Haiti: Überleben als heroischer Akt

In Lateinamerika brennt es lichterloh. Die Menschen erleben in diesen Monaten politische und soziale Explosionen, wie es sie seit den 1970er Jahren nicht mehr gegeben hat: Unruhen und Massenproteste in Bolivien, Chile, Venezuela, Honduras, Nicaragua, Puerto Rico, Ecuador, Peru – zuletzt Kolumbien – und eben Haiti. Marie Caridade Valcourt, nationale SelbsthilfegruppenKoordinatorin der Kindernothilfe in Haiti, spricht im Interview über die aktuelle Lage in dem Karibikstaat.

So unterschiedlich die Ursachen der Proteste in den jeweiligen Ländern sind – Wut über extreme Ungleichheit, Empörung gegenüber schamloser, systemischer Korruption und massivem Machtmissbrauch bis hin zum offenen Verfassungsbruch, Aufbegehren gegen exzessive Polizeigewalt und die Verweigerung politischer Rechte –, so verheerend sind die Folgen für die direkt betroffenen Menschen und ganz besonders für den Alltag von Kindern. In keinem lateinamerikanischen Land stellt sich die Lage dabei so katastrophal dar wie in Haiti – und gibt es gleichzeitig so wenig internationale Aufmerksamkeit.

Marie Caridade Valcourt aus Port-au-Prince, die Koordinatorin des Selbsthilfegruppen-Programms der Kindernothilfe in Haiti, war zehn Tage lang in Duisburg, um gemeinsam mit SHG-Beraterinnen und –Beratern (SHG steht für Selbsthilfegruppen) aus Asien und Afrika zu diskutieren und zu planen. Sie beantwortet im Gespräch Fragen ihrer Kollegen aus dem Referat Lateinamerika und Karibik, Michaela Gerritzen, Julia Rodríguez und Jürgen Schübelin.

Marie Caridade Valcourt, nationale Koordinatorin der SHG-Gruppe in Haiti, spricht im Interview über die Lage im Land

Der tägliche Kampf ums Überleben

In Haiti reißen seit mehr als zwei Monaten die heftigen Proteste gegen die Regierung von Präsident  Jovenel Moïse nicht ab, bei denen es im Kern um die Anschuldigung geht, dass er, seine Leute  und sein Vorgänger Martelli Hunderte Millionen US-Dollar aus dem Petrocaribe-Hilfsfonds unterschlagen haben. Haitianische Menschenrechtsorganisationen haben errechnet, dass bereits über 100 Personen bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei starben. Wie schaffen es die Menschen da, ihren Alltag hinzubekommen?

Caridade: Das Organisieren des täglichen Überlebens ist die eigentliche Herausforderung! An etwas zu essen zu kommen, irgendwie Wasserflaschen zu beschaffen, mit der ständigen Angst fertig zu werden… Da die ganze Stadt voller Barrikaden ist, selbst Fußgänger beschossen und angegriffen werden, ist es extrem schwer, überhaupt von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Die Menschen in Haiti haben in den zurückliegenden Jahren entsetzliche Katastrophen erlebt, das Erdbeben vom 12. Januar 2010 mit über 250.000 Toten, danach verheerende Hurrikans wie zuletzt „Matthew“ Ende September 2016. Jedes Mal haben sich die Haitianerinnen und Haitianer gegen die Zerstörungen und die Hoffnungslosigkeit aufgebäumt. Was ist in dieser jetzigen Krise anders?

Das Erdbeben von vor zehn Jahren zerstörte Teile der Hauptstadt und einige Städte in der Nachbarschaft. Und auch die Hurrikans verwüsteten immer nur einzelne Departments. Aber jetzt ist es das gesamte Land mit seinen mehr als 11 Millionen Menschen, das leidet. Die Protestwelle hat alle Landesteile erfasst. Nirgendwo mehr funktionieren die Strukturen. Die Straßenverbindungen sind blockiert, eine angemessene Versorgung der Bevölkerung ist nicht möglich. Und die Menschen verfügen einfach über keine Ressourcen und keine Kraftreserven mehr.

Aufnahmen von Protesten gegen die Regierung am 11.02.2019 in den Straßen von Hinche in Zentral-Haiti

Die Erwachsenen stehen und Druck – und die Gewalt gegen Kinder nimmt zu

Was ist dabei das größte Problem?

Es ist der ständige Druck, der auf uns allen lastet, die Angst um unsere Kinder, die in fast allen Städten des Landes seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen können, weil auf den Straßen gekämpft wird. Nichts kann geplant werden. Alle Leute warten jeden Tag nur auf die Augenblicke, in denen gerade nicht geschossen wird, um zum Supermarkt zu hetzen und zu versuchen, irgendetwas zu ergattern. Die Preise sind seit dem Beginn der Proteste explodiert, weil – wiegesagt – die Belieferung mit Nahrungsmitteln nicht mehr funktioniert

Was macht dieser Dauerstress, unter dem die Erwachsenen stehen, mit den Kindern?

Wir sehen als Kindernothilfe-Haiti, dass Mädchen und Jungen in dieser Krise besonders exponiert und gefährdet sind. Unter den Todesopfern, die seit Anfang September zu beklagen sind, befinden sich zahlreiche Jugendliche. Die völlig aus dem Ruder gelaufene Bandenkriminalität hat zu einer starken Zunahme von Gewalt geführt und stellt ein ständiges Risiko für Kinder und Jugendliche dar. Und natürlich passiert genau das, was immer in extremen Krisen geschieht: Weil die Erwachsenen zu Hause unter solchem Druck stehen, nimmt auch die Gewalt in den Familien zu.

