Artikel vom 22. Februar 2010

Action!Kidz 2009: Culcha Candela lässt Turnhalle in Wesel toben

Als Culcha Candela die Bühne der Weseler Gesamtschule betreten, brechen fast 1.000 Schüler und Schülerinnen in Begeisterungsstürme aus. „Seid Ihr Action!Kidz?“ fragt die Berliner Hip Hop Band, bevor die Jungs mit ihrem ersten Hit „Schöne Neue Welt“ die Turnhalle zum Toben bringen.

In der Dunkelheit sieht man Hunderte von Handys. Der Versuche, einen Schnappschuss der Jungs zu ergattern. „Normalerweise ist das Handy hier tabu“, erzählt mir eine Lehrerein, „heute haben wir da eine Ausnahme gemacht.“ Und eine Kollegin fügt schmunzelnd hinzu: „Als wir früher zu einem Konzert gingen, rockten wir mit unseren Armen mit. Heute stehen alle still und halten nur noch ihre Mobilgeräte hoch. Für Fotos, Videos. Podcasts.“

Bis die Band aber tatsächlich auf der Bühne steht, um die Gewinner der Action!Kidz-Kampagne 2009 zu ehren, müssen die Kinder und Jugendlichen fast einen ganzen Tag warten. Eine Lehrerin erzählt mir: „Der Unterricht begann heute erst in der 5. Stunde. Und selbst dann konnte man bei Schülern und Lehrern die Anspannung merken“, erzählt sie. „Unterricht war da kaum möglich.“ Während die Jugendlichen noch die Schulbank drücken, herrscht in und um die Schule herum schon angespannte Aufgeregtheit. Das Lehrpersonal arbeitet schon seit morgens, um sich im besten Licht zu präsentieren. Ein Lehrer, mit dem ich ins Gespräch komme, zeigt auf die Stuhlreihe seitlich der Bühne: „Hier kommen die geladenen Gäste aus Wesel hin. Wo in Wesel so etwas los ist, kommen alle“, sagt er und ein kleines wenig Stolz schwingt in seiner Brust mit.

Ich erlaube mir einen Gang durch das Schulgelände. Polizei, Feuerwehr, Sanitäter. Auf dem Gelände der Weseler Gesamtschule am Lauerhaas herrscht aufgeregte Nervosität vor dem Auftritt der Berliner Hip Hop Band Culcha Candela. Die Polizei kontrolliert das Gelände rund um die Gesamtschule. Zu populär ist der Auftritt in der Schule am Niederrhein mittlerweile geworden. Während sich in den verschiedenen Internet-Communities rumgesprochen hatte, dass Culcha kommt, wollten viele Jugendliche auch aus anderen Regionen einfach anreisen und sich dem Konzert anschließen. Aber das geht nicht, weiß auch die Polizei. Denn Konzert ist exklusiv, nur für die Gewinne der Action!Kidz-Kampagne gedacht.

Ein Polizist sagt, dass eigentlich alles ruhig sei, aber wissen könne man nie und man sicher sei doch schließlich sicher. Kurz vor dem Auftritt der Band versammeln sich einige nicht geladenen Jugendlichen vor der Turnhalle. Alles ohne Probleme. Sie kommen nur, um ein Autogramm zu ergattern.

Irgendwann dann füllt sich die Turnhalle mit den Schülern der Gesamtschule. Das Ganze erinnert ein wenig wie das Aufstellen vor der Schule bei den Erstklässlern. In Zweierreihen betritt Klasse für Klasse die Turnhalle. Alles scheint sehr gesittet und geordnet. Eine Lehrerin zeigt mir ihren seitenlangen Programmplan. Minütlich ist hier aufgeführt, welche Klasse zu welcher Minute und an welchem Ort in der Halle Platz zu nehmen hat. Ich bin schwer beeindruckt. Nicht nur wir haben uns gut vorbereitet und zum ersten Mal wird mir so richtig klar, was für ein toller Preis dieser Tag für die Gesamtschule

Gekreische, Geschnattere, ausgefallene Outfits finden sich unter den Schülern. Für die Jungs kann man sich schon mal schick machen. Von links höre ich: Wow, eine richtige Bühne! Die Schüler sind beeindruckt. Andere spekulieren darüber, wie viele Lieder und welche die Band eigentlich spielen wird. Suchen sich den besten Platz, wenn das überhaupt geht. Zwischendrin erkennt man den hauseigenen Sanitätsdienst mit seinen leuchtenden Uniformen. Die drei Jungen und ein Mädchen haben eine richtige Ausbildung für kleinere und größere Einsätze absolviert. „Uns gibt es mittlerweile seit drei Jahren“, berichten sie stolz. Unterstützt werden sie heute vom Deutschen Roten Kreuz.

