Artikel vom 22. Juli 2011

Eine Nummer unter Hunderttausend – Bericht aus einem Flüchtlingslager

Seit gut einer Woche befindet sich Medienkoordinatorin Judith Kühl mit dem Ärzteteam des Kindernothilfe-Partners humedica in Äthiopien. Es ist ein trauriges Bild, das sich ihr bietet. Menschen, die Hunger und Dürre zur Flucht getrieben haben. Eindringliche und erschütternde Eindrücke vom Schicksal dieser Menschen schildert sie in ihrem neuesten Bericht.

„Zusammengekauert hockt sie mitten in einem Flüchtlingscamp in Dolo Addo. Fieberkrämpfe zucken durch ihren dehydrierten Körper. Nummer 880 670 hat Malaria. Mitten unter 20.000 anderen Flüchtlingen ist sie allein: keine Familie, die bei ihr ist, keine organisierte Hilfe von außen, kein Arzt vor Ort.

Die etwa 30-jährige Frau ist eine von vielen, die schwerkrank und vergessen leiden – nur eine Nummer von etwa 80.000 registrierten Flüchtlingen. Über 40.000 Flüchtlinge warten vor den Camps und hoffen auf eine Nummer. Die Zahl auf dem Armband verspricht  ilfe, doch sie fehlt. Es mangelt an Wasser, Nahrung und Medizin in allen der drei bereits gebauten Flüchtlingscamps um Dolo Addo. Nummer 883 164 ist ein Vater von drei Kindern, keines davon älter als fünf Jahre. Krank liegen die Kleinen unter einer Zeltplane im sandigen Boden auf einer durchnässten Pappe. Pausenlos husten sie. Auch sie haben eine Nummer, sind registriert, doch dann sterbend allein gelassen.

Sara spricht nicht mehr
Die elfjährige Sara hat keine Nummer. Sie reagiert nicht, als ihre Mutter um Hilfe für sie bittet. Starr blicken die Augen ins Leere, während ich direkt vor ihr stehe. Ein großes Mädchen, doch der Körper abgemagert und dürr. Ihre knochigen Oberarme sind so schmal, dass ich sie mühelos mit Daumen und Ringfinger umschließen kann. Mit letzter Kraft steht sie an ihre Mutter gelehnt. Apathisch kaut sie an dem Tuch, das ihren Oberkörper verhüllt. Sie quält der Hunger. Seit sieben Tagen hat sie nichts gegessen. Die Mutter bittet um sofortige Hilfe. Wenn nicht jetzt, kommt Hilfe zu spät für Sara, fürchtet sie.

Frische Gräber abseits des Registrierungscamps 
Für einige kam jede Hilfe zu spät:  Sie sind verhungert oder an nicht behandelten Krankheiten gestorben. Im Sand liegen Skelette von toten Tieren, Kinder stolpern darüber, wenn sie durch umher rennen. Auch das Vieh geht zugrunde. Eine Großfamilie mit zehn Kindern lebt seit 20 Tagen im Camp. Sie sind acht Tage bis hierhin gelaufen. Die vierjährige Hamda schaut ängstlich auf das Geschehne vor dem Zelt der Familie. Sie nimmt aus dem verstaubten Busch vor sich einen dünnen Ast mit Dornen. Sie kaut daran. Die Dornen tun ihr sichtlich weh im Mund. Sie legt den Ast weg und greift wieder danach. Der Hunger bleibt groß. Viele Kinder leiden unter Fieber, Durchfall und Magen-Darmerkrankungen. Mütter zeigen mir ihre kranken Kinder und bitten um Hilfe. Die Kapazitäten vor Ort die Flüchtlingsströme aus Somalia zu versorgen, sind längt erschöpft. Neue Camps werden angelegt, Zelte aufgestellt, doch weiter reicht die Hilfe bis jetzt nicht. Fremde Unterstützung fehlt weitgehend.

Eine Mutter will ihr Kind abgeben, damit andere es durchbringen
Vor dem Camp verkaufen Menschen die letzen verfügbaren Waren: Tomaten, Seife, aufgeschichtete Äste zum Bau von Hütten, ein paar Tüten Reis. Die Menschen wollen Geld, irgendwelche Mittel sich von ihrem schrecklichen Schicksal loszukaufen. Einige Kilometer von der Registrierung entfernt steht eine junge Mutter mit ihrer einjährigen Tochter an der Hauptstraße. Das Kind weint, während die Mutter Fremde auf dem Weg nach Dolo Addo anlächelt. Sie fuchtelt mit einem Geldschein in der Hand herum, nicht mehr wert als zwei oder drei Euro. Das ist der Preis, den sie zahlt, damit sie ihr Kind weggeben kann. Sie hat aufgehört zu hoffen, ihr Kind und sich durchzubringen.

Hier wird jede Hilfe gebraucht
Jedes einzelne Schicksal hier erzählt von unvorstellbarem Leid. Es sind traurige Geschichten. Wenn ich sie aufschreibe, weiß ich nicht, ob die Kinder noch leben, von denen ich erzähle. Hier wird jede Hilfe gebraucht, damit neue Geschichten ein gutes Ende finden.  Während am 22.07.2011 das zweite humedica-Ärzteteam nach Äthiopien fliegen wird, werden wir in den nächsten Tagen eine erste Flugzeugladung mit Säuglings- und Kindernahrung in das Krisengebiet transportieren.

Unser Engagement geschieht in enger Kooperation mit Kindernothilfe e. V. und wird großzügig unterstützt von Sternstunden e. V., der Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks, sowie Bild hilft – Ein Herz für Kinder und Apotheker helfen e. V.

Demonstationen in Malawi: Mindestens 18 Tote

In Malawi kam es in den vergangenen Tagen zu
schweren regierungskritischen Protesten, bei denen nach Zeitungsangaben über 18 Menschen zu Tode kamen. Unser Landeskoordinator in Malawi, Anderson M. Kamwendo, berichtet darüber in einer E-Mail:
 

There were demonstrations in the major cities of Malawi yesterday.  Due to some reasons, including anger by people since they were told when they had already gathered to start the demonstrations that an injunction was obtained by someone to stop the demonstrations at 01 00 hours, and the brutal way in which some Police Officers especially in Lilongwe handled the matter, and general anti-president sentiments. Eventually the injunction was vacated the demonstrations started. It is believed that some people were killed, how many we do not know, and that some Police Stations were burned, cars burned and some shops looted.

Today I have been unable to go to town because some roads blocked angry mobs and Police Officers have been firing at people as they tried to clear the roads and disperse the crowds.

The demonstrations are related to the following concerns of the people which have gone unaddressed by the government:

  • Increasing Fuel Shortages
  • High Food Prices
  • Increase in Taxes
  • 40% Loss in Donor Funding (British, German, Netherlands) related to suppression of human rights, the deportation of the British Ambassador and poor governance.

Abuse of Human Rights:

  • A New Law giving the government the right to silence/ban the media if the media disagrees with the government
  • A New Law that forbids anyone to seek an injunction against the government
  • A New Law requiring those who would like to peacefully demonstrate to pay $15,000 for a permit
  • Civil Servants have not been paid in several months
  • Lack of Forex in the country due in part to artificially inflating the kwacha