Artikel vom 15. Oktober 2010

Mit Act Positive nach Südafrika: 14.10.2010

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Julian, 16, aus Bochum:

Der heutige Tag hat mir nun endlich gezeigt, das Südafrika wirklich das Land der Gegensätze ist, etwas was ich gestern noch nicht erfahren konnte. Heute haben wir Projekte der Organisation „i Themba Lethu“ (-> „I have Destiny“) besucht, wir haben mit Mitarbeitern der Organisation Schulbesuche in den Townships von Durban durchgeführt.
Begeisternd war, wie offen und warmherzig wir von den Schülern und generell in den Townships aufgenommen wurden. Als wir nachdem wir uns mit den Lehren unterhielten eine kleine Pause gemacht haben, war gerade Schulschluss. Viele kleine Kinder kamen zu uns angerannt, haben gesehen, dass wir einen Fotoapparat hatten und wollten unbedingt Fotos mit und machen. Obwohl die Kinder noch kein Wort Englisch sprechen, haben wir uns sofort gut verstanden. Auch in der nächsten Schule konnte ich erneut diese Offenheit der Südafrikaner erleben. Als sich die anderen mit den dortigen Lehrern unterhielten, stand ich draußen und schaute mir den Schulhof an. Als die Schulglocke läutete, rannten die Kinder scharenweise aus den Klassenräumen. Anstatt mich einfach zu ignorieren, kamen viele Kinder zu mir, fragten mich nach meinem Befinden und nach meinem Namen.
Diese Offenheit gerade auch der kleineren ist für mich ein besonderes Erlebnis, genauso wie die Begeisterung füreinander, die von beiden Seiten ausging.

„Ich habe zum ersten Mal im Leben ein Township gesehen“
Doch es waren nicht nur positive Gefühle, die ich heute erlebt habe. Ich habe das erste Mal in meinem Leben einen sog. Township gesehen, etwas was ich vorher nur aus dem Fernsehen kannte. Es ist ein komisches Gefühl gewesen, durch die Townships zu fahren und zum ersten Mal in meinem Leben wahre Armut zu sehen. Ich habe mich oft gefragt, wie es für die Leute dort sein muss, am nächsten Hügel ein riesiges Einkaufszentrum oder die hiesige Universität zu sehen zu können, ein Gefühl, welches ich mir schwer vorstellen konnte.
Natürlich fand auch ich es „krass“, das die Unterschiede so nah beieinander sind, doch kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich in naher Zukunft ein Einkaufszentrum besuchen werde, die Menschen in den Townships werden dies nicht.

Nachdenken über unseren Luxus in Deutschland
Ich denke, es ist bewundernswert, wie wundervoll und wie offen die Menschen sind, obwohl sie keine Perspektive haben, es ist bewundernswert, wie sehr sich die Kinder freuen, in die Schule zu gehen, weil es für sie die Chance auf eine bessere Zukunft ist. Ich denke, so manch deutscher Lehrer würde sich über derart viel Interesse freuen!
Als ich abends an der Strandpromenade saß und mir die beeindruckende Skyline von Durban anschaute, sprach ich davon, welchen Luxus es hier in Südafrika im Gegensatz zu der großen Armut auch gibt. Luxus, das Wort über das ich heute eigentlich am meisten nachgedacht habe. Denn eben dieser Luxus, den es hier auch gibt, entspricht dem deutschen Lebensstandard, und ich habe das erste Mal wirklich darüber nachgedacht, wie gut wir es haben und in welchem Luxus wir in Deutschland wirklich leben.

Oli aus Duisburg:

Ich habe an dieser Stelle das Vergnügen, euch von dem wohl ereignisreichsten Tag meines Lebens zu berichten. Einem Tag, an dem die Flut an Informationen größer war als meine Auffassungsgabe.
Morgens bei der Fahrt zu einem Heim für Kleinkinder noch an den wohlbekannten Reklameschildern von gewissen Handyanbietern, Supermarktketten, Soft-Drink- und Autoherstellern und Fastfoodketten vorbeigefahren, lernte ich dort die Mitarbeiter von „ithemba Lethu“, frei übersetzt „Neue Hoffnung“ kennen. Ein Name, dem die Organisation gerecht wird. Als besonders beeindruckend empfand ich die Liebe der Hausmütter, welche die Mutterrolle für sechs Jungen und Mädchen vom Säugling bis zum 4-jährigen Vorschulkind übernehmen und bis auf ein Wochenende im Monat jeden Tag 24 Stunden täglich für sie sorgen. Für Adoptiveltern, die auch HIV-positive Kinder aufnehmen, empfanden sie nichts als Bewunderung.
Von dem Heim ging es weiter, um die von „ithemba Lethu“ geleiteten Schulen zu besuchen. Die Fahrt durch die sich scheinbar unendlich weit erstreckenden Townships ging mir so nah wie bisher nichts in meinem Leben. Kleine Kinder die mit einem Lachen im Müll spielen, schüchtern winken, interessiert schauende Eltern und kleinen Läden in Wellblechhütten, die mit den schon erwähnten Markennamen werben. Schockierend, die eigentlich schon bekannten Auswirkungen der Globalisierung so hautnah zu erleben.

Gigantische Lebensfreude der Kinder
In den Schulen bestehen die Klassen aus über 40 Schülern, die von jeweils zwei Lehrkräften für jeweils zwei Wochenstunden betreut werden. Die Lehrer unterrichten an mehreren Schulen und schaffen es, trotz der wenigen zur Verfügung stehenden Materialien und Zeit eine Bindung zu den Kindern aufzubauen und eine Ruhe in die Kinder zu bringen, die bei uns in Deutschland nicht vorzustellen wäre. Auf Bitten von Pablo bekommen wir Klassenarbeiten zu sehen. Keine Mathematik, keine Rechtschreibung, sondern Fragen zum Umgang mit Drogen und HIV/Aids, zu Gruppenzwang und richtigem Verhalten. Sauer stößt allerdings auf, dass eine Frage auch die stille Akzeptanz der Entscheidungen der Regierung fordert und nicht zum eigenen Nachdenken ermuntert. Nichtsdestotrotz eine unglaubliche Arbeit, die die wenigen Lehrkräfte leisten. Bei der Teilnahme an einer Unterrichtsstunde konnte ich mich selbst von der Neugier, Höflichkeit und der gigantischen Lebensfreude der Kinder überzeugen. Die Wertschätzung eines bunten Papieres, dass mit verschiedenen Mustern beklebt werden sollte, die Offenheit, mit der wir fremden Europäer begrüßt wurden, das Lachen der Kinder und die Bereitschaft mitzumachen werden mir ewig in Erinnerung bleiben. Das sind die Momente, in denen einem bewusst wird, was man selber hat, und noch einmal darüber nachdenkt, wonach man selber strebt.


Pablo, 20, aus Selb:

Nach dem heutigen Tag, weiß ich wie königlich wir in Deutschland leben.
Unsere Krone: Gesundheit. Hier in Durban alle mit Medikamenten und sanitären Anlagen zu versorgen ist unmöglich.
Unser Hermelinmantel: das Wohnen. Die Wohnbedingungen in Durban sind erschreckend. Drei Komponenten überwiegen: Blech, Pappe, Plastik. Diese kombiniert, ergeben ein Heim für eine Familie mit bis zu sieben Kindern!
Unser Thron: das Umfeld. Geborgenheit, Strom, Wasser, Sicherheit und Ruhe (um nur ein paar Beispiele zu nennen) sind hier oft einfach nicht gegeben.
Wir fahren heute zum ersten Mal in eines der Townships, um verschiedene Schulen zu besichtigen. Der Begriff „Slum“ kommt mir als erstes in den Sinn. In diesen Schulen ist das Projekt „iThemba Lethu“, welches von der Kindernothilfe gefördert wird, tätig. Dort werden den Kids in täglichen „Sessions“ „Life skills“ vermittelt. Sie sollen dort lernen selbstständig zu entscheiden und selbstbewusster zu werden. Außerdem erfahren die Kinder in den Sessions, dass es richtig ist, einen Traum zu haben und diesen anzustreben und zu leben. Doch noch viel wichtiger ist, dass die „life skill teachers“ den Kids Hoffnung machen. Zuversicht unter diesen Umständen zu erhalten – und vor allem zu behalten – ist für mich unfassbar. Denn selbst wenn die Jugendlichen die Schule abschließen, heißt das noch lange nicht, dass sie einen Job bekommen.

