Die Dominikanische Republik: Ein Situationsbericht von Jürgen Schübelin

Als der Wecker heute Morgen klingelt, bin ich seit langer Zeit froh, endlich aufstehen und einen neuen Tag beginnen zu können. Die Bilder aus Haiti haben mich die ganze Nacht verfolgt. Ein Gespräch mit einem unserer Mitarbeiter vor Ort gestern brachte mir die dramatische Situation in port Au Prince direkt hierher ins Haus. Ich konnte fast die verzweifelten Menschen rufen hören, den süßlichen Verwesungsgeruch über der Stadt riechen, habe mir vorgestellt, wie es sein muss, nachts mit all den Betroffenen im Freien zu übernachten, immer die Angst vor Nachbeben vor Augen. Das, was die Helfer dort nun mitmachen, können wir uns wohl nicht wirklich vorstellen.

Gestern fragte ich mich in einer ruhigen Minute, wie es wohl um die Situation in der Dominikanischen Republik bestellt ist. Immerhin: Die Grenze zu Haiti ist eines der beiden Nadelöhre, durch die man ins Land kommt. Unser Referatsleiter für Lateinamerika und die Karibik war gerade auf einer Auslandsreise nach Chile, als ihn die Nachricht erreichte. Er buchte ein Ticket mit dem Ziel DomRep und wartet heute auf die Ankunft des Hilfstransports von Air Berlin und „Ein Herz für Kinder“, die heute Abend die DomRep erreichen soll. Danach geht es auf dem Landweg weiter nach Port au Prince.

Das schreibt er auf meine Frage, welche Auswirkungen die Katastrophe auf die DomRep hat:

„Hier im Land sind die Auswirkungen der Jahrhundert-Katastrophe überall zu spüren. In den Supermärkten sind die Preise stark angestiegen, bestimmte Produkte sind nur noch mit Mühe – oder sehr viel höheren Kosten zu beschaffen.

Auch die Flughäfen der DomRep stoßen an ihre Grenzen: Gestern, bei meiner Landung in Santo Domingo, standen allein acht große russische Frachtmaschinen auf dem Rollfeld und warteten – zusammen mit vielen anderen Frachtflugzeugen darauf, entladen zu werden. Es ist schwierig geworden, Lastwagen und Transportkapazität zu erhalten – und wenn, dann nur zu horrenden Kosten. 

Trotzdem hat die Katastrophe auch dazu beigetragen, um die Einstellung vieler Menschen und auch Politiker hier in der DomRep, die den Haitianern traditionell mit offenem Rassismus und Ablehnung begegnen, zu verändern. Es gibt groß angelegte Solidaritätsaktionen, viele Menschen engagieren sich, spenden Geld und Lebensmittel. Alle Fahnen hängen auf Halbmast…

Das geht bis ins Details: Am Flughafen Santo Domingo wird normalerweise eine Touristensteuer von 10 US-Dollar erhoben. Allen Einreisenden, die sagen, dass sie nach Haiti weiterreisen, wird diese Steuer erlassen. Die Regierung der DomRep bemüht sich, die historische Rivalität zu Haiti zu überwinden. Der hiesige Präsident, Leonel Fernández, war einer der ersten ausländischen Politiker, der nach dem Erdbeben seinen Kollegen Preval in Port-au-Prince besuchte.

Es gibt auch Anrührendes und Nachdenklich-Machendes: Gestern habe ich einen US-amerikanischen Pastor aus Orlando kennengelernt, der nach den Morgennachrichten und Berichten über Hunger und Durst in Haiti mit zwei Jugendlichen aus seiner Gemeinde zum Flughafen Orlando fuhr. Dort kaufte er ein Standby-Ticket nach Sto. Domingo. Die Leute kamen hierher in das Zentrum von JuCUM, wo ich ebenfalls untergebracht bin, schmierten während der Nacht 500 Brote und kauften 30 Kanister mit Trinkwasser, um heute früh zur Grenze aufzubrechen, nach Haiti rüber zu fahren, Essen und Wasser zu verteilen, sofort wieder zurück zu reisen und morgen Sonntag, nach Orlando zurück zu fliegen…“

Jürgen Schübelin aus Santo Domingo,
Dominikanische Republik

Eine Kommentar zu Die Dominikanische Republik: Ein Situationsbericht von Jürgen Schübelin

  1. christoph meier

    Schade dass auch Juergen Schuebelin es nicht lassen kann auf dem stereotyp eines sogenannten rassismus der Dominkaner herumzureiten.
    Ich lebe und arbeite seit 15 jahren hier, mit dominkanischen und haitianischen mitarbeitern und habe hier weniger rassismus erlebt als in den USA gegenueber latinos oder in Europa gegen tuerken – arabern – polen usw.
    Das mitleiden der dominikaner und der hilfseinsatz einsatz fuer das Erdbeben geschaedigte Haiti ist unvergleichbar vor fuer ein armes entwicklungsland und wirdt international nicht genuegend gewuerdigt.

Schreiben Sie einen Kommentar