„Die Kindernothilfe ist an der Seite des haitianischen Volkes“

Kindernothilfe-Referatsleiter Jürgen Schübelin bei den „Kleinen Schwestern“, deren von der Kindernothilfe geförderte Schule in Carrefour völlig zerstört wurde.
(Quelle: Kindernothilfe)

Unsere Kollegin Julia-Dradzil-Eder von der Kindernothilfe Österreich sprach mit Pierre Hugue Augustin, dem Leiter des Kindernothilfe-Büros in der Hauptstadt Port-au-Prince, über die Jahre nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar 2010.

Drazdil-Eder: Pierre Hugue Augustin, wie hat sich das Leben in Haiti nach dem Erdbeben verändert?

Augustin: Die Ergebnisse sind durchwachsen – und auf der staatlichen Ebene können wir zum heutigen Zeitpunkt kaum von echten großen Erfolgen sprechen. Trotzdem gibt es einige gute Entwicklungen seit dem Erdbeben:

Ein Architekt von Habiterra erklärt den Dorfbewohnern, wie die zerstörte Schule erdbebensicher wiederaufgebaut wird. (Quelle: Nélida Pohl)

Es wurde in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass unser Land aufgrund seiner geografischen Lage und der Umweltschäden verwundbar ist: Trotz der zahlreichen Warnungen des sehr bekannten haitianischen Geologen und Ingenieurs Claude Preptit, vor allem im Jahr 2009, lebten die Politiker und die Bevölkerung in den besonders gefährdeten Gebieten völlig gedankenlos – obwohl die Bedrohung wirklich sehr real war. Erst nach dem 12. Januar haben die politischen Verantwortlichen und die lokalen Gemeinschaften erkannt, wie wichtig es ist, auf die Bauweise und die Standorte unserer Siedlungen zu achten. Es gab eine breite Sensibilisierungskampagne in den Medien. Viele Gebäude wurden erdbebensicher wiederaufgebaut.


Ein Architekt von Habiterra begutachtet die Schäden an einem Gebäude. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Es gab Verhaltenstraining in den Schulen: Der Großteil der Schulen hat nach der Wiederaufnahme des Unterrichts nach dem Erdbeben begonnen, sein Personal, die Eltern und die Schüler über die Naturkatastrophen und die Umweltgefahren aufzuklären. Die Kinder wurden angeleitet, wie sie sich im Falle einer Katastrophe verhalten sollen. Einige Schulen simulierten zu Übungszwecken sogar eine schnelle Evakuierung im Erdbebenfall.

Koordinierung der internationalen Hilfe: Das Erdbeben vom 12. Januar, das als verheerendstes Erdbeben des Jahrhunderts bezeichnet wurde, hat das Augenmerk mehrerer internationaler Akteure auf Haiti gelenkt. Schnell zeigte sich die Solidarität mit dem Land. Unter der Ägide der Vereinten Nationen und der haitianischen Regierungsstellen wurden Koordinationsplattformen ins Leben gerufen, und zwar je nach Art der Hilfeleistung. Dadurch konnten sich alle Akteure auf die Soforthilfebereiche verteilen und später nach der Nothilfe dann auch im Wiederaufbauplan verorten. 

Zeltlager für obdachlos gewordene Menschen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Umsiedlung der obdachlos gewordenen Menschen: Die Menschen, die ihr Zuhause verloren und anfangs in Zelten untergebracht worden waren, wurden über das Land verteilt umgesiedelt. Einige haben sich in Dörfern niedergelassen, die nach dem Erdbeben auf vom haitianischen Staat zur Verfügung gestellten Boden neu gegründet und aufgebaut wurden, andere haben finanzielle Hilfe erhalten, um neue, einfache Unterkünfte zu mieten. Trotzdem leben bis heute Familien in einigen Gegenden in notdürftigen Zelten. 

Dradzil-Eder: Was hat die Kindernothilfe in Haiti geleistet?

Die Kindernothilfe war über ihre Partnerorganisationen sehr präsent an der Seite des haitianischen Volkes, vor allem in ihren Projektgebieten, die sich über 8 geografische Departements erstrecken. Sie hat schnell verstanden, dass dieses Land einer möglichst  grundlegenden Reformierung bedarf. Für sie ging es nicht nur darum, die durch das Erdbeben zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen, sondern auch und vor allem darum, das Recht auf Bildung, den Kinderschutz und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Familien zu stärken.

