Artikel vom 28. Januar 2010

„Mach die Katze“ – Kinder in Haiti können wieder spielen

Kindernothilfe-Mitarbeiter Jürgen Schübelin ist heute aus Haiti zurückgekehrt. Und sofort hat er uns einen aktuellen Bericht gemailt:

Seit Tagen diskutieren Alinx Jean-Baptiste, der Koordinator von KNH-Haiti, Ruben Wedel, Vladimir Constant (der Psychologe in unserem Team) und ich mit wachsender Sorge über die Frage, was aus den Tausenden von Restavèk-Kindern in den Bidonsvilles von Port-au-Prince wird, die sich nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar in einer noch prekäreren Lage als vorher befinden. Diese Kinder – meistens Mädchen – hatten vor dem Desaster vor allem für Familien gearbeitet, die selbst zur Gruppe der Extrem-Armen in diesem Land gehören, und zwar täglich von vor Sonnenaufgang bis in die späte Nacht hinein – gegen ein bisschen Essen und die Möglichkeit, in der Hütte der „Gastfamilien“ auf dem Fußboden in einer Ecke schlafen zu dürfen.

Das Erdbeben hat in ganz vielen Fällen das System zerstört, auf dem ihr eigenes Überleben gründet, weil die Familien, mit denen sie bisher lebten, selbst alles verloren haben und in ihren Notunterkünften am Straßenrand keine zusätzlichen Münder brauchen, um das bisschen Wasser und Essen, das zur Verfügung steht, zu teilen. Uns ist seit Tagen klar, dass diese besondere Gruppe, die seit Jahren in der Haiti-Projektarbeit der Kindernothilfe eine so wichtige Rolle spielt, extrem gefährdet ist.

In dem von uns aufgebauten Kinderzentrum auf dem Compound der Heilsarmee in Delmas Deux sind zwar einige Mädchen dabei, die vor der Katastrophe als Restavèk gearbeitet haben, aber angesichts der gewaltigen Menschenmasse in der Zeltstadt rund um das Gelände der Armée du Salut und den entsprechenden Versorgungsproblemen ist es einfach nicht möglich, systematisch nach all den anderen Kindern zu suchen, die zuvor an dem kleinen Restavèk-Programm im College Verena der Heilsarmee teilgenommen haben.

Wir machen uns also auf den Weg nach Wharf Jérémie, ein – zumindest zu einem wesentlichen Teil – auf einer Müllhalde entstandenes Bidonville am Hafen, dort, von wo aus jeden Tag die Schiffe, vollbeladen mit aus Port-au-Prince fliehenden Menschen, nach Jérémie, an der äußersten Südwest-Spitze von Haiti, in See stechen. Im Hafenbereich herrscht ein unglaubliches Gedränge, schon von Weitem wird klar, dass die Schiffe, die allesamt wie schrottreife Seelenverkäufer aussehen, völlig überladen zu ihrer achtstündigen Fahrt entlang der Küste ablegen werden. Diejenigen, für die es keine Chance gibt, aus Port-au-Prince heraus zu kommen, sind die Bewohner von Wharf Jérémie. Auch in diesem Bidonville sind die Häuser und Hütten Wand an Wand errichtet. Überall, wo mit Stein gebaut wurde, hat das Erdbeben große Schäden verursacht, die elenden Hütten aus rostigem Wellblech und anderen Abfallmaterialien sind hingegen stehen geblieben.

Wharf Jérémie ist ein Ort mit besonders vielen Restavék-Kindern. Mit ihnen arbeitete der Kindernothilfe-Partner MOCOSAD in seiner kleinen Schule bereits lange vor der Katastrophe. Nach dem Erdbeben hat Vladimir Constant, der KNH-Psychologe, zusammen mit Pastor Luckner Guervil von MOCOSAD alle Familien besucht, in denen zuvor Restavèk-Kinder lebten, um möglichst viele Informationen über den Verbleib der Kinder einzuholen. Einige von Ihnen sind inzwischen allein in Wharf Jérémie, weil ihre „Arbeitgeber“ geflohen sind, von anderen fehlt jede Spur, aber ein großer Teil der MOCOSAD-Kinder befindet sich immer noch hier an diesem apokalyptischen Ort zwischen Kloaken und Müllhalden, in den sich vor uns kaum eine Hilfsorganisation hineingetraut hat. Vladimir hat bereits kurz nach dem Erdbeben begonnen, mit einigen der Kinder, die auf ihn einen besonders verstörten, traumatisierten Eindruck machten, zu arbeiten und versucht gerade, als wir uns treffen, einem Mädchen, das seit Tagen nicht mehr aufhört, völlig zusammenhanglos zu sprechen, zu helfen.

