Artikel vom 24. Januar 2010

Jürgen Schübelin berichtet aus Haiti: „Da, wo keine Hilfe ankommt“

 


Nach Tagen zwischen den Schutthalden und Ruinen hier in der Innenstadt und den Außenbezirken von Port-au-Prince – und, nachdem wir gestern endlich zum ersten Mal den Aufstieg in das Bidonville (Armenviertel) Fort National geschafft hatten, einen Sektor, in dem vermutlich 19.000 Menschen ums Leben gekommen sind, wo Kindernothilfe seit fast 30 Jahren in Partnerschaft mit der Heilsarmee eine kleine Schule und ein Vorschulprojekt unterstützt, das inmitten all der Zerstörungen wie ein Fels in der Brandung – weitgehend unbeschadet – stehen geblieben ist, aber trotzdem vorerst nicht genutzt werden kann, weil die Menschen panische Angst davor haben, geschlossene Räume und Gebäude zu betreten – lautete mein Auftrag heute, Samstag, in eines der Dörfer vorzudringen, in denen Kindernothilfe mit Unterstützung der Europäischen Union eine Reihe von Dorfschulprojekten unterstützt.

Wir fahren von Carrefour aus über extrem beschwerliche, vielfach durch abrutschendes Geröll und Felsbrocken, die nach dem Erdbeben die Steilhänge herunterkamen, beeinträchtigte Wege – alle in einem katastrophalen Zustand.

Rund 20 km südlich von Carrefour geht es dann definitiv nur noch zu Fuß weiter. Unser Ziel, ein kleines Dorf namens Coupeau, erreichen wir nach drei Stunden Fußmarsch unter sengender Hitze, mehreren durchquerten Flüssen und extrem steilen Aufstiegen. Überall eröffnet sich uns das gleiche Bild:

Fast alle Häuser der Kleinbauernfamilien weisen Beschädigungen auf, sind teilweise oder ganz eingestürzt – außer denjenigen Gebäuden, die aus Holz errichtet wurden.

Auch hier in den Bergen zwischen Petite-Riviére und Coupeau wurden bei der Katastrophe am 12. Januar Menschen verletzt und unzählige Häuser vernichtet, trotzdem ist die Situation der Familien und vor allem der Kinder – so unser Eindruck – besser als in der Stadt: Die Wasserprobleme lösst der Fluß, von dort aus tragen die Menschen jeden Tropfen, den sie brauchen, auf den Köpfen nach Hause. Die kargen und steilen Berghänge liefern den Mais für die Familien, die Oberstbäume sind stehen geblieben, mit Organgen, Grapefruits und Kokusnüssen, es gibt einige Hühner und Schweine, sowie einige Ziegen.

Die Menschen wissen sich zu helfen, wie in Port-au-Prince schlafen sie im Freien.

Wir sind das erste Team, das nach der Katastrophe in dieses Gebiet vordringt. Die Menschen führen uns zu den Ruinen ihrer Häuser, zeigen uns Kinder und Erwachsene mit Verletzungen, offene Wunden, die sich zu infizieren beginnen – alle unversorgt.

Wir müssen unbedingt versuchen, über die Kontakte mit den Ärzten in dem Compound, wo wir übernachten, eine Möglichkeit zu finden, dass die Dörfer hoch oben in den Bergen medizinisch ebenfalls betreut werden können.

Dann stehen wir endlich vor der kleinen Schule von Coupeaux, viele Kinder, aber auch zahlreiche Erwachsene – und die örtliche Delegierte der KNH-Partnerorganisation EPPMPH – erwarten uns bereits. Das Dach des Gebäudes ist intakt, von den Mauern stehen dagegen nur noch Reste, die beiden Klassenräume mit den Schulbänken und der Tafel sind unter dem Schutt begraben. Anders als in Carrefour bei den Kleinen Schwestern, wo 150 Kinder ums Leben kamen, haben die Familien hier unglaubliches Glück gehabt, um

16:15 Uhr war an diesem 12. Januar die Schule zu Ende, die Kinder hatten das Gebäude bereits verlassen, spielten auf dem Platz vor dem Gebäude, als die Erde bebte. Nur der Lehrer war noch im Klassenzimmer, konnte sich aber in letzter Minute retten.

Die erste Frage, die uns gestellt wird, lautet: „Helft Ihr uns, damit wir die Schule wieder aufbauen können?“ Aber die Eltern wollen diesmal mit Holz bauen, nicht wieder mit Steinen, weil sie gesehen haben, dass Gebäude aus Holz einfach als erbebensicherer herausstellten. Ja, wir werden helfen können – genau wie beim letzten Mal, als die Schule errichtet wurde, über die Organisation eines „combit“, einer Gemeinschaftsaktion aller Eltern, die die Baumaterialien von Carrefour aus über die Berge nach Coupeau tragen und verarbeiten werden. Kindernothilfe finanziert die Baumaterialien und die Lebensmittel für das traditionelle Gemeinschaftsessen am Ende des Arbeitstages.

Der junge Lehrer hat eine Liste zusammengestellt, mit den 32 Familien aus Coupeaux, deren Häuser am stärksten von den Zerstörungen betroffen sind.

Alinx Jean-Baptiste, der Kindernothilfe-Länderkoordinator in Haiti, und ich überlegen, wie wir den Menschen helfen können – am besten ebenfalls über eine Gemeinschaftsaktion, bei der die benötigten Materialen in einem Rutsch beschafft werden, sobald es wieder Holz und Baustoffe zu kaufen gibt. Die Familien wollen die Gelegenheit auch nutzen, um die Zisterne zum Auffangen des Regenwassers zu Ende zu bauen, mit der sie vor der Katastrophe angefangen haben.

Am Ende sind wir auf dem Platz vor der zerstörten Schule rund 80 Leute, die Kinder, Mütter und Väter – sowie die Mitglieder des örtlichen EPPMPH-Komités. Was wie ein Besuch zur Erhebung der Erdbebenschäden begann, endet mit einem intensiven Gespräch darüber, wie die Arbeit mit den Kindern wieder in Gang gebracht werden soll. Zum Abschied werden wir mit einer herrlich saftigen Grapefruit und einer Kokusnuss zum Trinken beschenkt.

Während des gesamten Rückwegs denke ich darüber nach, dass es nur dann möglich sein wird, dieses Land wieder aufzubauen, wenn die Menschen in Haiti bei diesem Prozess eine entscheidende Rolle spielen – und von der internationalen Gemeinschaft, all den Helfern und ihren Organisation mit dem Respekt bedacht werden, den sie verdienen. Es werden die Kleinbauern von Coupeau und hundertausend Andere Haitianer sein, die die Hauptlast für diese Titanenaufgabe tragen. Das muss uns bei allem, was wir hier tun, zu jeder Sekunde bewusst sein.

Jürgen Schübelin,
Leiter Referat Lateinamerika und Karibik