Artikel vom 22. November 2013

Philippinen: Leben und Tod liegen manchmal nah beieinander

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Der kleine Ort Garawon im Landkreis Hernani wurde um 4 Uhr morgens von Taifun Yolanda getroffen. Im Unterschied zu dem benachbarten Landkreis Salcedo waren die Menschen hier schlechter vorbereitet. Warum? Ihr Bürgermeister kam erst am Tag zuvor zurück in die Kreisstadt Hernani und wurde selbst vom Unglück überrascht. Es war kaum noch Zeit, die Menschen zu warnen. Und erneut wurde auch hier nur von Wind und Regen, nicht aber von einer Sturmflut gesprochen. So schlief die siebenjährige Shila, als Yolanda sich näherte. Zuerst gab es starken Wind, gefolgt von kräftigem Regen. Dann schlugen drei riesige Sturmwellen erbarmungslos über das kleine Fischerdorf hinweg.

Shila wurde von den Wellen weggerissen und völlig von Schlamm bedeckt

„Bis zur Spitze der Kokospalmen ging die dritte und höchste Welle“, berichtet mir Myrna, 31 Jahre. Ich schaue hoch – das müssten etwa zehn Meter sein. Myrna wohnt in einem kleinen, aber vor dem Sturm sicher ansehnlichen Holzhaus mit Wellblechdach und einer kleiner Vorratskammer neben dem Eingang. Ihr Haus liegt unterhalb eines Hügels, so dass sich ihre Familie schnell in Sicherheit bringen konnte. Die Wellen spülten große Teile des Dorfes weg. 157 Familien verloren ihr Hab und Gut, neun Menschen starben. Auch Shila wurde von den Wellen weggerissen und völlig von Schlamm bedeckt. Nur zufällig erkannte ihr Vater sie am T-Shirt, als er versuchte, sich mit ihrem dreijährigen Bruder den kleinen Hügel hinauf zu retten. Sofort griff er nach ihr, befreite sie aus dem Schlamm. Drei Stunden waren da bereits vergangen, Shila war schon ganz blau angelaufen.

Doch jetzt steht sie vor mir, klein, zierlich und den Tränen nahe. Sie hat überlebt. Kratzer und Schnitte an Beinen, Armen und dem Rücken zeugen von dem Unglück. Ansonsten hat sie keine schwerwiegenden Verletzungen. Zumindest äußerlich. Innerlich wirkt sie völlig aufgelöst, leidet sehr unter den Erlebnissen der vergangenen Wochen. Sie braucht dringend psychosoziale Betreuung.

Während ich mit Shila spreche, nähert sich auch ihr Vater. Ob er nicht unglaublich erleichtert sei, dass er seine Tochter in letzter Minute retten konnte, frage ich ihn. „Natürlich“ sagt er, schaut jedoch betreten zu Boden. „Aber mein kleiner dreijähriger Sohn fiel vom Arm, während ich Shila ausgrub. Er ist ertrunken“. Mir fehlen die Worte. Leben und Tod liegen manchmal so nah beieinander.

Die Menschen brauchen schnellstmöglich psychosoziale Betreuung

Die Gespräche machen eines deutlich: In Ost-Samar haben sich unvorstellbare Szenen abgespielt. Es ist wichtig, dass wir hier schnellstmöglich psychosoziale Betreuung anbieten und mit dem Wiederaufbau beginnen. Zwei Mitarbeiter unseres Partners AMURT bleiben deshalb direkt vor Ort und beginnen mit der Arbeit. Schon in den nächsten Tagen werden sie in einem ersten Schritt Psychologen und Architekten anstellen und die Beschaffung von Baumaterialien klären. Nur so können wir Kindern wie Shila helfen, mit ihren Erlebnissen umzugehen. Gerade sie müssen eine Zukunft haben.