Artikel vom 14. Januar 2010

Haiti, Indonesien, Birma:
Wenn die Erde wieder bebt

Nach  dem schweren Erdeben auf Haiti sind 5 der 6 Kindernothilfe-Projekte in Port-au-Prince zum Teil schwer beschädigt.  Das berichtet Alinx Jean Baptiste, Kindernothilfe-Koordinator in Haiti. Er und seine Familie haben überlebt, aber das Kindernothilfe-Büro ist teilweise zerstört. Danach sind unter anderem zwei gemeinsam geförderte Schulen sowie ein Kinderheim betroffen. Um rasch medizinische Notfallhilfe leisten zu können, haben humedica e.V. aus Kaufbeuren und die Kindernothilfe heute eine Kooperation vereinbart. Unser Koordinator Ruben Wedel ist bereits auf dem Weg nach Haiti, um die Nothilfe zu koordinieren.

Was die Arbeit vor Ort bedeutet, erzählt Christian Jung, ebenfalls Koordinator für Katastrophenhilfe bei der Kindernothilfe. Er war nach dem Beben in Indonesien Ende September vor Ort: In seinem Bericht erzählt er von einem nicht alltäglichen Einsatz.

Samstag, 3.10. 2009
„Nach über 30 Stunden Reise lande ich müde auf dem Flughafen Padang. Seit Jakarta begleitet mich die indonesische Kindernothilfe-Koordinatorin Ejodia Kakoensi. Es ist Regenzeit, und ich fange bei über 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit an zu schwitzen. Auf dem Rollfeld werden Hilfsgüter und Fahrzeuge aus einem großen russischen Antonov- Transportflugzeug entladen. Der Wartesaal ist voll mit Indonesiern. Ihre Gesichter sehen angespannt aus. Ich werde von Vidhya, einem Mitarbeiter unseres Partners AMURT, erwartet, und gemeinsam fahren wir 25 km weiter zum Zentrum der Stadt Padang. Da das Stromnetz durch die Beben beschädigt wurde, ist die Stadt unbeleuchtet,  und nur der Schein von Kerzen, Autoscheinwerfern und das Blaulicht von Einsatzfahrzeugen erhellt die Nacht. Entlang der Straße erkenne ich die Schemen eingestürzter Gebäude. Einige von ihnen sind mit Scheinwerfern hell ausgeleuchtet. Wir sehen Rettungskräfte mit ihren Suchhunden.

Unser erstes Ziel ist das improvisierte Krisenzentrum im Gouverneurs- Büro. Dort koordinieren Vertreter verschiedener Regierungsämter, Polizei  und Militär, mit Unterstützung und Beratung der UN die Hilfsmaßnahmen. Es werden alle Hilfskräfte und- Organisationen registriert, und wir besprechen alle Hilfsmaßnahmen. Auch werden hier alle Informationen gesammelt. Kartenmaterial und Internet stehen für die Medienvertreter und Hilfskräfte zur Verfügung.

Ich registriere mich für die Kindernothilfe, sammele erste Informationen und tausche mich mit Hilfskräften anderer Organisationen aus. Für Vidhya ist das alles neu, und ich erklärte ihm das Wichtigste. Viele Rettungsteams haben auf den umgebenden Grünflächen ihre Zelte aufgestellt. “

Sonntag, 4.10.2009
„Nur einmal werde ich in der Nacht von einem Nachbeben geweckt, und um 6 Uhr bin ich wieder auf den Beinen. Untergebracht bin ich im unbeschädigten Büro von AMURT. Weil die Wasserversorgung der Stadt zusammengebrochen ist, holen wir Wasser aus dem Brunnen im Garten. Zum Frühstück gibt es Reis mit Gemüse und frische Mango.

Später fahren wir durch die Stadt Padang. Ich sehe jetzt bei Tageslicht die zerstörten Gebäude. An vielen Stellen dauern die Bergungsarbeiten an und noch immer werden Menschen unter den Trümmern vermisst. Wir benötigten zwei Stunden für die 50 km entfernt gelegenen Dörfer bei Padang. Die wichtigsten Brücken haben das Erdbeben unbeschadet überstanden. Viele wurden von japanischen Fachleuten nach den schweren Beben 2007 erdbebensicher gebaut. Die Häuser entlang der Strecke sind zum überwiegenden Teil zerstört. Viele Menschen an der Hauptstraße, vor allem auch Kinder, betteln um Spenden, in dem dichten Verkehr lebensgefährlich.

