Gewalt in Chile: Polizei ermordet jungen Mapuche

Camilo Catrillanca ist das jüngste Opfer der Polizeigewalt gegen Mapuche in Chile. Das Bild zeigt ihn bei einem Seminar unseres Partners ANIDE im Jahr 2011.

Camilo Catrillanca ist das jüngste Opfer der Polizeigewalt gegen Mapuche in Chile. Das Bild zeigt ihn bei einem Seminar unseres Partners ANIDE im Jahr 2011.

Am 14. November erschoss eine Spezialeinheit der chilenischen Militärpolizei den 24-jährigen Camilo Catrillanca. Er gehörte der ethnischen Minderheit der Mapuche an und engagierte sich schon als Jugendlicher gegen die Unterdrückung der Mapuche-Gemeinden und den Verlust ihres Landes an Großgrundbesitzer. Seine Ermordung löste in ganz Chile eine Welle von Protesten aus. Der Chef der Regionalverwaltung der Region Araukanien, in der Camilo Catrillanca lebte, musste nach Falschaussagen bereits zurücktreten. Demonstranten fordern nun auch den Rücktritt von Innenminster Andrés Chadwick. Bewirkt Catrillancas Tod endlich ein Umdenken in Chile?

Claudia Vera von unserer Partnerorganisation ANIDE und Guillermo López, der einen von uns finanzierten Bericht zur Situation der Mapuche in Chile schreibt, erinnern im folgenden Beitrag an Catrillanca und seine Teilnahme an einem ANIDE-Seminar vor sieben Jahren.

Wer die Geschichte von Camilo Catrillanca verstehen will, muss über eine zutiefst beeinträchtigte Kindheit und Jugend sprechen. Es geht um systematische Gewalt gegen Mädchen, Jungen und Heranwachsende, die gemeinsam mit den Gemeinden, in denen sie leben, Gebietsansprüche auf ihren angestammten Lebensraum erheben. Es geht um Biographien, die auf verschiedene Weise von Gewalt geprägt sind – physische Gewalt durch die Polizei bei Razzien, aber auch symbolische Gewalt, wirtschaftliche Gewalt, institutionelle Gewalt.

Die Region Araucanía ist nach jüngsten sozioökonomischen Studien (Casen Survey 2017) die ärmste des Landes. Auch dies ist zweifellos eine Verletzung der Rechte der Bewohner, weil Armut immer weitere Benachteiligungen mit sich bringt. Die Menschen dort erleben aber auch andere Formen der Gewalt, z.B. wenn Kindern die Eltern weggenommen werden, weil sie entweder auf unabsehbare Zeit in „Untersuchungshaft“ geraten oder in unfairen Gerichtsverfahren zu langen Haftstrafen verurteilt werden. Internationale Menschenrechtsorganisationen haben mehr als einmal angeprangert, dass die chilenische Justiz gegen Grundrechte verstößt.

Camilo Catrillanca (vorne re.) mit Mitstreitern bei einer Podiumsdiskussion 2011

Camilo Catrillanca (vorne re.) mit Mitstreitern bei einer Podiumsdiskussion 2011

Schon als Teenager prangerte Camilo staatliche Gewalt an

Camilo war politisch sehr aktiv. Er war Studentenführer und gehörte als 16-Jähriger zu den Aktivisten, die die Gemeinde Ercilla besetzten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. 2011 nahm er an einem von ANIDE organisierten Seminar über staatliche Gewalt gegen Mapuchekinder teil. In der damaligen Pressemitteilung hieß es:

„Camilo Catrillanca, Sprecher der Besetzer der Gemeinde Ercilla, verurteilte den Rassismus und die Diskriminierung von Jugendlichen in Bildungseinrichtungen, die Polizeikontrolle, die sie daran hindert, sich frei in ihren Gemeinden zu bewegen, und die Unterdrückungsmethoden der staatlichen Institutionen. ‚In der Gemeinde von Temucuicui, zu der ich gehöre, gibt es ständig Razzien, wir sind nicht mehr frei, wir können nicht mehr in die Berge gehen und uns um unsere Tiere kümmern, die Repressionen lassen das nicht zu. Der Staat ist der Hauptverantwortliche. Er schickt Carabineros, um uns zu töten, ohne dass wir etwas dagegen tun können – sie erschießen uns aus nächster Nähe.‘ Er prophezeite auch, dass ’sich nach unserem Bericht hier sicherlich nichts ändern wird‘ und dass sie trotz allem weiterhin ihre angestammten Gebiete fordern werden, ‚weil es der einzige Weg für uns ist, uns als Mapuche, als Kultur zu entwickeln‘.“

Am 14. November 2018 dringt eine polizeiliche Sondereinsatzgruppe in das Dorf Temucuicui ein. Camilo Catrillanca, 24 Jahre alt, Vater eines kleinen Mädchens und in Erwartung eines Sohnes, ist mit einem Traktor auf dem Gemeindeland unterwegs, neben ihm sitzt ein 15-jähriger Teenager. Als die Schießerei beginnt, sagt Camilo dem Jungen, er solle sich ducken. Sie werden von hinten beschossen. Camilo stirbt wenige Stunden später an den Folgen eines Kopfschusses. Sein Tod erzeugt Bestürzung, Wut und Ohnmacht und macht die Willkür überdeutlich. Wieder einmal ist der Staat Chile für den Tod eines jungen Mapuche verantwortlich.

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