Artikel vom 04. Juli 2010

Haiti: Public Viewing inmitten der Ruinen

Liebe Fußballfreunde in Deutschland,

Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein. Wenn Ihr glaubt, dass die tollste Feier zum unfassbaren 4:0-Sieg der DFB-Elf vom Samstagnachmittag über die argentinische Selección in Wanne-Eickel, Duisburg oder unter dem Brandenburger Tor stattgefunden hat, täuscht Ihr Euch gewaltig. Ihr habt möglicherweise auch Euren Spaß gehabt, das bestreiten wir ja gar nicht, aber das, was heute hier in Haiti abging, könnt Ihr Euch einfach beim besten Willen nicht vorstellen.

Gestern waren die Menschen nach der brasilianischen 1:2-Niederlage gegen die Niederlande noch am Boden zerstört. Fassungslos. Tränen und betretenes Schweigen. Brasilianischer Fußball ist in diesem Land das Größte. Nur, weil die Menschen in Haiti die brasilianischen Fußballer lieben, bei jeder WM und jeder Copa Libertadora (dem lateinamerikanischen Pendant zur Europameisterschaft)die treuesten aller Fans der brasilianischen Nationalauswahl sind, werden die brasilianischen MINUSTAH-Soldaten im Lande gern gelitten, was man von vielen anderen Kontingenten dieser UN-Schutztruppe nicht behaupten kann. Seit Wochen wurde ganze Straßenzüge in Port-au-Prince mit den brasilianischen Nationalfarben geschmückt. Zwischen den Ruinen hängen Girlanden aus gelben und grünen Plastikflaschen, liebevoll wochenlang aus dem Müll herausgesucht. Die Bierwerbung im Fernsehen macht mit der Präferenz der Fans ihre Geschäfte. Nach jedem Brasilienspiel sind die Straßen von Port-au-Prince stundenlang unpassierbar.

Karnevalsstimmung: Hunderttausende auf der Straße. Die Regierung hat die FIFA-Rechte für alle Übertragungen aus Südafrika gekauft und gratis an sämtliche Fernsehkanäle weitergegeben. Keine andere Entscheidung, die Präsident René Prèval seit der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar getroffen hat, war so populär wie diese.  Überall in den Lagern und Zeltstädten wurden Großleinwände installiert. Die Rechnung ging auf: Während der Fußballweltmeisterschaft hörten die täglichen Demonstrationen gegen Prèval und seine Regierung schlagartig auf. Die Menschen in Haiti, deren eigene Nationalmannschaft 1974 zum allerletzten Mal, damals in Deutschland, selbst bei einer WM dabei war – und wo es derzeit in der Hauptstadtregion keinen einzigen bespielbaren Fußballplatz gibt, weil jede freie Fläche mit Notunterkünften bedeckt ist, fiebern sich kollektiv in Fußballextase.

Wer behauptet, Fußball sei Opium fürs Volk, irrt. Zumindest in Haiti. Hier ist Fußball Therapie. Zum ersten Mal in diesem furchtbaren halben Jahr seit der Katastrophe vom 12. Januar haben die Menschen wieder richtig Spaß, Freude am Feiern. Fußball als Katharsis. Was für ein Geschenk!

Und dann das Unfassbare: Brasilien verliert gegen die Niederlande. In Haiti ist das so etwas wie eine nationale Katastrophe. Doch diesmal dauert die Trauer nur eine Nacht. An diesem Samstagmorgen wachen die allermeisten Brasilienfans als Freunde der deutschen Nationalmannschaft auf: Weil, eines mögen sie nun wirklich nicht: Dass, gestern in ihrer bittersten Stunde, Zehntausende von Argentinien-Anhänger (die gibt es nämlich auch) schadenfroh stundenlang und lautstark den Sieg der Holländer gefeiert haben. Da passt es gut, dass der Tag der Rache nicht lange auf sich warten lässt: Deutschland gegen Argentinien, der Klassiker!

