Artikel vom 18. Januar 2010

130 Kinder aus Schule eines Kindernothilfe-Partners tot geborgen

Um 12 Uhr telefonierte Kindernothilfe-Mitarbeiter Erhard Stückrath, Julia Burmann und Michaela Dacken mit Ruben Wedel. Wedel, Alinx Jean-Baptiste und das humedica-Team hatten sich gestern zu den Projekten in den Bergen rund um Carrefour auf den Weg gemacht. Hier ein  Überblick über die aktuelle Situation dort.

 
Kindernothilfe-Partner EPPMPH (Kleine Schwestern):
Das Gelände rund um das Projektgebäude in Carrefour ist zerstört, die Schwestern sind stark traumatisiert.

Das Kindernothilfe- und humedica-Team hatte sich gestern bis nach Carrefour durchgekämpft. Ein nicht von der Kindernothilfe gefördertes Projekt und das Wohnhaus der „Kleinen Schwestern“, einem der Kindernothilfe-Partner, sind eingestürzt. 130 Schüler und einige Schwestern konnten nur noch tot geborgen werden. Die Überlebenden sind so stark traumatisiert, dass sie bisher noch keine Nothilfe für die anderen Projekte organisieren konnten. 

Gestern war die ISAR Hundestaffel vor Ort, aber die Hunde haben nicht mehr angeschlagen.
Die 6 Bildungszentren der Kindernothilfe in den Bergen sind auch alle eingestürzt. Kinder wurden aber nicht verletzt. Sie sind bei ihren Familien.

Kindernothilfe-Partner FMS
Das Verwaltungsgebäude neben der Kathedrale wurde komplett zerstört. Leichen wurden hier noch nicht geborgen. Bisher konnte noch kein Kontakt zur Leitung von FMS hergestellt werden.
Die von der Kindernothilfe unterstützte Schule und Klinik in Carrefour sind zerstört. Es gibt immer noch kein Lebenszeichen von den Mitarbeitern.

Die Dominikanische Republik: Ein Situationsbericht von Jürgen Schübelin

Als der Wecker heute Morgen klingelt, bin ich seit langer Zeit froh, endlich aufstehen und einen neuen Tag beginnen zu können. Die Bilder aus Haiti haben mich die ganze Nacht verfolgt. Ein Gespräch mit einem unserer Mitarbeiter vor Ort gestern brachte mir die dramatische Situation in port Au Prince direkt hierher ins Haus. Ich konnte fast die verzweifelten Menschen rufen hören, den süßlichen Verwesungsgeruch über der Stadt riechen, habe mir vorgestellt, wie es sein muss, nachts mit all den Betroffenen im Freien zu übernachten, immer die Angst vor Nachbeben vor Augen. Das, was die Helfer dort nun mitmachen, können wir uns wohl nicht wirklich vorstellen.

Gestern fragte ich mich in einer ruhigen Minute, wie es wohl um die Situation in der Dominikanischen Republik bestellt ist. Immerhin: Die Grenze zu Haiti ist eines der beiden Nadelöhre, durch die man ins Land kommt. Unser Referatsleiter für Lateinamerika und die Karibik war gerade auf einer Auslandsreise nach Chile, als ihn die Nachricht erreichte. Er buchte ein Ticket mit dem Ziel DomRep und wartet heute auf die Ankunft des Hilfstransports von Air Berlin und „Ein Herz für Kinder“, die heute Abend die DomRep erreichen soll. Danach geht es auf dem Landweg weiter nach Port au Prince.

Das schreibt er auf meine Frage, welche Auswirkungen die Katastrophe auf die DomRep hat:

„Hier im Land sind die Auswirkungen der Jahrhundert-Katastrophe überall zu spüren. In den Supermärkten sind die Preise stark angestiegen, bestimmte Produkte sind nur noch mit Mühe – oder sehr viel höheren Kosten zu beschaffen.

Auch die Flughäfen der DomRep stoßen an ihre Grenzen: Gestern, bei meiner Landung in Santo Domingo, standen allein acht große russische Frachtmaschinen auf dem Rollfeld und warteten – zusammen mit vielen anderen Frachtflugzeugen darauf, entladen zu werden. Es ist schwierig geworden, Lastwagen und Transportkapazität zu erhalten – und wenn, dann nur zu horrenden Kosten. 

Trotzdem hat die Katastrophe auch dazu beigetragen, um die Einstellung vieler Menschen und auch Politiker hier in der DomRep, die den Haitianern traditionell mit offenem Rassismus und Ablehnung begegnen, zu verändern. Es gibt groß angelegte Solidaritätsaktionen, viele Menschen engagieren sich, spenden Geld und Lebensmittel. Alle Fahnen hängen auf Halbmast…

Das geht bis ins Details: Am Flughafen Santo Domingo wird normalerweise eine Touristensteuer von 10 US-Dollar erhoben. Allen Einreisenden, die sagen, dass sie nach Haiti weiterreisen, wird diese Steuer erlassen. Die Regierung der DomRep bemüht sich, die historische Rivalität zu Haiti zu überwinden. Der hiesige Präsident, Leonel Fernández, war einer der ersten ausländischen Politiker, der nach dem Erdbeben seinen Kollegen Preval in Port-au-Prince besuchte.

Es gibt auch Anrührendes und Nachdenklich-Machendes: Gestern habe ich einen US-amerikanischen Pastor aus Orlando kennengelernt, der nach den Morgennachrichten und Berichten über Hunger und Durst in Haiti mit zwei Jugendlichen aus seiner Gemeinde zum Flughafen Orlando fuhr. Dort kaufte er ein Standby-Ticket nach Sto. Domingo. Die Leute kamen hierher in das Zentrum von JuCUM, wo ich ebenfalls untergebracht bin, schmierten während der Nacht 500 Brote und kauften 30 Kanister mit Trinkwasser, um heute früh zur Grenze aufzubrechen, nach Haiti rüber zu fahren, Essen und Wasser zu verteilen, sofort wieder zurück zu reisen und morgen Sonntag, nach Orlando zurück zu fliegen…“

Jürgen Schübelin aus Santo Domingo,
Dominikanische Republik