Artikel der Kategorie ‘Chile’

Massenproteste: „Chile ist aufgewacht!“

Ganz Chile war am Freitag unter dem Ruf „Chile despertó“ („Chile ist aufgewacht“) auf den Straßen. Immer mehr Menschen schließen sich den Demonstrationen an, auch die Gewerkschaften machen mit und rufen zu Streiks auf. Demokratisierung, Menschenrechte und ein umfassender Umbau des Wirtschafts- und Sozialsystems gehören zu den zentralen Forderungen. Gleichzeitig wird der Ruf nach einem Rücktritt des Präsidenten Sebastián Piñera immer lauter. Jürgen Schübelin berichtet von den dramatischen Entwicklungen des Wochenendes.

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Chile ringt um einen Neuanfang


Mit Panzerfahrzeugen und mehr als 10.000 Soldaten versucht Chiles
Präsident Sebastián Piñera den verhängten Ausnahmezustand durchzusetzen.

Einige wenige Tage reichten aus, um das über drei Jahrzehnte lang propagierte Image vom vermeintlich stabilen lateinamerikanischen Vorzeigeland zerbersten zu lassen: In Santiago und allen anderen größeren chilenischen Städten patrouilliert das Militär – das hatte es zuletzt 1987, zu Zeiten der Pinochet-Diktatur, gegeben. Doch die Wut der Menschen hat tiefe Wurzeln. Ein Hintergrundbericht von Jürgen Schübelin (Text und Bild, sofern nicht anders gekennzeichnet)

19 Menschen starben, über 2000 wurden verletzt und fast 2500 Personen seit dem Freitag, 18. Oktober, im Zusammenhang mit den heftigsten Protesten, die es in Chile in den zurückliegenden Jahrzehnten gegeben hat, verhaftet. Die Regierung des rechtsgerichteten Präsidenten und Multimilliardärs Sebastian Pinñera verhängte am Freitag über die Hauptstadt Santiago den Ausnahmezustand, der inzwischen auch auf zahlreiche andere Städte im Land ausgeweitet wurde. Erstmals seit dem Ende der Pinochet-Diktatur (1973 – 1990) wurde in Santiago der Einsatz des Militärs zu „Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung“ angeordnet, Schützenpanzer patrouillieren in der Innenstadt. Seit Samstagnacht gilt in Santiago und allen größeren Städten des Landes eine nächtliche Ausgangssperre.

© Cordillera in Villeneuve d’Ascq

Gewaltsame Proteste und friedliche Demonstrationen

Auslöser für die erbitterten Proteste war in der zurückliegenden Woche die zweite Preiserhöhung in diesem Jahr bei den Tarifen für das Santiagoer Metro- und Bussystem – sowie ein zehnprozentiger Aufschlag auf die Strompreise – gewesen. Was zunächst mit der spontanen Aktion von Schülern und Studenten begann, die die Drehkreuze in den Metrostationen einfach – ohne zu bezahlen – übersprangen, entwickelte sich im Verlauf des Freitags zu massiven und gewalttätigen Protesten mit der Verwüstung und Zerstörung  von über 40 Metrostationen, brennenden U-Bahnzügen und Bussen – sowie zahlreichen geplünderten Geschäften und Supermärkten. 

Den augenfälligen Kontrast zu diesen Ausschreitungen und dem nach Einschätzung mehrerer chilenischer Analysten gezielt orchestrierten Verwüstungen, die sich vor allem auf die ärmeren Stadtteile Santiagos – sowie einige Mittelschichtsviertel der Hauptstadt – konzentrierten, aber die Stadtbezirke der Reichen und Wohlhabenden kaum tangierten, bildeten seit dem Wochenende zahlreiche friedlich verlaufende Demonstrationen mit Zehntausenden von Teilnehmenden im ganzen Land.

