Venezuela – eine Katastrophe in Zeitlupe

Kindernothilfe-Engagement mit dem Fokus auf die Kinderrechte

Text: Jürgen Schübelin

Menschen in Venezuela durchwühlen den Müll nach Essbarem. (Quelle: Jamez42 [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)])

Slow-motion catastrophe – Katastrophe in Zeitlupe – nennt die britische Zeitung The Guardian das Versinken Venezuelas in Armut, Korruption und Gewalt. Nie zuvor in der lateinamerikanischen Geschichte hat es einen in dieser Dimension vergleichbaren Absturzprozess gegeben. Neun von zehn Menschen in dem Karibikanrainerstaat verfügen als Folge der Hyperinflation, die 2019 nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) erneut über 200.000 Prozent erreichte, nicht mehr über genügend Einkommen, um die tägliche Ernährung sicher zu stellen.

Der gesetzliche Mindestlohn, den sieben von zehn Beschäftigten in Venezuela verdienen (zwei bis drei US-Dollar pro Monat) steht in groteskem Gegensatz zu den Preisen für Lebensmittel. Nach einer gemeinsamen Untersuchung der fünf größten Universitäten des Landes führten die Schwierigkeiten, sich ausreichend zu ernähren, dazu, dass zwei Drittel der Erwachsenen in den zurückliegenden drei Jahren durchschnittlich 11 kg ihres Körpergewichts verloren haben. Mehr als jedes dritte Kind in Venezuela ist stark unterernährt. Die dramatischsten Folgen von Armut und extremer Armut sind auf dem Land und in den kleineren Städten zu spüren, in denen die Lebensmittelprogramme der Regierung nicht – oder nur sehr sporadisch greifen.

In ganz Venezuela sind kirchliche Suppenküchen mit Tausenden von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern für viele Menschen die letzte Chance, eine Mahlzeit zu erhalten. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Der Zerfall des einstmals reichsten südamerikanischen Landes ist überall mit Händen zu greifen: Die Stromversorgung funktioniert nur noch mit großen Unterbrechungen, Telefon- und Mobilfunknetze sind praktisch zusammengebrochen. Und es gibt in dem Land, das mit Abstand über die weltweit größten Schwerölreserven verfügt, kaum noch Benzin für die Einheimischen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach bereits 2018 von einem „völlig kollabierten öffentlichen Gesundheitssystem“, in dem es an allem fehlt: medizinischem Material aller Art, Medikamenten – aber vor allem Ärzten und Pflegepersonal. 

Bereits 2018 wurde augenfällig, wie polarisiert und extrem gespalten die venezolanische Gesellschaft den Niedergang ihres Landes und die drastischen Verschlechterungen ihrer Lebensbedingungen erlebt. Noch vor der dramatischen Zuspitzung der politischen Auseinandersetzung zwischen dem Präsidenten der venezolanischen Nationalversammlung, Juan Guiadó, und des – nach einer von den meisten westlichen Staaten wegen massiver Manipulationen nicht anerkannten Wiederwahl im Mai 2018 – weiteramtierenden Staatspräsidenten Nicolás Maduro, war die Konfrontation und Verhärtung zwischen den beiden Lagern mit Händen zu greifen.

Demonstration für freie Wahlen in Venezuela. (Quelle: The Photographer [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)])

Seit Mitte des Jahres 2019 scheint das Ringen um die Macht im Land jedoch entschieden: Der Versuch Guiadós und der Nationalversammlung, die Streitkräfte auf ihre Seite zu ziehen und das Maduro-Regime, das von Kuba, Russland, China, der Türkei, dem Iran und Nicaragua unterstützt wird, zum Rücktritt zu zwingen, ist gescheitert. Dazu hat nach Auffassung verschiedener Analysten nicht zuletzt auch die krude Politik der US-Administration unter Trump – und die vorschnelle Anerkennung Guiadós als legitimem Interimspräsidenten durch zahlreiche europäische Länder, darunter auch Deutschland – beigetragen. Maduro ist es bislang gelungen, unter diesem internationalen Druck die Spitzen der Streitkräfte und andere Teile der venezolanischen Machtelite, die um ihre Privilegien und Pfründe fürchten, sowie Sorgen tragen, bei einem Regimewechsel juristisch u.a. wegen Korruptionsverbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden, weiter hinter sich zu scharen. 

Vom alten Glanz ist wenig übrig geblieben: Graffiti mit dem Portrait von Hugo Chaves an einer Wand in einem Armenviertel in Barquisimeto. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Humanitäre Hilfe-Kooperation – Medikamentensendung

Venezuela gehört nicht zu den acht Partnerländern der Kindernothilfe in Lateinamerika. Trotzdem entschied der Kindernothilfe-Vorstand im Anschluss an eine Recherche-Reise im Juni 2018 nach Venezuela, Medikamenten- und Hilfsgüterlieferungen an kirchliche Partner in dem Karibikanrainer-Staat mitzufinanzieren und zu unterstützen. Dabei kooperierte die Kindernothilfe mit action medeor in Tönisvorst und Adveniat in Essen – im Konzert mit anderen Entwicklungs-Organisationen, die sich im Herbst 2018 zur „Ökumenischen Venezuela-Kontaktgruppe“ zusammengeschlossen haben. Erste Container mit Medikamenten und Spezialnahrung für Kinder mit extremen Unterernährungsproblemen konnten – finanziert von der Kindernothilfe – im Spätsommer 2019 an das Sozialwerk der Erzdiözese Barquisimeto geliefert werden, um sie über die entsprechenden Diözesan- und Caritas-Strukturen auch an ökumenische Netzwerke zu verteilen.