Die Kinder sind in der aktuellen Krise besonders gefährdet

Die UN  haben im Oktober 2017 die Stabilisierungs- und Friedensmission MINUSTAH beendet und nach 13 Jahren alle internationalen Einheiten aus Haiti abgezogen. Viele Beobachter sagen, dass dieser Rückzug die Unsicherheit im Land deutlich erhöht hat…

Das sehen wir auch so! Es zirkulieren große Mengen Waffen im Land. Und es tauchen immer neue Gangs auf, die ganze Stadtteile unter ihre Kontrolle gebrachte haben. Dazu kommen angebliche Polizisten in Phantasieuniformem, die daran beteiligt sind, die Menschen an den Straßenkontrollen und Barrikaden auszurauben. Mit dem Abzug der UN-Truppen haben das internationale Interesse und der Rest an Aufmerksamkeit für unser Land massiv abgenommen. Davon profitiert auch die Regierung vonJovenel Moïse, die glaubt, sich gegenüber Niemandem rechtfertigen zu müssen, weil das, was in Haiti geschieht, im Ausland einfach nicht wahrgenommen wird.

Wie steht es um die Frauen-Selbsthilfegruppen vor Ort?

Das Programm der Frauen-Selbsthilfegruppen (SHG) ist inzwischen mit 6097 Frauen in 314 Gruppen und – konservativ gerechnet – mindestens 11.300 Kindern – das von seiner Reichweite her größte Kindernothilfe-Projekt in Haiti. Wie ergeht es den SHG-Frauen in dieser Krise? Können sie irgendeinen Beitrag leisten?

Natürlich ist an ein normales Funktionieren der „groupes d’entraides“ – wie wir in Haiti sagen – nicht zu denken! Es ist seit dem Beginn der Proteste nicht möglich, dass die Frauen nach Port-au-Prince oder in eine der anderen größeren Städte kommen könnten, um irgendetwas einzukaufen, was sie dann hinterher vor Ort weiterverkaufen. Es gibt derzeit im Land keine funktionierenden Märkte und auch keine Transportmittel. Deshalb haben viele der Gruppen ihre Strategie geändert und versuchen, Dinge des täglichen Bedarfs anzubieten und zu produzieren, die sie entweder selbst herstellen oder zu denen sie die Rohstoffe in der unmittelbaren Nachbarschaft beschaffen können.

Eine Selbsthilfegruppe in Aktion: Bei den Treffen wird gemeinsam beratschlagt, welche Schritte als nächstes ergriffen werden sollen

Und wie sieht es mit den wöchentlichen Treffen der Frauen-Selbsthilfe-Gruppen aus? Können die stattfinden?

Die Frauen stehen in intensivem Austausch untereinander. Sie versuchen, sich gegenseitig so gut zu unterstützen, wie es irgendwie geht. Aber ein Problem besteht derzeit darin, dass ja in allen Gruppen und den 15 „Cluster Level Associations“ (CLAs) mit Bargeld gearbeitet wird. Bei den Frauen herrscht große Angst, überfallen und bestohlen zu werden. Zum Glück funktionieren in abgelegenen ländlichen Gebieten zumindest zum Teil die Schulen noch, das heißt, SHG-Gruppen, die dort im Zusammenhang mit Schulspeisungsprojekten arbeiten, sind weiterhin aktiv. Und die anderen versuchen, sich so unauffällig – wie irgend möglich – weiter zu treffen.

Ist es nicht gerade jetzt ganz wichtig, dass über die SHGs in Haiti Graswurzel-Netzwerke entstanden sind, die es den Frauen ermöglichen, der Gewalt um sie herum etwas entgegen zu setzen?

Doch, genau darum geht es! Die „groupes d’entraides“ schaffen einen Raum für Frauen, um aktiv zu bleiben, sich zu engagieren, sich aus dem Haus zu wagen, miteinander zu sprechen, der Angst gemeinsam entgegen zu treten. Denn die Wut an den brennenden Barrikaden, die Kämpfe mit der Polizei, die Gewalt der bewaffneten Gangs, das Alles geht in Haiti meistens von jungen Männern aus. In den  SHGs hingegen sehen Frauen für sich eine Perspektive: Hier sind sie nicht die Opfer, sondern haben für sich und ihre Kinder einen Weg gefunden, diesem Wahnsinn etwas entgegen zu setzen.

Das Gemeinschaftsgefühl in den Selbsthilfegruppen spendet auch in schweren Zeiten Kraft

Marie Caridade Valcourt ist Haitianerin, von ihrer ersten Ausbildung her Sozialarbeiterin, mit einem Masterstudium in Strategie-Management und nachhaltiger Entwicklung. Seit sechs Jahren koordiniert sie das Kindernothilfe-Selbsthilfe-Gruppen-Programm in Haiti (84993) und ist in dieser Funktion Teil des Kindernothilfe-Haiti-Teams in Port-au-Prince. Seit dem Start des SHG-Programms in dem Karibikstaat 2011 haben die Frauen aus den 314 Gruppen ein Kapital von 183.905 Euro aufgebaut – und Darlehen über 476.150,00 Euro vergeben.

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