Die nach dem Erdbeben neu gebaute Schule in Carrefour. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Augustin: Mit Stolz können wir die Erfolge der Kindernothilfe nennen:

Den Bau von 13 Schulgebäuden, die internationalen Standardnormen und dem Recht von Kindern auf Bildung in einer gesunden Umgebung entsprechen: In den stark benachteiligten und gefährdeten Gebieten wie Delmas 2, Cité Soleil, Fort National und Rivière Froide hat die Kindernothilfe beim Bau der Schulgebäude Maßstäbe vorgegeben, die die Sicherheit und den Schutz der Kinder gewährleisten, aber auch adäquate Lernbedingungen schaffen sollen. Diese von der Kindernothilfe gebauten und geförderten Schulen sind heute Referenzschulen, nicht nur für die lokalen Gemeinschaften, sondern für das ganze Land.

Das neue Collège Verena in Port-au-Prince. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ein integriertes Bildungsangebot: Für die Kindernothilfe ist Bildung mehr als nur Lese- und Schreibunterricht, Mathematik und andere Fächer der klassischen Schulausbildung. Vor allem nach dem Erdbeben hat sie sich für eine integrierte Bildung in Haiti ausgesprochen, die es den Schülern ermöglicht, ihre Rolle als Bürger zu gestalten, während sie handwerkliche Berufe und ihre Rechte als Kinder kennenlernen. Alle Schulen haben eine Richtlinie zum Kinderschutz eingeführt, die sicherstellt, dass sich die Kinder in einer geschützten Umgebung voll entfalten und entwickeln können – befreit von der Gewalt, die eine der größten Probleme in ihren Vierteln und Nachbarschaften darstellt. 

Treffen einer Frauen-Selbsthilfegruppe (Quelle: Kathrin Meindl)

Die wirtschaftliche Selbstständigkeit von Familien: Seit 2012 haben sich 312 Frauenselbsthilfegruppen in 7 Departements im ganzen Land gebildet. Durch das Selbsthilfegruppenprogramm der Kindernothilfe, das sie gemeinsam mit kleinen Grassroot-Partnerorganisationen durchführt, ist es gelungen, das Selbstbewusstsein der Frauen deutlich zu stärken, Geld anzusparen und kleine Geschäfte aufzubauen, über die die Frauen eigene Einnahmen erzielen. Hierdurch lernen die Frauen Buchhaltung und wie man ein Geschäft abwickelt. So tragen sie nicht zuletzt durch die Stärkung ihrer Rolle als Frau in der Gesellschaft zur Versorgung ihrer Familien und zum sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau ihrer Gemeinschaften bei.

Drazdil-Eder: Welches sind die nächsten Schritte?

Augustin: Die Kindernothilfe wird ihre drei wichtigsten Programmschwerpunkte (Bildung, Kinderschutz und Stärkung der wirtschaftlichen Selbstständigkeit von Familien) verstärken und nachhaltige Lösungen fördern. 

Ihr Ansatz, die Kapazitäten der einheimischen zivilgesellschaftlichen Akteure zu stärken, hat bereits Früchte getragen. Heute sind sich die Partnerorganisationen ihrer Rollen als Garanten für die Einhaltung der Kinderrechte bewusster. Einige Partner, wie z. B. FEPH (Fédération des Ecoles Protestantes d’Haïti) in Cité Soleil und Cabaret, engagieren sich in der Advocacy-Arbeit für ein gutes Bildungssystem in Haiti. Andere, wie RESEDH (Réseau Sud-Est de Défense des Droits Humains), arbeiten an besseren Maßnahmen zum Schutz von hilfsbedürftigen Kindern.

Fröhliche Schulkinder im neu gebauten Collège Verena. (Quelle: Kathrin Meindl)

Die Mehrheit der Projekte, die von der Kindernothilfe begleitet werden, haben eine Bildungs- und Umweltkomponente, wie etwa im Fall von SJM (Service Jésuite aux Migrants – Solidarité Fwontalye Haiti) m Nordosten Haitis. Die Kindernothilfe weitet ihre Kooperation weiter aus und plant, drei andere zivilgesellschaftliche Organisationen in den Süd-Departements der Grand-Anse zu unterstützen. Im Norden sollen Aktivitäten in den Departements der Küstenstädte gefördert werden, die permanent Umweltgefahren und Naturkatastrophen ausgesetzt sind.

Die Kindernothilfe wird die Menschen in Haiti in ihrem Prozess der Neuordnung weiterhin begleiten. Wir bemühen uns, gemeinsam mit ihnen das notwendige Fundament dafür zu schaffen, indem wir auf Partizipation, Bildung (Schulbildung und Stipendien sowie alternative Bildungsmöglichkeiten), die Stärkung der Kinderrechte, den Schutz der Kinder vor Gewalt, auf die Stärkung von Frauen und die Förderung ihrer finanziellen Unabhängigkeit setzen.

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