Artikel vom 25. November 2013

Philippinen: Kinder im Chaos

Die philippinischen Kinder reagieren unterschiedlich auf die Katastrophe, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Fotos: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Kinder leiden unter Katastrophen immer am schlimmsten. Die mangelnde Versorgung mit Nahrungsmitteln schwächt den im Wachstum begriffenen Körper und hemmt die Entwicklung. Sie führt dazu, dass Kinder anfälliger für Krankheiten werden. Besonders schlimm ist unreines Trinkwasser, es führt zu Durchfall, Infektionen und kann langfristige Schäden hervorrufen. Vielfach ist hochkalorische Spezialnahrung gerade zu Beginn notwendig, um den Kindern die notwendigen Nährstoffe zuzuführen. Auch psychologisch ist die Situation für Kinder extrem belastend. Ihr gewohntes Umfeld ist zerstört, viele haben Familienmitglieder verloren und schreckliche Bilder vor Augen. Manche Kinder landen ohne Begleitung auf der Straße und sind schutzlos Gewalt und Missbrauch ausgeliefert.

All das trifft auch auf die Situation im Osten Samars zu. Hier sieht man viele Kinder in den zerstörten Dörfern zwischen den abgeknickten Palmen, die seit der Katastrophe dieselben Klamotten tragen, sich aufgrund des fehlenden Wasserzugangs nicht ausreichend waschen können und schlimmstenfalls das dreckige Wasser trinken. Spricht man sie an, reagieren die Mädchen und Jungen ganz unterschiedlich. Manche sind völlig offen, teilen gerne ihre Erlebnisse und sind neugierig, woher der Besuch stammt. Sie fragen mich, wie lange man von Deutschland aus reist, bis man ihren Heimatort erreicht und starren mich ungläubig an, wenn ich Ihnen die Distanz erkläre. Vor der Kamera scheint jedes Kind aufzublühen, posiert in der Gruppe oder reckt zwinkernd die Finger zum Victory-Zeichen in die Höhe. Manche Kinder stehen mit wackligen Beinen auf den Bretterbergen, die vormals ihr Zuhause waren, und lassen mit verschmitztem Gesicht aus Müll gebastelte Drachen steigen.

Gistang hat einen Propeller vorne an sein Rad montiert.

Der 14-jährige Gistang nutzt die Zeit des Aufräumens und Wiederaufbaus lieber für seine Erfindungen. Er hat einen Propeller vorne an sein Rad montiert und zeigt den anderen Kindern stolz, wie er sich beim Fahren im Wind dreht. Die zwölfjährige Klarita in Salcedo stapft fröhlich summend durch die Trümmer ihrer Schule und erklärt mir ohne Zögern, dass sie mit ihrer Familie während des Taifuns gebetet hat und deshalb niemand verletzt wurde. Immer, wenn sie Überbleibsel ihrer Schulzeit unter den Resten ihrer Schule findet, ruft sie aufgeregt ihre Mitschüler herbei und zeigt ihre Funde.

Andere Kinder wirken verschlossen, den Tränen nahe und ziehen sich bei Besuch zurück. Jedes Kind ist anders und geht entsprechend auch anders mit der Katastrophe um. Die siebenjährige Shila in Garawon bringt kein Wort heraus und wirkt den Tränen nahe. Kein Wunder, sie wurde drei Stunden unter dem Schlamm verschüttet und durch Zufall von ihrem Vater entdeckt und gerettet. Die vierjährige Audrey mag gar nicht reden, scheint aber doch interessiert an mir zu sein. Statt hektisch nach meinen Händen zu greifen oder meine blonden Haare zu berühren, wie viele Kinder es machen, läuft sie mir einfach stumm hinterher, während ich durch ihr Dorf Asgad gehe, und drückt mich zum Abschied.

Jedes Kind ist anders und geht auf seine Weise mit der Katastrophe um. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie alle brauchen trotz des Taifuns die Chance auf eine Zukunft. Mit umfassender psychologischer Betreuung und dem Wiederaufbau der Tagesstätten und Kindergärten werden wir genau dafür sorgen.

Katastrophe auf philippinisch

Die Zerstörung ist immens in Jagnaya an der Ostküste Samars. Fotos: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Die Zerstörung durch Yolanda muss die Menschen in den Philippinen in die pure Verzweiflung stürzen. So stellte ich mir das zumindest vor meiner Abreise vor. Und natürlich ist das bei der überwältigenden Mehrheit auch so. Viele Menschen sind verzweifelt, weil sie ihr Hab und Gut und schlimmstenfalls auch Familienangehörige verloren haben. Viele sind stark traumatisiert und kaum in der Lage, mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Doch in jedem Ort trafen wir auch auf Menschen, die sich trotz der gigantischen Katastrophe ihren Humor bewahrt haben.

„Wir brauchen Essen“, steht auf vielen Schildern, die Kinder am Straßenrand hochhalten. Andere Schilder ergänzen scherzhaft: „Wir brauchen Essen, Häuser, einen Swimming-Pool und einen Garten“. Der Bürgermeister von Salcedo, Melchior Mergal , beschreibt die Situation in seiner Stadt mit den Worten: „What you see is what you get“, und sein Berater Ray Uzhmar C. Padit erklärt uns auf dem Weg in die Fischerdörfer an der Küste, dass Yolanda ihnen einen weißen, weitläufigen Sandstrand „geschenkt“ hat. „Hier kann man sicher gut surfen“, ergänzt er.

Auf Bantayan Islands fahren wir mit Noe Ichechavez Briones nach Madridejos, eine völlig zerstörte Stadt im Nordwesten. Er ist als Freiwilliger unterwegs, versucht zu helfen, wo er kann. Als wir mit ihm im Auto sitzen, spielt er den Pausenclown. Er reicht eine Tüte mit Brötchen an alle Insassen, „Bread for Life“, ruft er laut lachend dazu. Dann fängt er an, ein Taifunopfer zu mimen – „Oh my God. Es war so schlimm“, er schlägt die Hände vors Gesicht und schildert die Situation einer Familie. Auch manche Kinder nehmen die Situation mit Humor. „Wir sind eine gute Touristenattraktion – guck, wir haben gar kein Haus mehr“, erzählen sie mir lachend in Garawon im Landkreis Hernani.

Christoph Dehn und Antje Weber im Gespräch mit dem Berater des Bürgermeisters, Ray Padit.

Die Menschen hier gehen auf philippinische Art mit der Katastrophe um. Und das ist ihre große Stärke. Der Humor und das Vertrauen in die Schaffenskraft ihrer Landsleute geben vielen Menschen genau die Energie, die für den Wiederaufbau benötigt wird. Nicht umsonst sieht man in jedem Ort eifrige Philippinos, die mitten im Chaos ihr Haus wieder aufstellen, Müll beiseite schaffen oder ihre Wäsche waschen. Padit erklärt mir, dass sie angesichts dieser Situation nun eben kreativ sein müssen, „Zeit zum Jammern haben wir nicht.“ So werden die Bürger Salcedos kurzerhand per Megaphon darüber informiert, dass sie im Rahmen eines „Food for Work“-Programms ihre Lebensmittel bekommen, sobald sie rund um ihre Häuser die Trümmer weggeräumt haben. Auch die völlige Zerstörung der Kokosplantagen kann man positiv oder negativ sehen. Dramatisch ist, dass die Ernte auf Jahre vernichtet ist, denn Kokospalmen brauchen fünf bis sechs Jahre, bis sie ihre jetzige Größe erreicht haben. Andererseits macht Padit deutlich, dass sie nun auch die Chance haben, landwirtschaftlich umzuschwenken auf den Anbau lukrativerer Sorten wie beispielsweise Cassava oder Süßkartoffeln. „Daran war vorher ja gar nicht zu denken“, hebt er die Vorteile hervor. Mit dieser Einstellung werden die Philippinos noch weit kommen.