Wir wollen unbedingt inmitten dieses Bidonville ein weiteres Kinderzentrum in Gang bringen, aber die Frage laut: Wo? Die Zeit drängt – und deshalb bitten wir Pastor Luckner und sein Team um einen großen Gefallen: Sich dazu durchzuringen, den mit erheblichen finanziellen Mühen von seiner kleinen Kirche aufgebauten Unterrichtsraum – unmittelbar neben dem Gotteshaus, der bei dem Erdbeben schwer beschädigt wurde, niederzureißen, die Fläche vom Schutt zu säubern und an dieser Stelle – indem die Kirche gleich mitbenutzt wird – unter einer großen Zeltplane mit den Kindern arbeiten zu können.

Pastor Luckner ist einverstanden – und ich verpflichte mich per Handschlag, dass die Kindernothilfe ihm dann in einigen Wochen, wenn es in Haiti hoffentlich endlich keine Nachbeben mehr geben wird, helfen wird, das Klassenzimmer komplett wieder aufzubauen und auch die beschädigte Kirchenmauer zu ersetzen. Morgen geht es los, Luckner und MOCOSAD werden mit dem Abriss der Ruine beginnen. Die Kinder hören aufmerksam bei unseren Beratungen zu.

Klar ist, dass wir den Bereich für die Arbeit mit den Kindern, der hier entstehen wird, mit Planen zur Straße hin sichern müssen, um geschützt die Lebensmittel und die Milch für die Kinder, die wir für die Kinderzentren beschafft haben, verteilen zu können – aber vor allem auch, weil die Kinder einen Raum brauchen, in dem sie sich geschützt und unter sich fühlen können.

Die Haltung des kleinen, schmächtigen Pastors und seiner Leute berührt uns zutieftst, er stellt keine Forderungen, sondern will einfach, dass möglich schnell wieder mit den Kindern gearbeitet werden kann und vertraut darauf, dass wir unser Wort halten. Vladimir Constant, der Luckner seit Jahren kennt, ist unser Gewährsmann. Er verbürgt sich für uns.

Indes hat Ingrid Müller, Journalistin beim „Berliner Tagesspiegel“, die uns seit Tagen immer wieder bei unserer Arbeit begleitet, auf ihrer Weise bereits mit dem begonnen, was hier möglichst schnell starten soll: Eine intensive Beschäftigung mit den Kindern, die so dringend Schutz, Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchen. Ingrid Müller hat das Katzenspiel erfunden, faucht und bewegt die Krallen, verwandelt sich in eine Katze, die miaut, einen Buckel macht und mit den Augen rollt. Die Kinder sind hellauf begeistert. Auf unserer Tour durch Wharf Jérémie begleitet uns ein ganzer Tross von Mädchen und Jungen, die mit Ingrid Müller Katze spielen. Immer wieder rufen sie: „Katze, Katze, mach die Katze…“ Alinx Jean-Baptiste, der KNH-Koordinator in Haiti, ist voller Begeisterung für die begnadete Entertainerin aus Berlin: „Wenn Du möchtest, kannst Du sofort bei uns anfangen!“ Als wir von Wharf Jérémie zurück nach Delmas Deux aufbrechen, rufen uns die Kinder nach: „Katze, mach die Katze!“

 Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Spenden für Haiti: Zwei Siebstklässlerinnen mischen ihre Schule auf!

Kindernothilfe-Mitarbeiterin Dr. Inga Hruby kam gerade vom Grafschafter Gymnasium in Moers zurück – mit einem dicken Scheck!

„Gerade habe ich im Grafschafter Gymnasium Moers einen Scheck über 3.810,38 Euro abgeholt – für Haiti. Zwei Schülerinnen der 7. Klaase haben die Sammlung bei Schülern, Lehrern und Eltern initiiert; sie wurdem vom Schülersprecher und dem Schülerrat unterstützt.

Sie sind durch alle Klassen gegangen, um für die Sammlung zu motivieren, und hatten vorbereitete Briefumschläge bei sich, die die Schülerinnen und Schüler mit nach Hause genommen haben und dann gefüllt zurückbrachten.

Ist das nicht toll?“

Dr. Inga Hruby, Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit