Artikel vom 20. Oktober 2010

Mit Act Positive nach Südafrika: 19.10.2010

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Pablo, 20, aus Selb:

Gerade noch das Tennyson-Wohnheim besichtigt, sind wir schon wieder unterwegs auf Durbans Großstadtstraßen. Wir begleiten die YFC Street Worker Msa und Nati auf ihrer Tour.
Die Street Worker wissen genau, wo sich die Straßenkinder aufhalten und fahren zielstrebig zu den „Points“. Die Points sind zumeist heruntergekommene Straßenecken. Müll und Dreck starren uns an. Hier treffen wir Gruppen von obdachlosen Kindern und Jugendlichen. Von Narben zerfurcht, wie der aufgeplatzte Teer einer alten Straße. Die meisten schnüffeln Klebstoff aus einer alten Milchpackung. Es wird tief inhaliert – Klebstoffatem schlägt mir bei der Begrüßung ins Gesicht.
Die Kommunikation ist zwar schwer, aber man merkt, dass die Straßenkinder die Street Worker akzeptieren und mit Msa und Nati sogar vertrauliche Gespräche auf Zulu führen. So wurde einem der Jungen eine Kontaktadresse zu einem „Shelter“ (Unterkunft) einer anderen Organisation gegeben, da das Tennyson- Haus ein reines Mädchenwohnheim ist.
Wir fahren zum zweiten Point. Selbes Bild: Müll, Dreck, Narben, Teer und Klebstoff. Von der schwangeren L., 19 Jahre alt, wird mir erzählt, dass sich die Straßenkinder nachts verstecken müssen, da die Polizei sonst ihre Kleider wegnehmen und sie schlagen würde.
Die Arbeit der Street Worker besteht in erster Linie darin, eine Beziehung zu den Kids aufzubauen. Erst später ist es überhaupt ansatzweise möglich, die Kinder dazu zu bewegen ihre Situation zu verändern. Oberste Priorität dabei ist, dass die Kinder wieder in ihre Familien integriert werden. Als kleiner Erfolg des Tages tut K., der seit Monaten auf der Straße lebt, kund, dass er zu seiner Familie zurückkehrt. Mal sehen.
Wir hoffen, dass K. seinem Wort folgt, trotz Narben.

Yvonne, 18, aus Marienstatt und Wiebke, 18, aus Reinbek:

Das Tennyson House von YfC ist eine Auffangstation für die Straßenmädchen Durbans im Alter zwischen 10 und 18 Jahren. Es ist eine temporäre Einrichtung für einen maximalen Zeitraum von einem Jahr. Sie soll den Mädchen einen Weg von dem Straßenleben weg, hin zu einem strukturierten Leben zeigen. Hierbei ist die Zielsetzung, die Mädchen in ihre Familien zu integrieren.
Im Tennyson House gibt es Regeln, die den Tagesablauf bestimmen, wie z.B. gemeinsame Aufgaben des Kochens und Putzens sowie Hausaufgabenzeiten und Bibelzeiten. Außerdem gibt es Verhaltensrichtlinien, die die soziale Kompetenz der Kinder fördern soll. Werden diese nicht eingehalten, gibt es „Jobs“ (z.B. Toiletten oder Küche allein zu putzen, oder die Schlafräume aufzuräumen). Wenn jemand sich sehr vorbildlich verhalten hat, gibt es eine Art Belohnungssternchen. Wer am Ende der Woche 7 goldene Sternchen hat, bekommt ein Geschenk. Das funktioniert aber auch in die entgegengesetzte Richtung. Für die Mädchen ist das eine gute pädagogische Orientierung und Rückmeldung. Es motiviert sie aber auch, sich an die Regeln zu halten.
Das Haus verfügt über eine Kapazität von 15 Betten in 4 Räumen, eine Küche und 2 Bäder sowie einen gemütlichen Aufenthaltsraum mit Sofas und Fernseher. Die Mitarbeiter von YfC sind rund um die Uhr vor Ort, um den Mädchen mit Rat und Tat bei Seite zu stehen. Oftmals haben die Mädchen häusliche Gewalt, Prostitution, Vertrauensmissbrauch und psychische Gewalt erfahren. Bei der Verarbeitung dieser oft verlustreichen Erfahrungen suchen sie die Hilfe der qualifizierten Sozialarbeiter auf. Um das Ziel der Wiedervereinigung der Familien zu erreichen, arbeitet YfC auch eng mit den Eltern der Kinder zusammen, was häufig erfolgreich ist. Denn 95% der Mädchen, die aus dem Tennyson House zu ihren Familien umgezogen sind, können ein normales Familienleben weiterführen.
Trotz all dieser Leiden und negativen Erfahrungen, die die Mädchen auf der Straße erlebt haben, haben sie nie ihren Lebensmut verloren. Es hat uns beeindruckt, wie offenherzig sie auf uns zugegangen sind und wie dankbar sie sich den YfC Mitarbeitern gegenüber zeigten.