Die friedlichen Demonstranten gingen trotz massiver Polizei- und Militärpräsenz auf die Straße, um gegen die extreme soziale Ungleichheit in Chile, die auch im Vergleich zu Europa sehr hohen Lebenshaltungskosten – bei niedrigen Löhnen – und die völlig unzureichenden Renten zu protestieren. Darüber hinaus ging es bei den Kundgebungen – wie bereits bei den vorausgegangenen Protestwellen von 2011 und 2015 – erneut um den katastrophalen Zustand des öffentlichen Bildungssystems und des unterversorgten Gesundheitswesens sowie um die auch im internationalen Kontext extrem hohen Studiengebühren der Universitäten – mit der Konsequenz der chronischen Überschuldung vor allem von Mittelschichtsfamilien.

Außerdem wenden sich die Menschen gegen das in Chile endemische Problem von Machtmissbrauch durch Wirtschaftsunternehmen und den Finanzsektor, und nicht zuletzt prangern sie lautstark Korruption und Vetternwirtschaft in der derzeitigen Regierung an – und zwar vor allem in der Polizei und den Streitkräften. Immer deutlicher kristallisierte sich in den vergangenen Tagen auch die Forderung heraus, 30 Jahre nach dem Ende des Pinochet-Regimes endlich eine verfassungsgebende Versammlung zu wählen und dem Land die Rückkehr zu Prinzipien von sozialer Gerechtigkeit, Chancengleichheit aller Bürger und eines funktionierenden Rechtsstaats zu ermöglichen.

Eine der vielen Demonstrationen für soziale Gerechtigkeit. Die Menschen protestieren friedlich – zumindest, solange sich Polizei und Militär zurückhalten. (© Dr. Ximena Galleguillos)

„Jahrelang aufgestaute Wut“

José Horacio Wood, der Direktor der Kindernothilfe-Partnerorganisation ANIDE, schrieb am Wochenende: „Was wir hier gerade erleben, ist der kollektive Ausbruch einer jahrelang aufgestauten Wut gegenüber dem ständigen Missbrauch und der perfiden Dauer-Manipulation, denen wir in diesem Land mit seinem extrem ungerechten Wirtschafts- und Sozialsystem ausgesetzt sind. Am 18. Oktober war die Geduld der Chileninnen und Chilenen gegenüber der Gewalt, die von diesem neoliberalen Modell seit den Zeiten der Pinochet-Diktatur ausgeht, einfach aufgebraucht!“

Größte Sorge bereitet indes den Menschenrechtsorganisationen im Land die exzessive Brutalität, mit der Polizeikräfte, aber auch Militärs gegen Protestierende vorgehen. Der größte Teil der in Krankenhäusern behandelten schweren Verletzungen geht auf den Schusswaffeneinsatz durch Polizei und Militär zurück. Das Nationale Chilenische Institut für Menschenrechte (INDH) informiert in seinen täglich aktualisierten Kommuniqués, dass sich unter den Verhafteten auch mehrere hundert Kinder befinden würden. Beim INDH angezeigt wurden seit dem Wochenende auch sich häufende Fälle, in denen Polizisten Schülerinnen und Schüler – sowie Studierende – nach den Verhaftungen auf Polizeiwachen zwangen, sich nackt auszuziehen. In verschiedenen sozialen Medien in Chile ist inzwischen von zahlreichen Fällen von Folter, brutalen Misshandlungen und sexuellem Missbrauch in Polizeiwachen und Militäreinrichtungen die Rede. In fünf Fällen zeigte das INDH beteiligte Militärs und Polizisten wegen mutmaßlichem Mord an Demonstranten an.

Das Bild entstand bei Schülerprotesten im Jahr 2011, die sich gegen das ungleiche Bildungssystem in Chile richteten.