Dass er da ist, macht sich spätestens beim 3. Lied von Culcha Candela bezahlt, als ob des Gedränges der vielen Schüler an der Bühne einige Mädchen hyperventilieren.

Doch vor dem Auftritt der Berliner Band, müssen die Schüler noch ein wenig zuhören: Christina Rau, Schirmherrin der Aktion und dem Kindernothilfe-Vorsitzenden  Jürgen Thiesbonenkamp. Der stimmt die Schule nochmal auf den Sinn des Mitmachens ein: Ausbeuterische Kinderarbeit in Bolivien, in den Bergwerken von Potosi. Mitgebracht hat er einen Helm und einen Schuh, getragen von Kindern, die unter ausbeuterischen Bedingungen dort arbeiten müssen. Manchmal sagen Bilder mehr als Worte. Und für einen kurzen Moment sind alle bei den Kindern, um die es in Bolivien geht.

Dann endlich kommen und singen Culcha Candela. Sechs gestandene Kerle, die sich nicht nur für die Action!Kidz stark machen und Preise verleihen. Sondern eine Band, die sich voll ins Zeug legt für die Gewinner, um ihnen einen wirklichen unvergesslichen Moment zu bescheren. Mitgebracht haben sie unter anderem ihre Hits Monsta und Hamma. und dann gibt es auch noch die eine oder andere Zugabe, und zwar ohne sich lange bitten zu lassen.

Danach gibt es in der Aula der Schule Autogramme. Ich bin schwer beeindruckt, wie viel Zeit sie dafür mitgebracht haben. Kleine Gesten, Fotos mit dem einen oder anderen Bandmitglied. Die coolen Jungs sind auf einmal eine Band zum Anfassen, mit denen man reden kann, denen man auf einmal ganz kurz ganz nah sein kann. Eine Stunde später gibt es keine Autogrammkarten mehr, aber dafür 100 traurige Kidz. Doch die Culchas lassen auch sie nicht im Regen stehen, sondern versprechen, dass sie Autogramme nachschicken werden. Danke dafür.

Als sich das Schulgebäude am Abend leert, sehe ich nur in zufriedene Gesichter: Bei den Schülern, bei den Lehrern, bei der Band, bei uns Veranstaltern. Bundesweit haben sich über 6.000 Schüler und Schülerinnen gegen Kinderarbeit stark gemacht. Mit dem Anreiz auf einen solchen Hauptpreis, könnten es 2010 vielleicht auch noch mehr werden. Die Kinder in Haiti, für die das Geld in diesem Jahr gedacht sein wird, werden es ihnen danken!

Simone Orlik,
pressestelle@knh.info

Haiti: Zwei chilenische Architekten als Therapeuten. Ein Beitrag von Jürgen Schübelin

In den Ruinen der eingestürzten Häuser und Gebäude von Port-au-Prince wird sechs Wochen nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar wieder intensiv gearbeitet: Überall sind Tausende von Männer, Jugendliche und Kinder wie Teile eines riesigen Ameisenheeres damit beschäftigt, alles, was an Metall- und Eisenteilen abzusägen, herauszubrechen oder freizulegen ist, zu ergattern, abzutransportieren und zu verkaufen. Die ganze Stadt gleicht einem gigantischen Steinbruch. Für Schrotthändler ist Port-au-Prince derzeit so etwas wie das El Dorado der Karibik.

Wer in dieser Stadt richtig Geld hat – und das sind vor allem die Banken, einige Supermärkte und Autohändler – aber auch große Firmen wie die alles beherrschenden Telefongesellschaften „Digicel“ und „Voilà“, die den Haitianern mit ihrem pre-paid-Handy-Systemen noch den letzten Gourde aus der Tasche ziehen, lassen ihre beschädigten Gebäude professionell abreissen und den Schutt entsorgen. Die Tages-Mietpreise für einen Bagger oder einen schweren Lastwagen haben astronomische Höhen erreicht. Aber – und das ist unübersehbar – die Schockstarre der ersten Wochen nach der schwersten Katastrophe in der Geschichte Haitis beginnt sich zu lösen, die Ab- und Aufräumphase hat begonnen.