Im Dorf  Pasadama übergeben wir Plastikplanen und Reis und treffen uns mit Ivel, mit der wir die weitere Hilfe und die Errichtung eines Kinderzentrums  besprechen. Ivel arbeitete selbst für ein indonesisches Hilfswerk und engagiert sich für ihr Dorf. Ihr dreijähriger Sohn Rasya klammert sich an die Mutter, seine Lippe hatte er sich bei der Flucht aus dem Haus verletzt. Ivel macht sich Sorgen um ihren Sohn, da er oft mit Alpträumen aufwacht und einnässt. Sie müsse sich dringend um Unerledigtes kümmern, will ihre Kinder aber nicht alleine lassen. Die lokalen Schulen und Kindergärten sind zerstört und viele Kinder langweilen sich oder liegen apathisch in den Notunterkünften.

Auch im Dorf Pauh sind über 90 Prozent der Häuser schwer beschädigt oder zerstört.  Der Dorfleiter Andes Parma führt uns herum. Bei den Ausmaßen der Zerstörung überrascht es mich, wie wenig Verletzte und Tote es gibt. Viele Menschen hielten sich glücklicherweise draußen auf oder konnten die Häuser schnell genug verlassen.
Aus den Trümmern wurden bereits Dinge geborgen und in Nachbarschaftshilfe Notunterkünfte gebaut. Der Dorfbrunnen ist ebenfalls zerstört. Das Wasser kommt nun direkt aus dem Fluss, wird mit selbst hergestellten Sandfiltern gereinigt und abgekocht. Die Menschen hier brauchen mehr Plastikplanen, Decken, Schlafmatten, Hygieneartikel und Reis.

Die Kinder des Dorfes begleiten uns und freuen sich über die Ablenkung. Die zehnjährige Ima, die achtjährige Murlia und Luki, sieben Jahre, zeigen mir ihr zerstörtes Haus. Murlias Kuscheltier, ein weißer Stoffhund mit abgerissenen Ohr, und einige Schulhefte konnten aus den Trümmern geborgen werden. Der Dorfleiter erzählt, dass die Kinder während des Bebens mit ihrer Großmutter am Fluss badeten. Als sich zahlreiche Sandlawinen von den Hängen lösten, konnten sich die Kinder retten. Die Großmutter wurde verschüttet und ist tot.

Obwohl die Menschen fast alles verloren haben, laden sie uns immer wieder auf einen Tee ein. Wir lehnen mehrmals danken ab und lassen uns dann doch auf eine frische Kokosmilch einladen. Berührt von der Gastfreundschaft und den vielen Eindrücken machen wir uns auf dem Heimweg.

Rechtzeitig für die abendlichen Lageberichte sind wir zurück in Padang. Ab dem nächsten Tag sollen sich Fachgruppen zu Themen wie Gesundheit, Ernährung, Bildung und Kinderschutz treffen.

Montag, 12.10.2009
Gut eine Woche ist seit meiner Ankunft vergangen. Es gab viele Besprechungen mit unseren Partnern vor Ort, Koordinationstreffen und Besuche in verschiedenen Dörfern. Täglich habe ich Kontakt mit der Kindernothilfe und gebe aktuelle Lageberichte. Mittlerweile sind die Such- und Rettungsarbeiten eingestellt. Es gibt einen ersten Überblick über das Ausmaß des Bebens.

Ich begleite das  Team von AMURT ein letztes Mal in das Dorf Pasadama. Während der neue Standort des Kinderzentrums besprochen wird, höre ich der Lehrerin Marice zu, die einigen Kindern eine Geschichte aus ihrer Heimat in Borneo erzählt. Etwas weiter spielen eine Mitarbeiterin und zwei Mütter mit den Kindern. Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass die Kinder lachen und spielen. Auch der dreijährige Rasya tobt wieder herum. Seine Wunde an der Lippe ist wieder heil und  seine Mutter erzählt, dass seine Alpträume weniger werden.

Dienstag, 13.10.2009
Auf dem Rückflug nach Deutschland denke über die vergangenen Tage nach. Für unsere Partner geht die Arbeit weiter. Meine Kollegin Ejodia wird die Hilfsprojekte regelmäßig besuchen.
Es gibt viele Bilder, die ich nicht mehr vergesse, traurige wie frohe. Aber ich reise mit der Gewissheit ab, mit der Kindernothilfe, unseren Partnern und den Spendern dazu beigetragen zu haben, dass die Menschen positiver in die Zukunft sehen und manche Kinder schon wieder lachen.

Christian Jung, Koordinator