Artikel vom 01. März 2010

Haiti: Monsieur Louis – ein Hausmeister, der einen Orden verdient hätte

Sehr geehrter Herr Präsident Préval, sehr geehrte Damen und Herren Minister der haitianischen Regierung, falls zufällig jemand von Ihnen dazukommen sollte, die Kindernothilfe-Homepage und diesen Blog zu lesen, hätten wir eine Bitte: Irgendwann werden Sie sicherlich Orden verleihen an viele verdienstvolle Menschen, die nach dieser Katastrophe in Haiti Heroisches geleistet haben. Bitte vergessen Sie Monsieur Joachim Louis nicht, den Hausmeister der Fort National-Schule! Die genaue Anschrift können wir Ihnen gerne nachreichen. Besten Dank!

Der ältere Herr auf diesem Foto ist Monsieur Louis, mit vollständigem Namen Joachim Louis, Hausmeister der zerstörten Fort National-Schule und für mich eine der eindrucksvollstellen Persönlichkeiten, die ich in Haiti kennengelernt habe. Er hat nach der Katastrophe vom 12. Januar einze ln nach jedem der Kinder aus dieser großen Schule mitten in dem Bidonville gleichen Namens gesucht – und, wie wir heute wissen – mit Ausnahme von drei Getöteten – auch alle anderen lebend gefunden. Bei jedem Aufstieg durch die Trümmerlandschaft des Ruinenfeldes dieses riesigen Armenviertels hat er uns begleitet und den Nachbarn immer wieder aufs Neue geduldig erklärt, wer wir sind und warum wir so oft diese beschädigte Schule der Heilsarmee von allen Seiten unter die Lupe nehmen müssen.

Wer Monsieur Louis, der selbst nie in seinem Leben eine Chance erhielt, einen Beruf zu erlernen, beobachtet, wie er mit Kindern spricht, wie er ihnen zuhört, Trost spendet, einfach da ist, begreift, dass es Menschen wie ihn geben muss, sonst wären Katastrophen wie diese noch viel entsetzlicher. Während viele Lehrer und Mitarbeiter der beiden Heilsarmeeschulen College Verena und Fort National – oder auch anderer Projekte, die Kindernothilfe in Haiti unterstützt – nach dem Erdbeben vom 12. Januar – völlig nachvollziehbar – zunächst verstört bei ihren Familien blieben und versuchten, ihr eigenes Überleben zu regeln, war Monsieur Louis von der ersten Minute an dabei, beim Aufbau des ersten KNH-Kinderzentrums auf dem Gelände der Heilsarmee mitzuhelfen. Er ist im Kinderzentrumteam von Delmas Deux einer der ganz wenigen Männer, der zu den Frauen an den Kochtöpfe geht, die vollen Teller mitbringt und jedem Kind liebevoll sein Essen reicht. Ansonsten machen – auch im Haiti nach dem Erdbeben – exakt diesen Job, genauso wie das Aufräumen, Tellereinsammeln, Abwaschen und Putzen nach den Mahlzeiten nur die Frauen.

Monsieur Joachim Louis ist Hausmeister. Hausmeister einer Schule, die es so nie mehr geben wird, die, wie wir seit einigen Tagen und seit der gründlich-unerbittlichen Revision durch unsere chilenischen Architektenkollegen Pablo Guzmán und Alvaro Arriagada wissen, abgerissen werden muss, weil die Substanz des Gebäudes durch das Erdbeben so schwer beschädigt wurde, dass sie nicht mehr zu retten ist. Trotzdem ist Joachim Louis jeden Nachmittag, dann, wenn die Arbeit des Kinderzentrums endet, auf dem Berg, in Fort National, überprüft die Eisenketten und Vorhängeschlösser, die er vor die Klassenzimmerräume gespannt und gehängt hat, um sicher zu stellen, dass nicht auch noch die übriggebliebenen Utensilien, Bänke, Stühle und Pulte der Schüler aus Fort National gestohlen werden. Er hat uns bei dem letzten Besuch in der Schule den winzigen, fensterlosen Raum gezeigt, in dem er immer geschlafen hat, wenn nachts der Wächter nicht kam, um auf das Schulgebäude aufzupassen und er einfach dageblieben ist, weil man ja nicht ein ganzes Schulhaus ohne Schutz lassen kann – nicht in Haiti und auch nicht anderswo. Ich weiss nicht genau, wieviel Monsieur Louis, der Hausmeister, für seine Arbeit verdient, aber ich ahne es, und möchte lieber nicht fragen.

Monsieur Louis war der erste, der wusste, dass seine Schule abgerissen werden muss: Er zeigte den beiden Architekten die Risse in den Wänden, die Schäden an einigen tragenden Elementen und erklärte, dass es immer schon Probleme mit den Fluchtwegen aus diesem verwinkelten, engen Gebäude gegeben hat und er immer Angst davor gehabt hätte, dass einmal ein Feuer ausbricht.  

Ein Neubau der Fort National-Schule wäre ein Segen für das ganze Viertel und für Monsieur Louis, der intensiv mit den Architekten darüber diskutiert, wie das neue Gebäude einmal aussehen soll – auf alle Fälle mit größeren Klassenzimmern und richtigen Fenstern, damit die Kinder besseres Licht zum Lernen haben, einer schönen Küche, weil dann das Essen, das für die Kinder gekocht wird, gleich viel besser schmeckt. Monsieur Louis verbreitet bei den Nachbarn und bei den Mädchen und Jungen aus Fort National, mit denen er über diese Pläne spricht, Optimismus, mehr noch: Gewissheit! Er ist für sie so etwas wie ein Garant dafür, dass die „blancs“, die Bleichgesichter (also wir), nicht einfach völlig durchgeknallt sind, was die Idee vom Neubau einer großen neuen Schule in diesem geschundenen Viertel anbelangt. Aber uns ist auch bewußt, dass er bei all diesen Gesprächen mit den Erdbebenüberlebenden von Fort National seine ganze eigene Glaubwürdigkeit und all seine unumstrittene Reputation in die Waagschale wirft, um uns die Türen zu öffnen. Das bedeutet, wir dürfen diese Menschen nicht enttäuschen – und schon gar nicht Monsieur Louis.

Sehr geehrter Herr Präsident Préval, sehr geehrte Damen und Herren Minister der haitianischen Regierung, falls zufällig jemand von Ihnen dazukommen sollte, die Kindernothilfe-Homepage und diesen Blog zu lesen, hätten wir eine Bitte: Irgendwann werden Sie sicherlich Orden verleihen an viele verdienstvolle Menschen, die nach dieser Katastrophe in Haiti Heroisches geleistet haben. Bitte vergessen Sie Monsieur Joachim Louis nicht, den Hausmeister der Fort National-Schule! Die genaue Anschrift können wir Ihnen gerne nachreichen. Besten Dank!

Ihr Jürgen Schübelin