Artikel vom 31. Januar 2010

Haiti: Ohne „Netzwerken“ geht nach dem Erdbeben nichts. Ein Beitrag von Jürgen Schübelin

Eine der wichtigsten und positivsten Erfahrungen dieser intensiven Zeit in Haiti besteht für mich in der Qualität und bedingungslosen Selbstverständlichkeit, mit der sich Menschen aus den unterschiedlichsten Organisationen, die sich zuvor nie gesehen hatten, gegenseitig bei ihrer Arbeit mit den Erdbebenüberlebenden unterstützen.

Der Teil der Kindernothilfe-Mitarbeiter, der nicht wie Alinx Jean-Baptiste, Vladimir Constant, Franklin und Pepito die Jahrhundert-Katastrophe vor Ort hatten miterleben müssen, sondern unmittelbar in den Tagen danach ins Land gekommen waren, also Ruben Wedel, Christian Jung, Detlef Hiller und ich – bilden Teil des „deutschen Teams“ auf dem Compound der christlichen „Quisqueya“-Schule in Delmas 75, einem Sektor von Port-au-Prince, der sich bereits etwas den Berghang hinauf zieht – und wo vor allem auch ganz große und eigentlich solide gebaute Gebäude zusammengestürzt und Tausende von Menschen unter sich begraben haben.

Die „Quisqueya“-Schule ist hingegen weitestgehend unbeschädigt. Die Schulleitung hat bereits ganz kurz nach der Katastrophe entschieden, ihr gesamtes Areal den verschiedenen internationalen Helfer-Teams, die nach und nach in Port-au-Prince eintreffen, als Quartier anzubieten. Die Ärztinnen und Ärzte von humedica, die Kollegin von „Apotheker ohne Grenzen“ und wir dürfen ein Klassenzimmer benutzen, in dem vor der Katastrophe Mädchen und Jungen aus einer Grundschulklasse unterrichtet wurden. Ihre Zeichnungen hängen an der Wand, ihre Name finden wir an verschiedenen Stellen im Raum.

Ich muss in diesen Tagen immer wieder an die Kinder denken, die genau hier zur Schule gingen, wo wir jetzt unsere Iso-Matten und Schlafsäcke ausrollen, unser Materiallager einrichten und die beiden Koordinatoren Simone Winneg und Dieter Schmid von humedica ihre Kommunikationszentrale installiert haben. Geht es den Kindern und ihren Familien gut? Haben alle das Erdbeben überlebt? Hier auf dem Compound, berichten uns die freundlichen Gastgeber aus dem „Quisqueya“-Team, ist ein Kind getötet worden, und unter den Familien der Schulkinder gibt es mehrere Opfer.

Im Klassenzimmer neben uns sind die World Vision-Kolleginnen und -Kollegen aus der Dominikanischen Republik untergebracht, noch ein Zimmer weiter Ärztinnen und Ärzte aus Südkorea. Es gibt mehrere Gruppen aus den USA, Kanada und aus einer Reihe von anderen europäischen Ländern. Auf den Holzbänken unter Bäumen, dort, wo vor der Katastrophe die „Quisqueya“-Schulkinder zu Mittag gegessen haben, werden auch wir versorgt.

Einmal am Tag besteht die Möglichkeit, eine warme Mahlzeit zu bekommen, hier können wir unsere Wasserflaschen auffüllen und (was ich am meisten geniesse), es gibt richtigen Kaffee.

Da das kleine Büro von Kindernothilfe-Haiti, das ganz in der Nähe liegt, bei dem Erdbeben vom 12. Januar ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen wurde – und ohne gründliche bautechnische Untersuchung und erhebliche Reparaturarbeiten nicht benutzt werden kann, finden unsere abendlichen Kindernothilfe-Teambesprechungen, die Planungen der Aktionen für den nächsten Tag, der gegenseitige Austausch über die Neuigkeiten von den verschiedenen KNH-Partnern ebenfalls unter den „Quisqueya“-Bäumen, statt.

Weil nicht in allen Hilfsgüter-Konvois immer komplett all die Dinge mitgekommen sind, die man exakt zum jetzigen Zeitpunkt braucht, hilft man sich gegenseitig: Julia Micklinghoff, die Pharmazeutin von „Apotheker ohne Grenzen“, stellt uns aus dem gemeinsamen humedica-KNH-Kontingent die täglichen Medikamentensendungen zusammen, die das Heilsarmee-Ärzteteam in dem Kindernothilfe-Partnerprojekt „College Verena“, unten in Delmas Deux, erbeten hat: Große Mengen an Antibiotica, um Wunden von verletzten Kindern zu versorgen, Schmerzmittel, vor allem aber auch Medikamente, um Durchfall und Fieber bei Kindern zu bekämpfen. Die Kollegen von World Vision aus dem Dominikanischen Republik schenken uns vor ihrer Abreise alle ihre verbliebenen Nahrungsmittelreserven, um den von uns fast täglich besuchten „Petites Soeurs de Sainte Thérèse de l’Enfant Jésu“, deren Schule im Stadtteil Riviere Froide in Carrefour mit über 200 Kindern in den Klassenräumen (von denen, wie berichtet, 150 den Tod fanden) zusammenstürzte, zu helfen.

Unsere Kollegin Gertie von terre des hommes-Lausanne unterstützt uns zur Aufstockung unserer eigenen Hilfsgüterbestandes mit eine großen Menge schweizer Milchpulver für die KNH-Kinderzentren, über Kontakte mit der deutschen Botschaft gelingt es, fünfmal hintereinander Trinkwassertransporte nach Riviere Froide zu den Kleinen Schwestern zu organisieren und auch die GTZ kooperiert mit zusätzlichen Nahrungsmitteln, die wir für die Hilfe zugunsten der „Petites Soeurs“ und der von ihnen mitgetragenen KNH-Partnerorganisation EPPMPH dringend gebrauchen können. Eine wichtige professionelle Unterstützung kommt aber auch von den Kollegen vom Technischen Hilfswerk (THW), die uns einen Statiker- und Gebäudeschäden-Experten für die Untersuchung der Heilsarmee-Schule in „Fort National“, für das schwer beschädigte Tagungs- und Verwaltungsgebäude unseres Partners GADRU und für unser eigenes Büro in Delmas 75 zur Verfügung stellen.

Wir revanchieren uns mit einem Teil unserer Dieselreserven, die wir in der Dominikanischen Republik beschafft haben, mit Desinfektionsmitteln für die Ärzteteams – und mit Beständen der Mineralwasserflaschen-Paletten aus Supermärkten in Santo Domingo, die wir dem gemeinsamen Hilfsgüterkonvoi von humedica, Kindernothilfe und anderen Organisationen hatten beipacken können.

Aber es geht bei dieser gegenseitigen Unterstützung nicht nur um Hilfsgüter und Materialen, die wir miteinander teilen: Chancy Grandell und Steve Griffith sind zwei Ärzte aus den USA, die wir auf dem Compound kennenlernen.

Sie erklären sich spontan bereit, noch einmal jene 38 Kinder aus der zusammengestürzten Schule von Riviere Froide in Carrefour zu besuchen, die von den Schwestern lebend aus den Trümmern hatten befreit werden können und die nach einer ärztlichen Erstversorgung jetzt zu Hause bei ihren Familien versorgt werden. Chancy und eine Krankenschwester fahren mit dem KNH-Haiti-Koordinator Alinx Jean-Baptiste nach Carrefour, versorgen Wunden und kümmern sich rührend um die schwer traumatisierten Kinder, während Steve Griffeth aus Georgia zusammen mit dem Lehrer aus der kleinen Schule von Coupeau, hoch oben in den Bergen, zu der wir vor zwei Tage zu Fuß gewandert sind, mit seiner Motocross-Maschine aufbricht. Sein Ziel: All die verletzten Kinder und Erwachsenen mit offenen Wunden und Knochenbrüchen zu behandeln, denen wir zuvor auf unserem Fußmarsch begegnet sind – und deren Verletzungen wir registriert und fotografiert hatten.

Alinx, der ein wenig skeptisch war, ob es wirklich gelingen würde, Ärzte zu finden, die bereit wären, in diese abgelegene Berglandschaft südlich von Carrefour aufzusteigen, ist sichtlich beeindruckt über das unkomplizierte Engagement unserer neuen Freunde.

Das ist eine der wichtigsten Lektionen in diesen Tagen in Haiti: Ohne sich gegenseitig zu unterstützen – und die verschiedenen, gewaltigen Aufgaben miteinander zu koordinieren, geht gar nichts. Und genau das ist es auch, was die Erdbebenüberlebenden mit Recht von uns erwarten dürfen. Für one-man-shows oder institutionelle Gruppen-Egoismen ist Haiti nach der Katastrophe vom 12. Januar der denkbar falscheste Ort… 

Jürgen Schübelin,
Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

juergen.schuebelin@knh.de 

 

Fotos: Jens Großmann