Marktplatz.  Schnell zeigt uns Casandra noch den Rohentwurf für die nächste Jugendzeitschrift,  die sie als Kommunikatorin der Gruppe mit herausgibt, dann geht´s in das Nachbarhaus des Jugendzentrums.

Die „Veränderungsagenten“

Die Breakdancer mit ihren Botschaften

Die Breakdancer mit ihren Botschaften. Foto: Jürgen Schübelin

Hier warten schon andere „Veränderungs-
agenten“, wie sie sich nennen.  Ihre Spezialität ist Breakdance. Während ihrer akrobatischen Vorstellung hält es uns kaum auf dem Stuhl, klatschend stehen wir im Kreis und bekommen so am Ende der Tänze die Appelle  der Jugendlichen, auf große grüne Tafeln geschrieben, direkt vor Augen gehalten: „Mach nicht mit bei Gewalt!“  „ Reden ist besser als schlagen!“ „Wer nein sagt, meint auch nein“.  Ich kann mir gut vorstellen, wie diese Performance bei Schulbesuchen begeistert und andere Jugendliche ins Gespräch zieht.

Zum Abschluss will uns auch Alexander noch etwas zeigen.  Er hat sich als Anti-Gewalt-Helfer aufs Sprayen spezialisiert, seine Leidenschaft sind Graffitis. An drei Schulen hat er im letzten halben Jahr mit dem Fundacion-Team zuerst bei Schul-Workshops mitgeholfen. Mit Lehrern, Eltern und den Schülerinnen und Schülern ging es dabei jeweils zwei Tage lang um Themen wie Frühschwangerschaften, Umgang mit Alkohol, aber auch um alltägliche Gewalt Mädchen und Frauen gegenüber.  Am Ende der Workshops hat Alexander dann mit den Schülern ein Motiv entwickelt und damit in einer gemeinsamen Sprüh-Aktion die Außenmauer der Schule gestaltet.  „Für jeden verlassenen Macho gibt es drei glückliche Frauen“, lese ich auf der ersten Mauer und muss lachen über das dazugehörige Bild eines verdutzt blickenden „Superman“ neben drei fröhlich sich umarmenden Mädchen.  Die Aufschrift auf einer anderen Schulmauer lautet: „Das größte Verbrechen ist es, wenn du schweigst bei einem Verbrechen.“ Casandra, Alexander und all die anderen Jugendlichen aus der Villa Copacabana,  sie haben das verinnerlicht und nutzen ihre Stimme – sie schweigen nicht.

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen

Alejandro, der junge Graffiti-Künstler und seine Botschaft: Auf jeden verlassenen Macho kommen drei glückliche Frauen. Foto: Jürgen Schübelin

 

Bolivien: Sorojchi-Pillen gegen die Höhenkrankheit

La Paz. Foto: Jürgen Schübelin

La Paz. Foto: Jürgen Schübelin

La Paz (5.3.2015)

Die Anreise nach La Paz ist mühsam:  Der Teilflug von Quito nach Lima hat sechs Stunden Verspätung, in Lima schaffen wir es nachts um vier wenigstens für drei Stunden ins Flughafenhotel. Meine Mitreisenden, beide heißen Jürgen, haben Mühe, der Dame an der Rezeption zu erklären, dass sie kein Doppelzimmer teilen wollen, weil Jürgen nicht ihr gemeinsamer Familienname ist und, nein, sie nicht miteinander verheiratet sind.  Am nächsten Mittag landen wir schließlich auf dem bolivianischen Flughafen von El Alto, der Höhe, in den Hochanden. Es ist der weltweit höchstgelegene zivile Flughafen auf gut 4.200 Metern.

Benedicto, der Kindernothilfe-Büroleiter in Bolivien, empfängt uns fröhlich und versorgt uns ein bisschen weiter unten in La Paz auf ungefähr 3.800 m erst einmal mit Mate-Tee. Schon oft hat er bei Gästen erlebt, dass ihnen schier der Schädel platzt in der dünnen Höhenluft.  Also trinken wir jetzt Mate-Tee, und ungefragt verteilt Benedicto Sorojchi-Pillen. Die gibt es hier in jeder Apotheke, Sorojchi-Pillen für vier Bolivianos das Stück, kaum 50 Cent. Eine gute Investition. Sorojchi heißt in dieser Gegend die Höhenkrankheit.  Etwas langsamer als üblich laufen wir durch die Straßen, schnaufen auf den Treppenabsätzen einmal mehr. Zwei Tage, heißt es, geht das so, dann soll sich der Körper an die Höhe gewöhnt haben.