„Die Kinder haben große Angst“

Die von Kindernothilfe unterstützten Projekte in Chile, so José Horacio Wood in seinem Bericht weiter, konnten seit dem Wochenbeginn ihre Arbeit nur sehr eingeschränkt – und dann auch lediglich mit den Mitarbeitenden, die in unmittelbarer Umgebung der Projekte wohnen – aufnehmen. Da die Versorgung der Kindergärten mit Lebensmitteln nicht möglich war, konnten für die Mädchen und Jungen keine Mahlzeiten zubereitet werden. Mehrere Partner verteilten Notrationen mit Nahrungsmitteln an Familien, die keinerlei eigene Vorräte mehr zu Hause hatten. Im Armenviertel La Victoria brannten in unmittelbarer Nähe des Projektes Barrikaden, und es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Polizeispezialkräften und Jugendlichen.

„Die Kinder haben große Angst“, schrieb José Horacio Wood, „sie verstehen nicht, was vor sich geht. Aber auch unter den Erwachsenen, in den Familien herrscht Panik.“ In dem mit Migrantenkindern arbeitenden Projekt „Niñas y Niños sin Fronteras“ im Stadtteil Independencia (Nord-Santiago) wurde ein Junge bei einer Polizeiaktion – ohne Begründung – verhaftet und auf einer Wache misshandelt. Die Projektverantwortlichen dokumentierten die Blutergüsse und Verletzungen des Kindes und prüfen die Möglichkeit, Strafanzeige zu stellen. „Aber das wird sehr schwierig“, schreibt José Horacio Wood nüchtern.

Für die gesamte Woche haben in vielen chilenischen Städten Gewerkschaften, Schüler, Studierende, Nachbarschaftsorganisationen und Berufsverbände zu Streiks und weiteren Widerstandsaktionen und Protesten aufgerufen, während die Regierung einerseits die in der vergangenen Woche verfügten Metro-Fahrpreis-Erhöhungen zurücknahm, aber andererseits die nächtlichen Ausgangssperren weiter verlängerte – und Präsident Piñera in einer Fernansprache behauptete: „Es herrscht Krieg in Chile“.

Inzwischen äußerte sich Piñera etwas differenzierter, erklärte, die Botschaft der Protestierenden „verstanden zu haben“, kündigte verschiedene Reformen und Maßnahmen an, wie die moderate Erhöhung des Mindestlohns und der Kleinstrenten sowie eine Rücknahme der verhängten Strompreissteigerungen, was aber bislang nicht zu einem Abflauen der täglichen Demonstrationen geführt hat. José Horacio Wood formuliert in seiner Email an Kindernothilfe lakonisch: „Die Leute haben nach 30 Jahren ein für alle Mal genug!“


Chile und die Rechte der Kinder: Eine offene Wunde

Interview mit David Ordenes, Direktor der Nichtregierungsorganisation La Caleta

David Ordenes und Jürgen Schübelin (Quelle: Lorenz Töpperwien)

Wenn es das schmale Land an der lateinamerikanischen Pazifikküste in unseren Breiten in die Medien schafft, geht es meist entweder um Fußball, im besten Fall um sehr guten Wein oder um Abenteuertourismus und im schlechtesten um die scheinbar endlose Serie von sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche – mit Kindern und Jugendlichen aus Opfer. David Ordenes, 69, Direktor der Nichtregierungsorganisation La Caleta, Sozialpädagoge, Lehrer und einer der renommiertesten chilenischen Kinderrechtsspezialisten, besuchte im Sommer verschiedene Partnerorganisationen in Europa. Anderthalb Tage lang machte er auch bei der Kindernothilfe Station. Im Gespräch ringt er um einen differenzierten Blick auf das Chile unter der Hochganzpolitur und Patina.

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Chile: Mittelschweres Beben

Vor knapp zwei Tagen, in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar, ereignete sich im Norden Chiles ein mittelschweres Erdbeben. Unsere Projekte sind nicht betroffen. Jürgen Schübelin, unser Head of Latin America & Caribbean Department, befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Hauptstadt Santiage de Chile. Hier ist sein Bericht.

