Artikel vom 03. Februar 2010

„Lasst uns Bäume pflanzen“: Kinder aus Indien diskutieren. Ein Beitrag von Stefan Ernst

Chennai, 31. Oktober 2009: Ein „Mega-Event“ begeistert mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche aus fünf Bundesstaaten Indiens. Gemeinsam diskutieren sie über bestehende Umweltprobleme und ihre ökologischen Rechte.

Diesem Ereignis vorausgegangen, gründeten mehrere indische Kindernothilfe-Partner im Juni 2009 eine Arbeitsgruppe, in der sie mögliche Strategien und Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel thematisierten. Um das Engagement der Kinder in den Projektgebieten umfassend zu fördern, sollten möglichst viele Mädchen und Jungen die Möglichkeit erhalten, sich aktiv für die Schaffung einer intakten und gesunden Umwelt einzusetzen. Rasch war die Idee eines Kinderkongresses geboren, welcher allseits großen Zuspruch fand und vor Ort voller Enthusiasmus als Großereignis – beziehungsweise als „Mega-Event“ – betitelt wurde. 

Um alle Beteiligten näher über aktuelle Umweltprobleme zu informieren, organisierten die Partnerorganisationen Arogya Agam, CCRD, CeFHA, HOTHS, HUB, IRDWSI, Mariyalaya, RCPDS, SANDS, SASY, SPEECH, VISTHAR und WWTC im Vorfeld der Veranstaltung mehrtägige Workshops. In ihrem heimischen Umfeld lernten somit mehrere tausend Kinder ihre ökologischen Rechte kennen. Sie diskutierten über die Verschmutzung von Gewässern, Luft und Boden sowie über den Klimawandel. Ferner thematisierten sie die fortschreitende Abholzung von Wäldern und die zunehmende Belastung durch Lärm und Müll. Auf dieser Grundlage entwickelten die Kinder Anforderungskataloge für die Umsetzung ihrer ökologischen Rechte. Eigenständig wählten die Mädchen und Jungen Repräsentanten, die ihre Heimat während des Kinderkongresses in Chennai vertreten sollten.

Teils mehrere hundert Kilometer entfernt lebend, gestaltete sich bereits die Anreise für viele Mädchen und Jungen zu einem Abenteuer, das sie sehr genossen. Viele Kongressteilnehmer hatten ihre Herkunftsorte zum ersten Mal verlassen, so dass die Zugfahrt für sie ein bislang einmaliges Erlebnis war. Mit großer Neugier erkundeten die Kinder die Sehenswürdigkeiten Chennais, wobei ihnen die ökologischen Probleme der Millionenmetropole nicht verborgen blieben.

Der Tag des Mega-Events war gekommen. Mit großem Interesse mehr über die Umweltprobleme in anderen Teilen des Landes zu erfahren, betraten die Mädchen und Jungen nach und nach den Konferenzsaal. Selbstbewusst stiegen 13 Mädchen und Jungen die Bühne hinauf. In eindrucksvollen und lehrreichen Reden informierten sie die übrigen Kinder über die aktuellen Umweltprobleme in ihrer jeweiligen Heimat. Dabei vermochten die Mädchen und Jungen von den differierenden Erfahrungen der einzelnen Kongressteilnehmer zu profitieren. So trafen Kinder aus besonders ländlich geprägten Regionen auf Mädchen und Jungen aus dicht besiedelten Elendsvierteln der Millionenstadt Chennai. Kinder aus den regenärmsten Landesteilen Südindiens berichteten von der anhaltenden Dürre in ihrer Heimat und lernten ihrerseits die Gefahren von anhaltenden Monsunniederschlägen kennen.

Zu einem farbenfrohen und abwechslungsreichen Erlebnis wurde der Kongress, als Kindergruppen aus allen Projektgebieten in Form von Tänzen, Theaterstücken und Liedern die bestehenden Umweltprobleme anschaulich thematisierten und alle Beteiligten sichtlich beeindruckten. Ebenso hatten sie die Möglichkeit, eine Ausstellung zu besuchen, in der zahlreiche Bastelarbeiten, Fotos und Zeichnungen der Mädchen und Jungen die Auswirkungen des Klimawandel und der anhaltenden Umweltzerstörung sichtbar machten.