Wir, das sind meine Kollegin Antonie Hutter und ich, sind eigentlich mit dem ARD-Hörfunk-Redakteur Martin Polansky zum Arbeiten unterwegs, Besichtigung der Abrissarbeiten der beim Erdbeben stark beschädigten Fort-National-Schule im Stadtteil Impasse Terrasse. Zum Glück sind wir so früh da, dass wir die wackeren Bauarbeiter der Firma G 3 noch in voller Aktion erleben, mit Vorschlaghämmern, Schaufeln, Schubkarren, Spitzhacken und weißen Schutzhelmen auf dem Kopf. Um neun Uhr haitianischer Zeit ist dann aber erst einmal Schluß mit dem Abriss. Das Spiel Argentinien gegen Deutschland wird angepfiffen. Ganz Impasse Terrasse drängt sich um die Fernsehgeräte, die draußen vor den Häusern, in den engen Gässchen aufgestellt werden. Der Strom kommt aus Autobatterien, die sorgfältig aufgeladen wurden, damit es wirklich für 90 Minuten und eventuell die Verlängerung und das Elfmeterschiessen reicht.

Public Viewing inmitten der Ruinen. Wir stellen uns erst mal ganz schüchtern dazu. Man weiß ja nie, vielleicht sind die Leute hier alle Argentinien-Fans.  Herr Müller mit seinem ersten Tor belehrt uns eines Besseren. Um uns herum brechen lautstarke Jubelstürme los. Frauen, durchaus nicht mehr ganz im Mädchenalter, rennen aus den Häusern, fallen sich um den Hals. Begeisterung pur. Impasse Terrasse brüllt für Deutschland. Müller, Müller, Müller! Der Wahnsinn geht weiter – Klose, Friedrich, Klose. Bei jedem argentinischen Angriff halten sich die Leute die Hände vor die Augen. Bloß kein Tor für Maradonna. Den mögen sie hier nicht, das merken wir sehr schnell.

Ein mutiger Argentinienfan versucht mit seiner Schubkarre verzweifelt, durch die Menschenmenge zu kommen. Weil er aus seinem Ärger über den Spielverlauf keinen Hehl macht, bekommt er von den begeisterten Deutschlandfans die gelbe Karte gezeigt: „Siehst Du, so geht es den Schadenfrohen!“

„Warum um Himmelswillen“, fragt Martin Polansky aus dem ARD-Studio Mexiko die Leute fassungslos, „seid Ihr alle für Deutschland?“ Eigentlich sind wir ja für Brasilien, antwortet Fabienne, die eine ganze Menge von Fußball versteht, „aber, nachdem Brasilien verloren hat, muß Deutschland gegen Argentinien gewinnen!“ Und dann wird sie richtig philosophisch: „Fußball ist das schönste Spiel der Welt. Alle Menschen freuen sich. Und wir vergessen für einen Moment die Ruinen um uns herum.“

Weil wir es immer noch nicht richtig begriffen haben, erklärt uns Fabienne begeistert: „Im Endspiel Deutschland gegen Holland sind wir natürlich für die Holländer, die haben ja schliesslich die Brasilianer besiegt.“

Doch vorher wird in Impasse Terrasse gefeiert. Und wie! Laut hupende Motorradfahrer halten uns begeistert´die Hand mit dem abgewinkelten Daumen und den vier nach oben gestreckten Fingern entgegen: 4:0. Tausende von Menschen tanzen und winken. Dass sie uns nicht noch im Triumphzug durch die Straßen tragen, ist alles. Eine begeisterte Menschenmenge schwenkt die deutsche Fahne. Dass auf der Fort-National-Baustelle nach diesem Fest noch weitergearbeitet wird, können wir getrost ausschliessen.

Die Menschen in Haiti mögen derzeit eine Menge Probleme haben. Aber Eines kann Ihnen niemand nehmen: Sie die sympathischsten Fußballfans der Welt.  Liebe FIFA, falls Sie zufällig nicht wissen sollten, wohin mit der nächsten Fußball WM, wir hätten da einen Vorschlag: Port-au-Prince, Haiti!

Viele Grüße nach Deutschland senden:

Antonie Hutter und Jürgen Schübelin