Proteste in Haiti gefährden Projektarbeit

Schon im Sommer gab es erste Demonstrationen gegen die Veruntreuung von Geldern in Milliardenhöhe aus einem staatlichen Entwicklungsfonds, den Venezuela 2005 mit seinem Hilfsprogramm Petrocaribe ins Leben gerufen hatte

Schon im Sommer gab es erste Demonstrationen gegen die Veruntreuung von Geldern

Haiti ist in Aufruhr: Seit mehr als einer Woche demonstrieren die Menschen gegen den amtierenden Präsidenten Jovenel Moïse. Sie werfen ihm vor, Korruptionsermittlungen gegen die Regierung seines Vorgängers und Ziehvaters Michel Martelly zu behindern. Die wütenden Proteste haben bereits mindestens elf Menschenleben gefordert. Auch unsere Projekte sind unmittelbar davon betroffen. Ein Lagebericht von Jürgen Schübelin, unserem Head of Latin America & Caribbean Department

Gestern informierte uns eine Mitarbeiterin unseres Haiti-Büros, dass sich unter den Toten auch ein Kind befindet, das zu einer der von uns unterstützten Selbsthilfegruppen in Port-au-Paix im Nordosten Haitis gehört. Dem Bericht zufolge wurde das Kind erschossen, doch sind uns die genauen Umstände unbekannt. Wir trauern mit den Angehörigen und hoffen mit ihnen, dass die Gewalt nicht weiter um sich greift.

Mitarbeiter eines Projekts in der Hauptstadt Port-au-Prince gaben an, dass wegen der Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten der Schulbetrieb im College Verena bereits in der vergangenen Woche eingestellt werden musste. Im ganzen Land blieben Schulen und öffentliche Einrichtungen geschlossen.

Inzwischen berichtete sogar die Tagesschau über die aktuelle Lage in Haiti. Auch in der Neuen Zürcher Zeitung findet sich ein ausführlicher Artikel. Demnach blockieren die Demonstranten die Einfallstraßen der Hauptstadt und fordern lautstark den Rücktritt des Präsidenten. Im Gegensatz zu den vergangenen Protestwellen im August und Oktober im Gefolge einer geplanten Erhöhung der Benzinpreise ist das Wutpotential dieses Mal besonders hoch.

3,8 Milliarden Dollar veruntreut

Bei den Auseinandersetzungen geht es um massive Korruptionsvorwürfe gegen eine ganze Riege hochrangiger Politiker und einflussreicher Geschäftsleute. Sie sollen nach dem schweren Erdbeben von 2010 internationale Hilfsgelder in Höhe von 3,8 Milliarden Dollar unterschlagen haben. Die ohnehin gewaltige Summe gewinnt noch an Sprengkraft in einem Land, das als das ärmste der westlichen Hemisphäre gilt und in dem etwa die Hälfte der Bevölkerung von einem Dollar pro Tag lebt.

Präsident Moïse wird für den aktuellen Korruptionsskandal mitverantwortlich gemacht. In den Protesten macht sich auch die Enttäuschung darüber Luft, dass die Verbesserung der Lebensbedingungen, die der Präsident bei seiner Wahl vor 21 Monaten versprochen hatte, nicht eingetreten ist. Einen Rücktritt schließt Moïse kategorisch aus.

Aktuell ist die Lage in praktisch allen Städten des Landes extrem angespannt und gefährlich. Das Kindernothilfe-Büro in Port-au-Prince funktioniert derzeit nur mit Einschränkungen. Um die Mitarbeiter zu schützen, haben wir mit ihnen vereinbart, dass nach Einbruch der Dunkelheit niemand mehr unterwegs ist. Wir beobachten die Lage intensiv weiter und stehen in engem Kontakt mit unserem Team vor Ort.

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