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Gewalt in Chile: Polizei ermordet jungen Mapuche

Camilo Catrillanca ist das jüngste Opfer der Polizeigewalt gegen Mapuche in Chile. Das Bild zeigt ihn bei einem Seminar unseres Partners ANIDE im Jahr 2011.

Camilo Catrillanca ist das jüngste Opfer der Polizeigewalt gegen Mapuche in Chile. Das Bild zeigt ihn bei einem Seminar unseres Partners ANIDE im Jahr 2011.

Am 14. November erschoss eine Spezialeinheit der chilenischen Militärpolizei den 24-jährigen Camilo Catrillanca. Er gehörte der ethnischen Minderheit der Mapuche an und engagierte sich schon als Jugendlicher gegen die Unterdrückung der Mapuche-Gemeinden und den Verlust ihres Landes an Großgrundbesitzer. Seine Ermordung löste in ganz Chile eine Welle von Protesten aus. Der Chef der Regionalverwaltung der Region Araukanien, in der Camilo Catrillanca lebte, musste nach Falschaussagen bereits zurücktreten. Demonstranten fordern nun auch den Rücktritt von Innenminster Andrés Chadwick. Bewirkt Catrillancas Tod endlich ein Umdenken in Chile? Den ganzen Beitrag lesen »

Uni-Lernstoff Kindernothilfe

Architekturstudenten in Chile beschäftigen sich mit dem Wiederaufbauprogramm der Kindernothilfe in Haiti

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide - fertigstellt im Oktober 2013.

Die École Saint-François de Sales der Kleinen Schwestern von Rivière Froide – fertigstellt im Oktober 2013.

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Ungewöhnlicher Lehrstoff: Die Studierenden am Institut für Architektur an der Universität von Valparaíso beschäftigten sich am 14. November im Rahmen einer Gastvorlesung mit den Kindernothilfe-Lernerfahrungen beim Wiederaufbau- bzw. dem Neubau von Schulen, die bei der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti zerstört worden waren. Unter der Überschrift „Humanitäre Krisen und Architektur“ ging es bei der Festveranstaltung zum 60. Jubiläum des Instituts für Architektur an der Universität von Valparaíso im vollbesetzten Audimax der Fakultät für Architektur in Playa Ancha um die ganz unterschiedlichen Strategien, Prozesse, technischen und logistischen Herausforderungen – etwa bei der Neuerrichtung sehr großer Schulen wie der École Saint-François de Sales in Rivière Froide bei Carrefour (1.400 Kinder) oder dem Collège Véréna in Delmás (1.600 Kinder) – im Vergleich mit dem ganz anders organisierten Wiederaufbauprogramm für die sechs bei dem Erdbeben zerstörten Schulen in den extrem unzugänglichen Gebirgsdörfern südlich von Carrefour.

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Das ist die Architekten-Skizze zum École Saint-François-Projekt: erdbebensicher, behindertengerecht und mit viel Platz für die Kinder. Copyright: Kindernothilfe

Die engen Bezüge zu Chile waren von Anfang an ein besonderes Merkmal dieses anspruchsvollen Wiederaufbauprogramms gewesen: Mit dem jungen chilenischen Architekten Alvaro Arriagada aus Santiago de Chile hatte die Kindernothilfe einen engagierten Experten für erdbebensicheres Bauen gefunden, der sich mit viel Enthusiasmus auf den Kindernothilfe-Ansatz einließ, Kinder und Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, aber auch die Menschen in den Communities rund um die jeweiligen Projekte, ganz intensiv in die Planungen und die Umsetzung der insgesamt 13 zwischen 2010 und 2016 realisierten Bauvorhaben einzubeziehen. Und mit einem Geologenteam der Universidad de Chile, das im Auftrag der Kindernothilfe die komplexen geomorphologischen Untersuchungen vornahm, die den Fundament-Ausschachtungen für die Saint-François de Sales-Schule der Kleinen Schwestern in Rivière Froide vorgeschaltet werden mussten, gab es dann auch noch einen zweiten professionellen Bezug in das Andenland.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle - auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Die Schüler-Baukommission aus dem Collège Véréna begutachtet die Großbaustelle – auf dem Foto (Oktober 2014) zusammen mit der Schulleiterin Sylvaine Mägli und Christoph Dehn von der Kindernothilfe.

Wie wichtig gerade in Humanitären Krisen- und Extremsituationen – wie nach dem verheerenden Erdbeben 2010 in Haiti, bei dem (so der heutige Forschungsstand) wohl um die 316.000 Menschen ums Leben gekommen waren, aber auch bei Katastrophen, wie sie die Menschen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas in den zurückliegenden Jahren in schneller Abfolge erlebt hatten – ein rechtsbasierter Arbeitsansatz ist, also die konsequente Einbeziehung und Mitwirkung der mit dem jeweiligen Projekt in Verbindung stehenden Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, aber auch der Aspekt des inklusiven Bauens (der Berücksichtigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen), war eines der Kernthemen dieser Uni-Veranstaltung in Playa Ancha. In den internationalen Konventionen, die sich mit Regeln für Humanitäre Hilfe-Einsätze beschäftigen, müssten – so eine der Forderungen aus der anschließenden Diskussion mit den Studierenden – das bedingungslose (Menschen)-Recht auf Teilhabe und Mitgestaltung noch viel pointierter und konsequenter herausgearbeitet werden, um entsprechend der Prinzipien des do-no-harm-Ansatzes (der Forderung, dass Humanitäre Hilfe-Interventionen „keinen Schaden anrichten“ bzw. dank einer konfliktsensiblen Planung und Durchführung zumindest nicht zur Vergrößerung von entstandenen Problemen und Notsituationen beitragen) zu arbeiten. Für ihr eigenes Curriculum bei der Ausbildung zu Architektinnen und Architekten wünschten sich die Studierenden der Universidad de Valparaíso eine viel intensivere Beschäftigung mit all den Fragen rund um Architektur und Menschenrechte.

Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang größte humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte gewesen. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und das Selbsthilfe-Gruppen-Programm der Kindernothilfe in dem Karbikstaat. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet. Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase nach dem Erdbeben im Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschul-Traktes des Collège Véréna in Delmás.

Musik als Lebenschance: Zehn Jugendliche aus der Escuela Popular de Artes auf Europa-Tournee

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Escuela Popular de Artes-Konzert in Echternach: Der Auftakt mit einer Pasacalle con Zampoñas. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
30. Oktober 2017

Minutenlanger stehender Applaus, ein fasziniertes, völlig begeistertes Publikum im Echternacher Konzerthaus Trifolion: Für die zehn jungen Musikerinnen und Musiker aus der Escuela Popular de Artes (EPA), dem langjährigen Partnerprojekt der Kindernothilfe aus Achupallas, einem Armenviertel oberhalb der chilenischen Küstenstadt Viña del Mar, war dieser Auftritt am 28. Oktober der denkwürdige Höhepunkt einer intensiven, vierzehntägigen Reise durch Deutschland und Luxemburg.

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Die zehn Musikerinnen und Musiker der EPA ziehen in das Trifolion in Echternach ein. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Schon bei ihrem Einzug in das bis auf den letzten Platz besetzte Trifolion – mit Zampoñas und einem fetzigen, andinen Pasacalle – machten die zehn Jugendlichen, die zusammen mit zwei ihrer Lehrer als Botschafterinnen und Botschafter ihres vor mittlerweile fast 20 Jahren, 1998, gegründeten Musik- und Kulturprojektes nach Europa gekommen waren, deutlich, um was es ihnen an diesem Abend ging: Sie wollten mit ihrer musikalischen Power anstecken, ihr Publikum überzeugen, dass das für dieses Konzert und ihre Tournee gewählte Leitmotiv „Musik als Lebenschance“ längst Realität ist.

Die Musikerinnen von Salut Salon - auf dem Bild Angelika Bachmann - haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Die Musikerinnen von Salut Salon – auf dem Bild Angelika Bachmann – haben die Kinder aus der EPA in Achupallas besucht. (Quelle: Anne-Monika von Twardowski)

Vor 13 Jahren, im September 2004, war zuletzt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus der EPA auf einer Konzertreise in Europa gewesen, damals unter anderem mit Unterstützung des Deutschen Musikrates und der Musikerinnen des Hamburger Ensembles Salut Salon, die bis heute zu den wichtigsten und engagiertesten Förderinnen dieses chilenischen Kultur- und Sozial-Projektes gehören. Unter anderem hatte es im September 2004, organisiert von der Kindernothilfe, auch einen großen Konzertauftritt in Duisburg gegeben.

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Orchesterprobe unter freiem Himmel in Achupallas, auf den Hügeln oberhalb von Viña del Mar. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Inzwischen ist es längst eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen aus Achupallas und anderen Armenvierteln rund um Viña, die den Staffelstab aufgenommen hat. Musikalisch hat sich das EPA-Projekt – das wurde bei dem Konzert im Echternacher Trifolion deutlich – in diesen Jahren eindrucksvoll weiterentwickelt. Im Mittelpunkt des fulminanten Auftritts der Jugendlichen, die sich selbst Orquestra Latinoamericana Escuela Popular de Artes nennen, stand am 28. Oktober eine musikalische Tour d’Horizon durch Lateinamerika und die Karibik mit Tangos aus Argentinien, einer Cueca aus Chile, Cumbia-Rhythmen aus Kolumbien, andiner Musik vom Altiplano, Latin Rock und schließlich afrokubanischem Jazz aus Kuba.

Der Höhepunkt: Violetas Parras Lied Gracias a la Vida (1966) unter Mitwirkung der beiden Gründer der Escuela Popular de Artes, Michaela Weyand und Eduardo Cisternas, die heute in Deutschland leben und das Projekt von Wissen im Westerwald aus unterstützen sowie von über 50 engagierten Jugendlichen aus der regionalen Musikschule von Echternach und des luxemburgischen Conservatoire du Nord aus Ettelbrück.

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d'Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Auftritt der Jugendlichen aus Achupallas zusammen mit dem Ensemble der Ecole régionale de musique d’Echternach und dem Conservatoire du Nord. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ermöglicht wurde dieser denkwürdige Benefiz-Event zugunsten der Escuela Popular de Artes im Konzerthaus von Echternach durch die rührige luxemburgische Lateinamerika-Initiative Niños de la Tierra aus Bettembourg, die das EPA-Projekt seit seiner Gründung auch über manche Durststrecken hinweg unterstützt und – zusammen mit der Kindernothilfe – 2004/2005 einen erheblichen Teil der Mittel für den Neubau des Musikschulgebäudes in Achupallas aufgebracht hatte.

Auch der chilenische Staat engagiert sich – nach langen Kämpfen – mittlerweile finanziell, um die vielfältige Sozial-, Musik- und Kulturarbeit der EPA mit den jährlich über 150 Kindern und Jugendlichen aus Achupallas aufrechterhalten zu können. Aus der ursprünglichen Idee einer sozial integrativen Musikschule inmitten eines Armen- und Brennpunkt-Viertels ist längst eine Kulturinitiative geworden, die weit über den Stadtteil hinaus ausstrahlt – und nicht nur den an den Kursen mitwirkenden Kindern, ihren Familien und Nachbarn Perspektiven, Teilhabemöglichkeiten und Selbstbewusstsein gibt – sondern auch dazu beigetragen hat, das Image von Achupallas nachdrücklich zu verändern.

Dabei war, und auch das machte dieser Konzertabend in Echternach deutlich, die Strategie, Kinder und Jugendliche aus einem chilenischen Armenviertel für Musik zu begeistern, von Anfang an immer auch ausgesprochen politisch, ein „Akt des Widerstands“, wie es Marco Hoffmann, der Präsident von Niños de la Tierra, in seiner Begrüßungsrede auf den Punkt brachte. Viele neue Freunde und weitere Mitstreiter haben die jungen Musikerinnen und Musiker aus Achupallas mit ihrem grandiosen Auftritt auf alle Fälle gewonnen.

60 Jahre „La Victoria“ – ein geschichtsträchtiger Ort feiert Jubiläum

Text und Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
1. November 2017

Dieses Jubiläum hat auch mit der Kindernothilfe und der Geschichte der Kindernothilfe-Chile-Arbeit zu tun! Die emblematische Armenviertel-Siedlung „La Victoria“ an der Südperipherie des Stadtzentrums von Santiago de Chile in der heutigen Kommune Pedro Aguirre Cerda feierte am 30. Oktober ihren 60. Gründungstag.

La Victoria ist zusammen mit Agüita de la Perdíz in Concepción (wo Kindernothilfe ebenfalls engagiert ist), die älteste Armenviertelsiedlung Lateinamerikas, die aus einer toma, einer organisierten Landbesetzung durch wohnungslose Familien, hervorgegangen ist. Im Morgengrauen des 30. Oktober 1957 hatten die ersten pobladores (wie man in Chile Armenviertelbewohner nennt), Brachland im Sektor Chacra de Fería mit ihren Zelten und mitgebrachten Habseligkeiten in Beschlag genommen und dort als Zeichen dafür, dass sie durch ihre Aktion vom Staat ihr Recht auf menschenwürdiges Wohnen einfordern, die chilenische Flagge gehisst.

Die pobladores von La Victoria gingen mit ihrem Engagement und ihrer von langer Hand vorbereiteten Landbesetzung in die sozialwissenschaftliche Literatur Lateinamerikas ein. Victor Jara, der unvergessene chilenische Liedermacher und vom Pinochet-Regime ermordete Kulturaktivist, hat die Geschichte von La Victoria und den Überlebenskampf seiner Bewohner in seinen Liedern besungen. Während der Zeit der Diktatur (1973-1990) war dieser Ort immer auch ein geographisches und politisches Zentrum des Widerstands und der Versuche, zumindest auf lokaler Ebene demokratische Freiräume am Leben zu erhalten. Einer der Armenviertelpriester aus La Victoria, André Jarlán, bezahlte dieses Engagement mit seinem Leben. Er starb am 4. September 1984 bei einer Polizeiaktion in La Victoria durch eine – angeblich verirrte – Kugel aus der Dienstwaffe eines Carabiñero.

Seit Anfang der achtziger Jahre engagieren sich die Kindernothilfe und ihre chilenische Partnerorganisation, die Fundación ANIDE, in Kooperation mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde, um die Arbeit des gleichnamigen Kinder-, Jugend- und Stadtteilprojekt Nuestra Señora de la Victoria (Projektnummer 92010) zu ermöglichen. Heute ist dieses Zentrum mit seiner engagierten Arbeit einer der wichtigsten Orte in La Victoria, um der wachsenden Gewalt im Stadtteil entgegen zutreten.

In den zurückliegenden Jahren kamen zudem erhebliche neue Herausforderungen auf das traditionsreiche Armenviertel und seine Bewohner zu: An kaum einem anderen Ort in Santiago war der Zuzug von Familien aus Haiti, die nach dem Erdbeben vom Januar 2010 und im Gefolge der anhaltenden Hunger- und Politik-Krisen in den Karibikstaat Zuflucht in Chile gesucht haben, so groß wie in La Victoria. Die Aufnahme dieser Neu-Hinzugekommenen organisierten die Nachbarschaftsorganisationen und das Nuestra Señora de la Victoria-Projektteam in bewährter Manier: unaufgeregt und mit viel Erfahrung beim Bohren dicker Bretter.