Kirchliche Projekte, wie hier der Kindergarten der ev.-lutherischen Gemeinde von Valencia, leisten in Venezuela einen ganz wichtigen Beitrag, um sich der Hoffnungslosigkeit entgegen- zustemmen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Zusammenarbeit mit Kindernothilfe-Partnerorganisation in drei Nachbarländern

Politisch konnten im zurückliegenden halben Jahr keinerlei Fortschritte bei der Lösung der Machtfrage in Venezuela selbst erzielt werden. Stattdessen schreitet der Verelendungs- und Zerfallsprozess in diesem ehemaligen Schwellenland sowie das Abgleiten in ein immer unverbrämter autoritäres Regime  scheinbar unaufhaltsam voran. Die Situation der in die Nachbarländer Geflüchteten stellt sich von Woche zu Woche prekärer und dramatischer dar.

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind allein seit November 2018 eine Million Venezolaner aus ihrer Heimat geflohen. Damit leben mittlerweile rund vier Millionen der etwa 31 Millionen Venezolaner im Ausland. 2015 waren es lediglich 695.000. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) befürchtet, dass die Zahl der Flüchtlinge aus Venezuela bis Ende 2020 sogar auf mehr als 8,2 Millionen Menschen steigen könnte.

Die allermeisten der Geflohenen landen in den lateinamerikanischen Nachbarländern. Allein in Kolumbien leben inzwischen 1,3 Millionen Venezolaner. Peru hat 768.000 Menschen aufgenommen hat. Auch in Chile, Ecuador, Brasilien und Argentinien haben jeweils Hunderttausende Venezolaner Zuflucht gesucht. In der gesamten lateinamerikanischen Geschichte seit den Unabhängigkeitskriegen und den Loslösungen von Spanien und Portugal gibt es keine vergleichbare humanitäre Krise mit derart gewaltigen Flüchtlingsströmen.

Während den Geflohenen in den Aufnahmeländern etwa bis ins Jahr 2017 hinein durchaus Sympathie und Solidarität entgegengebracht wurde, ist inzwischen die Stimmung fast überall gekippt. Den neu Hinzukommenden schlagen vielfach blanker Hass, Rassismus und Ablehnung entgegen.

Engagements für die Rechte von aus Venezuela geflüchteten Kindern

In Peru kooperiert die Kindernothilfe mit ihrem langjährigen Partner Paz y Esperanza in mehreren Armenvierteln von San Juan de Lurigancho und Independencia – beides Stadtbezirke an der Peripherie von Lima – im Rahmen eines einjährigen Projektes zur Verbesserung der Bildungssituation von und zum Schutz vor Gewalt gegenüber Flüchtlingskindern. Dieses Projekt wird es aus Mitteln des Humanitäre-Hilfe-Etats der Kindernothilfe für 2019 mit 53.300 Euro finanziert.

In der ecuatorianische Hauptstadt Quito unterstützt die Kindernothilfe eine Selbsthilfeorganisation von aus Venezuela Geflüchteten, die sich Asociación Chamos Venezolanos en el Ecuador nennt – ebenfalls im Rahmen eines zunächst einjährigen Projektes – bei der Organisation eines non-formalen-Unterrichts mit 150 Mädchen und Jungen, die durch die Flucht nicht mehr zur Schule gehen konnten. Hier geht es vor allem darum, Lernrückstände abzuarbeiten und diese Kinder darauf vorzubereiten, in Ecuador wieder zur Schule gehen zu können. Dieses Projekt, das den Titel Aulas Móviles (Mobile Klassenzimmer) trägt, hat auch eine ganz starke psychosoziale Komponente.
Die für diese Arbeit benötigten 60.000 Euro kommen in diesem Fall aus dem regulären Lateinamerika-Haushalt der Kindernothilfe.

Eine dritte Initiative wurde der Kindernothilfe von ihrer brasilianischen Partnerorganisation Instituto Aliança aus Salvador de Bahia vorgestellt und trägt die Überschrift Brincantar e Empoderando Refugiados (frei übersetzt: durch Spielen Selbstbewusstsein entwickeln und die Rechte Geflüchteter stärken) Das Instituto Aliança-Team arbeitete dafür zunächst mit Kindern aus venezolanischen Familien in Salvador de Bahia und jetzt auch noch in einer zweiten Aktion mit Menschen, die über die Grenze in den nördlichsten brasilianischen Bundesstaat Roraima geflohen sind. Auch bei dieser Arbeit geht es um psychosoziale Unterstützung, die Stärkung des Selbstbewusstseins der Kinder und um Hilfe beim Spracherwerb. In diesem Fall konnten die benötigten Geldmittel in Höhe von 24.100 Euro aus dem Kindernothilfe-Konkret-Helfen-Budget aufgebracht werden.

Wenn die drei genannten Summen sowie die bereits erwähnte Medikamente-für-Kinder-Versandaktion mit action medeor addiert werden, ergibt sich eine Summe von inzwischen über 140.000 Euro, die Kindernothilfe-Spenderinnen und -Spender im zu Ende gegangenen Jahr im Kontext mit der Venezuela-Krise für die Verbesserung der Situation der betroffenen Kinder aufbringen konnten.

Der Starttermin für die beiden erstgenannten Projekte in Lima und Quito war der 1. September 2019, die Arbeit in Brasilien begann bereits im Februar 2019, und die erwähnte Medikamenten-Hilfsgüterversendung erreichte ihren Zielort Barquisimeto Ende August.

Noch eine Leseempfehlung: Von Lorenz Töpperwien aus dem Kindernothilfe-Pressereferat stammt der folgende Artikel, der sich mit der Situation in Barquisimeto beschäftigt:

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