Krasser Gegensatz zwischen Reich und Arm
Was besonders ins Auge fällt:  die kleinen Schlösser zwischen den „shakles“ („Slumhütten“). Der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich ist so offensichtlich wie Schwarz und Weiß. Von gerechter Verteilung des Geldes kann keine Rede sein.
Nachdem wir verschiedene Schulen besichtigt hatten, dürfen wir einen der „life skill teachers“ zu einer der Sessions begleiten. Da müssen erstmal ca. 100 Kinder von einer Person gebändigt werden – Respekt! Nach einer wundervollen Begrüßen durch die Kids, konnte jedes der Kinder eine Karte basteln für eine Person, die es besonders mag. Zwar ein ziemliches Chaos, aber es war großartig anzusehen mit welchem Enthusiasmus die Kids mit uns ihre Karten gestalteten.
Erwähnenswert ist zudem, dass die „life skill teachers“ mit jedem der Kinder Einzelgespräche führt und sich um etwaige Probleme in der Familie kümmert. So werden die Eltern zu „parents workshops“ eingeladen oder Hausbesuche durchgeführt. Ich hoffe wirklich, dass „iThemba Lethu“ weiter wächst und noch weitaus mehr Kinder und ihre Familien erreicht, denn das ist wirklich Arbeit die „greift“ und hilft!
Abschließender Eindruck für heute: unfassbar, wie viel Lebensfreude die Kids trotz ihres Umfeldes zeigen. Ich will uns mal ohne Krone, Hermelinmantel und Thron auf dem nackten Lehmboden sehen.
Morgen werden wir die „Change Agents“ von „Youth for Christ“ bei einem Schulbesuch begleiten. Jetzt erstmal den vielseitigen „Eindrucks-Cocktail“ verdauen.

Mit Act Positive nach Südafrika: 13.10.2010

Die Reisegruppe aus Deutschland mit Mitarbeitern eines Kindernothilfe-Partners. Foto: privat

Fünf Jugendliche berichten über ihre Reise mit der Kindernothilfe nach Südafrika. Sie hatten bei Act Positive mitgemacht und werden nun für ihr außergewöhnlich großes Engagement belohnt. Die Reise wird komplett mit einem EU-Zuschuss für die Kampagne finanziert.

Wiebke,18, aus Reinbek:
Heute ist also schon Mittwoch, der 13. Oktober, und wir sind nun endlich in Durban heil angekommen. Unsere Reise ist beinahe als Odyssee zu bezeichnen, macht nix, am Ende haben wirs ja geschafft. Am Montag haben wir (Lenni, Oli, Yvonne, Julian, Pablo und Wiebke) uns um 15 Uhr in Frankfurt am Flughafen getroffen, 17:15 ging unsere Maschine nach London, aber wir sind mit Verspätung gestartet und mit Verspätung angekommen, was leider zur Folge haben sollte, dass wir unseren Flieger nach Johannesburg verpassen sollten. Mist! Also bekamen wir nach einigen Verwirrungen und vielen Warteschlangen einen Hotelplatz und sollten dann 24Stunden später erst nach Johannesburg weiterreisen können. Gut, wir machen ja alles mit.

Nach 12 Stunden Flug endlich in Südafrika
Am Dienstag also sind wir wieder zu Heathrows Terminal 5, um einzuchecken. In Sachen Sicherheitschecks sind wir inzwischen geübt, also ist alles paletti, und der Jumbo Jet von British Airways startete in Richtung Süden, wir kamen unserem Ziel näher. Obwohl auch diese Maschine nach 12 Stunden Flug mit Verspätung in Johannesburg landete und wir uns um unser Gepäck kümmern mussten, haben wir den Flug nach Durban noch erreicht.
Endlich Südafrika, endlich Durban und endlich, endlich sehen wir unsere Freundin Sane wieder, die uns bereits zweimal in Deutschland besucht hat. Und endlich können wir auch Ntokozo, unseren Fahrer, und Sbioniso, unseren Coordinator, in South Africa kennenlernen. Wow, wir sind da, haben es geschafft, und können’s gar nicht fassen, es ist irgendwie wie im Traum. Südafrika, das Land im Süden, das Land der WM, ein Land geprägt von Apartheit und HIV/AIDS, ein Land, in dem die Projekte der KinderNotHilfe Früchte tragen.

