Artikel vom 15. Februar 2010

„Mitten ins Herz.“ Ein Beitrag von Jürgen Schübelin aus Jacmel

„Das Schlimmste war“, sagt Stephanie, „dass ich mich überhaupt nicht mehr bewegen konnte und alles um mich herum einstürzte“. Das elfjährige Mädchen fügt leise hinzu: „Und danach auf der Straße die vielen toten Personen, und die Verletzten und all die weinenden und schreienden Menschen.“ Der neben ihr sitzende zehnjährige Anderson sagt ganz ernst: „Es tut mir so leid um all die vielen Kinder und Erwachsenen, die bei dem Erdbeben ums Leben kamen. Aber ganz oft hat es die Falschen getroffen – und nicht die wirklich bösen Menschen, die, die anderen weh tun…“

Es war gar nicht unsere Absicht gewesen, dass uns die Kinder aus der KNH-Partnerorganisation MHDR in Jacmel eines nach dem anderen von ihren ganz persönlichen Erfahrungen an diesem 12. Januar, nachmittags um 16:53 Uhr berichten sollten, aber je länger die Kinder sprechen, um so mehr spüren wir, wie außerordentlich wichtig es für sie ist, dass wir ihnen zuhören, ihnen eine Möglichkeit geben, noch einmal die entsetzlichen Stunden nach dem Erdbeben zu beschreiben. 

Jacmel liegt im Süden von Haiti. Vor der Katastrophe war es möglicherweise der einzige Ort in diesem Land mit so etwas wie einem gewissen touristischen Potential, schönen farbiggestrichenen alten Holzhäusern, Stränden mit Palmen, die haitianische Stadt, in der Simon Bolivar für seinen Kampf gegen die spanischen Besatzer einst voller Verzweiflung die Hilfe des ersten Landes in Lateinamerika, das sich 1804 aus dem Joch der Kolonialherrschaft hatte befreien konnen, erbat und von General Petion und den Bürgern des freien Haiti auch großzügig erhielt.

Jetzt liegt ein großer Teil von Jacmel in Trümmern, vor allem die Straßenzüge unten am Meer. Die Zahl der Leichen, die aus den zerstörten Häusern geborgen wurden, beläuft sich inzwischen auf 382. Die Stadtverwaltung hat mit Hilfe von Ingenieuren und Baustatikern alle Häuser untersuchen lassen – und ist damit deutlich weiter als die Behörden in der Hauptstadt Port-au-Prince.Ganz viele Gebäude tragen, obwohl sie bei dem Beben stehen blieben, ein großes rotes Kreuz, das heißt, sie müssen abgerissen werden, weil die Schäden an der Struktur und Substanz so groß sind, dass eine Reparatur unmöglich wäre.

Auch in Jacmel leben alle Familien auf der Straße, in endlosen Zeltreihen: „Wir vermissen unsere Häuser“, sagen die MHDR-Kinder, auf der Straße ist es gefährlich – nicht etwa, weil es in Jacmel eine besonders hohe Kriminalitätsrate geben würde, sondern weil immer wieder Unfälle passieren, auf der Straße schlafende Menschen von Autos oder Motorrädern angefahren werden, sich im Dunkeln verletzen. 

Für die drei Tage vom 12. bis 14. Februar hat die Regierung drei Gedenk- und Trauertage verordnet. Überall finden Gottesdienste statt, mit singenden, inbrünstig betenden und tanzenden Menschen. In Jacmel beeindruckt uns ein, über einem Straßenzug, von dem nur noch Schutthaufen übrig geblieben sind, gespanntes schwarzes Transparent, auf dem die Überlebenden die Namen ihrer toten Familienangehörigen und Nachbarn geschrieben haben. Oder an einer anderen Stelle der Stadt hängen große, weiße Papierbögen an den Mauerresten, mit liebevoll verfaßten Botschaften an die Verstorbenen.

In einem langen Zug ziehen Tausende, mit weißen Hemden gekleidete Menschen, schweigend durch die Stadt, durch all die Straßenzüge, in denen in Jacmel Familienangehörige und Nachbarn unter den Trümmern ihrer zusammengestürzten Häuser starben.

Zumindet hier, an diesem Ort im Süden des Landes, haben die Überlebenden einen Monat nach der größten Tragödie in der Geschichte Haitis offenbar einen Weg gefunden, endlich ihrer Trauer angemessen und würdig Ausdruck zu verleihen. Der Verkehr auf den Straßen -auch in der Hauptstadt Port-au-Prince – hat deutlich abgenommen und auch die internationale Helfergemeinschaft scheint einen Augenblick inne zu halten, um diese intensiven und emotionalen Stunden mit den Gottesdiensten an jeder Straßenecke – unter Zeltplanen oder einfach unter freiem Himmel – nicht zu stören.

Am Montag, 15. Februar, wird unsere Arbeit weiter gehen – unter anderen mit dem Start von zwei weiteren Kinderzentren, diesmal in Jacmel, in Kooperation mit dem örtlichen Kindernothilfe-Partner MHDR und seinem Team aus Sozialarbeitern und einem Psychologen – und zwar mit 60 Mädchen und Jungen aus dem eher ländlichen Morne Ogé und 60 weiteren aus La Mandú, mitten in der Stadt, dort, wo es die schwesten Zerstörungen gegeben hat. „Wir wünschen uns, bald wieder in die Schule gehen zu dürfen“, sagt die elfjährige Stephanie, „es ist nicht schön, den ganzen Tag zwischen den Trümmern der kaputten Häusern bleiben zu müssen.“ Die Arbeit der Kinderzentren ist auf dem Weg dorthin zumindest ein Anfang.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik ist derzeit vor Ort und bloggt für uns, pressestelle@knh.info

Fotos: Jürgen Schübelin