Auch für Kindernothilfe: Während wir einerseits weiter mit aller Kraft daran arbeiten, das Kinderzentren-Programm auszuweiten und mit Notschul- und Trauma-Care-Projekten  inzwischen rund 2.318  Mädchen und Jungen erreichen, haben die beiden chilenischen Kollegen in unserem Team, Pablo Guzmán und Alvaro Arriagada, in dieser zu Ende gegangenen Woche mit ihren professionellen Ressourcen zur psychologischen Trendwende beigetragen. Pablo und Alvaro sind Architekten, Experten in Stadtteilentwicklung und erdbebensicherem Bauen – aber vor allem auch Kommunikationstalente.

„Wir kommen aus einem Land“, erklärt Pablo den fasziniert zuhörenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Coupeau, einer kleinen Berggemeinde südlich von Carrefour, dort, wo die von Kindernothilfe und der Dorfgemeinschaft selbst gebaute Schule am 12. Januar in sich zusammengestürzt ist, „wo es alle vier Jahre schwere Erdbeben gibt, viele von ihnen schwerer als das, das Ihr erlebt habt“. Die Chilenen, so seine Botschaft, hätten, um zu überleben, lernen müssen, erdbebensicher zu bauen, sich auf Katastrophen vorzubereiten und mit ihnen umzugehen.

Mitten in der Ruine der kleinen Schule, von der nur noch die Stützpfeiler und einige Mauerteile stehen, erläutert er gestenreich, wie beim Wiederaufbau vorgegangen werden muss, damit das Gebäude dem nächsten Erdbeben standhält, mit eisenbewehrten Stützopfeilern, soliden Trägern und Verstreben, die dem Gebäude Stabilität verleihen. „Wir kommen wieder“, verspricht er den Kindern und Jugendlichen – und ihren Eltern, „um mit Euch allen zusammen diese Schule wieder aufzubauen und mit Euch zu lernen, wie das auf eine erdbebensichere Weise geschehen kann.“

Nicht nur die Menschen in Coupeau sind von der Idee, dass aus den Ruinen wieder solide, sichere Gebäude entstehene können, wie elektrisiert: In „Fort National“, dem großen Bidonville (Armenviertel) in Delmas Deux, wo vor der Katastrophe eine der von Kindernothilfe finanzierten Heilsarmee-Schulen von Port-au-Prince funktionierte, beobachten die Nachbarn jeden Schritt, jede Handbewegung der beiden chilenischen Architekten, die sorgfältig Quadratmeter für Quadratmeter der Ruinenlandschaft um die Schule herum mit ihrem Laser-Messgerät abtasten und kartographieren. Ermina Brice (10), eines der Kindernothilfe-Patenkinder aus diesem Projekt und ihr Bruder Rony (12), wollen uns gar nicht mehr gehen lassen – sondern fragen immer wieder, wann denn es denn mit der Schule wieder losgeht. „Diese Schule ist alles, was die Menschen in diesem Armenviertel je hatten“, sagt uns der Pastor, der mit seiner Familie direkt neben dem Ruinenfeld lebt: „Zu sehen, dass Ihr und die Heilsarmee Euch Gedanken darüber macht, diese Schule neu zu erbauen, ist für uns ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.“

Von allen Seiten werden die beiden Architekten bestürmt, zu erklären, wie denn die neue Schule von „Fort National“ aussehen wird. Doch dafür muss erst einmal das alte Gebäude, das angesichts seiner schweren baulichen Schäden nicht mehr zu retten ist, abgetragen – und all der Schutt entsorgt werden. Eine gigantische Aufgabe! „Drei Kinder aus dieser Schule sind gestorben“, sagt uns eine Mutter, „wir würden Alles dafür geben, dass sie noch am Leben wären.“ Insgesamt sind es nach dem bisherigen Erkenntnisstand sogar 19.000 Menschen, die allein in diesem Stadtteil ums Leben kamen. Kindernothilfe hat sich gegenüber ihrem Partner, der Heilsarmee, dafür verbürgt, die „Ėcole Fort National“, die einzige Schule in weitem Umkreis, wieder aufbauen zu helfen. Die beiden chilenischen Architekten, Pablo und Alvaro, werden von den Kindern und Erwachsenen wie Helden verabschiedet, per Handschlag und Umarmung.