Um gemeinsam ihre ökologischen Rechte einzufordern, bildeten alle Mädchen und Jungen eine 700 Meter lange Menschenkette entlang einer der bedeutendsten Straßen Chennais. Zahlreiche Medienvertreter waren angereist, um von diesem Ereignis zu berichten. Ohne zu zögern traten Kinder vor die Fernsehkameras und entwickelten sich regelrecht zu Medienprofis. Selbstbewusst und sprachgewandt wiesen sie auf die zuvor diskutierten Umweltprobleme hin und forderten die Zuschauer auf, sich aktiv für eine intakte Umwelt einzusetzen und somit die Grundlage für ein gesundes Leben zu schaffen sowie künftigen Generationen positive Zukunftsperspektiven zu ermöglichen.

Eine abschließende Diskussionsrunde am Folgetage verdeutlichte, dass die Mädchen und Jungen ihren Einsatz nicht bei diesem eintägigen Event belassen wollten. „Umweltschutz erfordert ein dauerhaftes Engagement von uns allen. Wir können Bäume pflanzen, Plastiktüten durch Stofftaschen ersetzen sowie den Müll in unseren Dörfern einsammeln und entsorgen lassen“, erklärten die Mädchen und Jungen mit einem Blick in die Zukunft. „Lasst uns Plakate entwerfen, auf denen wir Kinder und Erwachsene auf umweltschädliches Handeln aufmerksam machen und positive Alternativen darstellen“, ergänzte ein Junge.

Mit dem Wunsch, den Kontakt zu ihren neu gewonnen Freunden aufrecht zu erhalten und weiterhin von den Erfahrungen der einzelnen Kongressteilnehmer zu profitieren, versprachen Kinder einander, schnellstmöglich in ihren Herkunftsorten aktiv zu werden. Trotz teilweise langer und beschwerlicher Heimfahrten kehrten die Kinder voller Elan und Tatendrang nach Hause zurück, wo sie ihren Freunden und Familien begeistert von dieser unvergesslichen Reise berichteten.

Schon bald gelang es vielen Kongressteilnehmern, die lokale Gemeinschaft für sich zu gewinnen und erste Initiativen zum Umweltschutz zu ergreifen. So pflanzten Kinder im südindischen Nagalapuram mehr als 1.000 Bäume an, deren vitaminreiche Früchte künftig die Ernährung aller Dorfbewohner verbessern sollen. Mit Unterstützung des Kindernothilfe-Partners SANDS, führten Landwirte nahe der Ortschaft Suviseshapuram die Verwendung umweltfreundlicher Düngemittel ein. Einzelne Kongressteilnehmer hatten zuvor in Dorfversammlungen vor den negativen Auswirkungen chemischer Stoffe gewarnt. Um ihre Mitschüler und Erwachsene über die optimale Nutzung vitaminreicher Obst- und Gemüsesorten sowie medizinischer Heilpflanzen zu informieren, haben Mädchen und Jungen im südindischen Tiruchuli so genannte Pflanzenbücher erstellt. Hierin eingeklebte Blätter zeigen zahlreiche heimische Pflanzenarten; beistehende Beschreibungen ermöglichen den Dorfbewohnern mehr über die Nutzbarkeit der lokalen Flora zu erfahren.

Wie die Erfahrungen der vergangenen Wochen zeigten, ist der Tatendrang der Kongressteilnehmer weiterhin ungebremst. Aktiv setzen sie sich dafür ein, die bestehenden Umweltprobleme in ihrer Heimat zu reduzieren und ihr Recht auf ein Leben in einer gesunden Umwelt umzusetzen.

Stefan Ernst, Kindernothilfe,
pressestelle@knh.info