Artikel vom 21. November 2013

Philippinen: Neuanfang für Ost-Samar

Foto: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Taifun Yolanda (Haiyan) schlug zuerst an der Ostküste der Insel Samar auf. Es traf Guiuan, eine kleine quirlige Stadt mit rund 50.000 Einwohnern. Zahlreiche Kokospalmen säumen hier die Straße, Bars und Pubs beschallen abends mit Musik die Straße, und die Strände laden zum Verweilen ein. Zumindest erzählen mir die Einwohner, dass es früher so war. Seit Yolanda die Philippinen heimsuchte, ist alles anders. Der Supertaifun prallte mit 300km/h auf und wehte die Stadt buchstäblich weg. Zurück bleiben riesige Trümmerberge, geisterhafte Straßen und tausende Menschen ohne Obdach. Mittlerweile rollt langsam die Hilfe an. Am Flughafen kommen täglich Hilfsgüter an, Nichtregierungsorganisationen tummeln sich und erste Hilfszentren werden eingerichtet.

Völlig vorbei geht dieser Rummel am Landkreis Salcedo, rund 20 km nördlich von Guiuan, sowie den weiter nördlich gelegenen Fischerdörfern. Zu Unrecht, denn die Ortschaften sind ebenso zerstört. Hilfsgüter kommen mittlerweile an, doch noch sind keine Planungen für den Wiederaufbau angelaufen und internationale Hilfe nicht in Sicht. Bürgermeister Melchior Mergal , der in seiner ersten Amtszeit kaum vor größeren Herausforderungen stehen könnte, macht aus der Situation in seiner Stadt keinen Hehl. „What you see is what you get“, erklärt er uns bemüht scherzhaft mit philippinischem Humor. Mehr als 5000 Familien haben hier alles verloren, 29 Todesopfer hat Yolanda gefordert. Trotz der enormen Belastung wirkt er sehr gut sortiert, hat die Daten und Fakten zu seinem Landkreis bereits übersichtlich zusammengefasst und steht uns Rede und Antwort. Bislang wurde Salcedo von Nichtregierungsorganisationen völlig vernachlässig, das wollen wir ändern.

Um mit der genauen Planung beginnen zu können, brauchen wir ein genaues Bild der Lage. Deshalb fahren wir die Küstenorte Jagnaya und Asgad ab, deren rund 160 Familien besonders hart getroffen wurden. In Begleitung des Beraters des Bürgermeisters, Ray Uzhmar C. Padir – genannt King Padit – nähern wir uns der Küste. „Der Strand war gesäumt mit Hütten, sie wurden alle weggeschwemmt“, erklärt Padit. Ich kann kaum glauben, dass hier Menschen wohnten, nichts deutet mehr darauf hin. Mit philippinischem Humor fährt er fort. „Wir verbieten den Neubau an dieser Stelle, viel zu gefährlich. Hier könnten besser Touristenzentren entstehen, die werden wenigstens schnell evakuiert.“ Dann weist er uns auf den nun frei geräumten Strand hin, „ein Geschenk des Sturms“ bezeichnet er ihn scherzhaft, schließlich ist der Blick auf den weißen Sandstrand nun nicht mehr durch Kokospalmen versperrt und so weiß wie jetzt war der Sand auch noch nie.

Foto: Kidlat de Guia

Beide Orte sind gänzlich zerstört, rund 45 Häuser müssen renoviert und 90 neu gebaut werden. Schulen und Kindergärten kommen hinzu. Von den Kindern lasse ich mir ihre neue Bleibe zeigen. In der Schule sind sie untergekommen. Als ich sie frage, wo sie schlafen, deuten sie verlegen auf den Boden. Decken und Matratzen gibt es nicht. Ob sie wieder zur Schule gehen wollen, frage ich sie. Ein lautes „Ja“ hallt mir entgegen. Den Kindern merkt man das Trauma der letzten Wochen an. Viele haben Verwandte verloren oder sind selbst verletzt worden. Sie alle brauchen psychosoziale Betreuung, um die Erlebnisse zu verarbeiten.Nach dem Besuch der einzelnen Dörfer ist schnell klar: Wir werden helfen. Die entlegenen Gebiete rund um Salcedo sollen nicht länger von internationaler Hilfe vernachlässigt werden. Gemeinsam mit unserem Partner AMURT bauen wir in den nächsten Wochen 10 Kindertagesstätten wieder auf, stellen umfassende psychologische Betreuung für die Kinder sicher und bauen langfristig auch Schulen und Häuser auf. Darüber hinaus brauchen die Dörfer neue Fischerboote, sonst wird es ihnen unmöglich bleiben, ein Einkommen zu erzielen.