Doch das größte und symbolträchtigste Bauvorhaben, zu dem wir uns verpflichtet haben, ist der Neubau einer Schule für 1800 Mädchen und Jungen auf dem Gelände der „Petites Soeurs de Sainte Thérèse de l’Enfant Jesus“ in Riviere Froide, im Süden von Carrefour – jenem Ort, an dem 150 Kinder, vier Ordensschwestern, fünf Lehrerinnen und Lehrern unter den Trümmern der komplett eingestürzten alten Schule der „Kleinen Schwestern“ starben. Über vier Wochen nach der Katastrophe hat es gedauert, bis wir mit den Schwestern über dieses Vorhaben sprechen konnten, vier Wochen behutsamer Trauerarbeit, kontinuierlicher Präsenz und diskreter Unterstützung mit dem Lebensnotwendigsten: Wasser, Planen, Lebensmittel. Drei Tage lang begehen Pablo und Alvaro zusammen mit den Schwestern das ausgedehnte Gelände, vermessen, zeichnen, lassen sich sagen, wie sich die tapfere Ordensgemeinschaft, mit der Kindernothilfe seit über acht Jahren kooperiert, ein neues Schulgebäude vorstellen könnte.

Klar ist, dass nicht dort gebaut werden soll, wie die alte Schule all die Kinder, Ordensfrauen und Lehrer unter sich begrub. An dieser Stelle wünschen die Schwestern eine Gedenkstätte, einen Platz mit schönen, großen Bäumen, mit einem Stein, auf dem die Namen aller Toten stehen.  

Die therapeutische Wirkung der Architektenpräsenz auf dem Hügel von Riviere Froide ist augenfällig: Immer engagierter diskutieren die Schwestern mit den beiden chilenischen Kollegen im KNH-Team, immer mehr Ideen und Vorschläge für die Ausgestaltung der neuen Schule werden entwickelt. Und immer mehr Kinder schreiben sich, während an den Plänen für dieses große Projekt geschmiedet wird, für den provisorischen Unterrichtsbeginn unter freiem Himmel und Zeltplanen ein. Am Ende dieser Woche sind es bereits 1200 Mädchen und Jungen.

Trotzdem ist dieser mutmachende Prozess immer wieder auch mit Tränen und Verzweiflung verbunden. Am Samstagabend, nach tagelangen Beratungen, sagt uns Soeur Giséle Chaperon, die tapfere Schulleiterin der Sekundarstufe: „Wir haben verstanden, dass wir am Ende Bagger und schweres Gerät brauchen, um den Schutt und die ganzen Betonteile wegzuräumen.“ Die ganze Zeit über hatten die Schwestern gehofft, dass es möglich sein würde, mit der Unterstützung ihrer Freunde, der Bauernfamilien aus den Dörfern rund um Carrefour, ein „Conbit“, eine Gemeinschafts-Aktion, zu organisieren, die Ruinen der Schule abzutragen und die Leichen der toten Kinder und Erwachsenen einzeln zu bergen.

Pablo Guzmán hatte die ganze Zeit über behutsam versucht, zu erklären, dass das mit aller menschlichen Arbeitskraft der Welt nicht möglich sein würde, dafür sind die tonnenschweren Betonplatten, die da in sich zusammenstürzten, einfach zu schwer. Am Ende verabschieden die Frauen die beiden chilenischen Spezialisten mit Umarmungen und Segenswünschen. Jetzt geht es darum, einen ersten Entwurf für die neue Schule von Riviere Froide zu entwickeln, dann kommen die Architekten wieder, um über die Details zu diskutieren. „Uns ist klar geworden, dass Kindernothilfe es wirklich ernst meint mit dem Neubau dieser Schule“, sagen uns Soeur Giséle und ihre Kollegin, die Schulleiterin der Grundschule, Soeur Evanette, „dieses Projekt ist für uns wie ein Zeichen dafür, dass es nach jeder Nacht einen Morgen gibt – und Gott nicht will, dass die Arbeit mit den Kindern aus Riviere Froide unter diesen Ruinen ein Ende gefunden hat.“

Jürgen Schübelin (21.02.2010)