Wir kommen uns vor wie in einem Traum
Hier sind wir nun. Das waren für den Anfang schon mal sehr viele Eindrücke. All die Aufregung, dann das Ziel erreicht, strömen die Bilder, Gerüche, Farben, Geräusche und Szenen auf uns ein. Die Landschaft ist karg, geprägt von roter Erde und wenig grünen Bäumen, statt dessen sehen wir selbst an der Schnellstraße blühende Blumen in wie angelegt scheinenden Beeten, und weiter weg wachsen viele gedrungene Bäumchen und große Sträucher, wir sehen Palmen und vieles, was wir gar nicht zuordnen können.
Durban präsentiert sich uns als eine sehr weitläufige Stadt. Hier sollen 3 Mio. Menschen leben, unfassbar, dass sie nicht in die Höhe bauen. Wir sehen schicke Häuser und kleinere Gebiete mit Wellblechbauten. Hier ist es schön und gepflegt, dort dreckig und armselig, der Unterschied ist schwer zu verkennen. Wir können gar nichts mehr sagen, wir schauen aus dem Fenster und staunen. Es ist eine andere Welt, und wir kommen uns vor wie in einem Traum, können noch gar nicht realisieren, wo wir da gelandet sind.
Geschafft von der Reise kommen wir im B&B an, kaufen noch schnell Wasser und Bananen im Supermarkt, duschen und fallen ausgelaugt in unsere Betten, schlafen erstmal 3 Stunden. Danach werden wir mit unseren Freunden essen gehen, uns noch einmal neu kennenlernen. Diesmal sind sie die Gastgeber, und wir werden versuchen uns anzupassen und vielleicht auch Isi Zulu zu lernen.

 

Pablo, 20, aus Selb: Durban – 21.42 Uhr

Meerluft, rote Erde, Palmen und dann fängt auch schon das Wellblechdachmeer an. Durban – ca. drei Millionen Menschen auf einem Fleck. Wir sind gerade auf dem Weg, um die „Change Agents“ zu treffen und man schlürft schon die ersten Einblicke, wie aus einem exotischen Drink. Bloß ist der bittere Beigeschmack – der offensichtlichen Armut wegen – immer mit am Start. Eigentlich seit drei Tagen auf Reise (Dank Verspätung des Flugs mussten wir eine Nacht in London verbringen). Und jetzt wir mittendrin.
„Wir“ heißt: Lennart, Yvonne, Wiebke, Julian, Oliver und ich (Pablo). Wie wir alle hierher geraten sind, wird euch jeder selbst schreiben.
Ich bin in der Band („La Confianza“), und wir wollten ein Musik-Festival für einen guten Zweck organisieren. Also fand das erste „Act Positive Festival“ 2009 statt, um Unterschriften zu sammeln und auf die Kampagne aufmerksam zu machen. Ich hätte nie erwartet, dass das zu einer Afrikareise führen würde und ich erstmals dem Kontinent Europa den Rücken kehre. Mit Glück wurde ich ausgewählt, unter den vielen, die sich engagierten, um an dieser Bildungsreise teilzunehmen.

„Du siehst aus wie ein Hühnchen“
Heute treffen wir die Change Agents von Youth for Christ – ein Kennlernabend. „Du siehst aus wie ein Hühnchen“ – das erste, was einer der Change Agents von uns beigebracht bekommt – der Bildungsauftrag hat oberste Priorität! Wir werden herzlich aufgenommen und ohne Umschweife umarmt. Die Grenzen fallen weitaus schneller als in Deutschland. Die typisch deutsche (freundliche) Distanziertheit fällt hier komplett weg. Beeindruckend, wie schnell man miteinander Witze reißt und im wahrsten Sinne des Wortes „quatscht“.
Ach ja – die Mission „Klicklaute“ wurde auch schon angegangen. Zwar recht erfolglos, aber immerhin habe ich für Gelächter gesorgt. Bodybuilding für die Zunge und die Lachmuskeln! Mal sehen, ob ich das bis zum Abflug noch hinkriege. Aber der Standard-Dialog „Hi! Ich heiße Pablo. Wie geht’s dir?“ wurde mir schon beigebracht, und ich absolvierte den ersten Easy-Zulu-Kurs.
So weit so toll! Morgen geht’s ab in ein Township von Durban und besuchen mehrere Projekte der Organisation „iThemba Lethu“.