Guatemala: 4 Wochen nach dem Vulkanausbruch

Guatemala, Ausbruch des Volcán de Fuego 1974

Wegen seiner steil abfallenden Hänge gilt der Volcán de Fuego als besonders gefährlich.

Es war eine Katastrophe mit Ansage: Der Volcán de Fuego, der „Feuervulkan“ (3.763 Meter ü.d.M.), 35 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Guatemala-Stadt, war bereits über mehrere Monate hinweg aktiv, ehe es am 3. Juni zu einer 16-stündigen Eruption kam. Die Folgen für die Menschen in den umliegenden Dörfern: Tod und großflächige Zerstörungen! Alba de Arzú, Leiterin des Büros der Kindernothilfe in Guatemala, und ihr Kollege Otto Arenales, der KNH-Programm- und Projektberater für das mittelamerikanische Land, schildern im Interview die unverändert angespannte Lage im Katastrophengebiet bei Escuintla, Sacatepéquez und Chimaltenango.

 Kindernothilfe: Wie geht es den Menschen in den Dörfern rund um den Volcán de Fuego jetzt – vier Wochen nach diesem verheerenden Ausbruch?

 Alba de Arzú: Nach offiziellen Zahlen der guatemaltekischen Zivilschutzbehörde ist die Zahl der Todesopfer bei dem Vulkanausbruch inzwischen auf 112 angestiegen. Noch immer befinden sich 55 Schwerverletzte in den Krankenhäusern. Offiziell gelten nach wie vor 197 Menschen als vermisst. Die Suche nach ihnen hatte jedoch eingestellt werden müssen, weil die Arbeit in dem betroffenen Gebiet für die Suchmannschaften als zu gefährlich eingestuft wurde.

Otto Arenales: Für die überlebenden Angehörigen ist das natürlich furchtbar. Die Menschen aus den Dörfern sagen, dass die Zahl der Verschwundenen um ein Vielfaches höher ist, als die Regierung einräumt. In ihrer Verzweiflung haben Angehörige an einigen Orten mit primitiven Werkzeugen versucht, unter der Asche und der erstarrten Lava nach den Körpern zu suchen. Aber das ist extrem gefährlich. Denn unter der Oberfläche ist die Lava noch immer 300 Grad heiß. Überall treten giftige Dämpfe und Gase aus. Und auch der Hautkontakt mit der Asche kann zu schweren Verletzungen führen.

Alba de Arzú, Leiterin des Kindernothilfe-Büros in Guatemala, und Otto Arenales, für Guatemala zuständiger Programm- und Projektberater der Kindernothilfe

Alba de Arzú, Leiterin des Kindernothilfe-Büros in Guatemala, und Otto Arenales, zuständiger Programm- und Projektberater der Kindernothilfe (Foto: Jürgen Schübelin)

Kindernothilfe: Wie kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen den Angaben der Zivilschutzbehörde und dem, was die Menschen in den Dörfern sagen?

Alba de Arzú: Die Regierung von Präsident Jimmy Morales hat in dieser Krise jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Noch immer können die Menschen aus den Dörfern rund um den Fuego-Vulkan nicht verstehen, warum die gefährdeten Gebiete trotz präziser wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht rechtzeitig evakuiert wurden. Stattdessen blieben die Betroffenen stundenlang sich selbst überlassen. An vielen Orten in Guatemala kam es inzwischen zu Protestaktionen wegen dieses Versagens. Aber die Menschen sind auch wütend, weil die Regierung tagelang versuchte, die Dimension der Katastrophe herunter zu spielen und die Einfuhr von Hilfsgütern aus Nachbarländern zu verhindern.

Otto Arenales: Die Leute sprechen inzwischen vom Volcán de los Pobres – dem Vulkan, der vor allem die Armen getroffen hat. Erstaunlicherweise gab es überhaupt keine Probleme, ein teures Golf-und Sport-Hotel mit allen seinen Gästen und einem wesentlichen Teil der Infrastruktur rechtzeitig zu evakuieren. Dort kam überhaupt niemand zu Schaden. Die Todesopfer sind hingegen ausschließlich in Indígena-Gemeinden zu beklagen.

Blick über ein Feld mit Bergen im Hintergrund, alles bedeckt von einer Ascheschicht.

Die ganze Region um den Vulkan ist von einer Ascheschicht bedeckt. Die Hitze der Asche hat die Ernten verdorben.

Kindernothilfe: Wie haben die Kindernothilfe-Partnerorganisationen auf die Herausforderung dieser schwersten humanitären Krise in Guatemala seit der Hurrikan-Stan-Katastrophe im Oktober 2005 reagiert?

Otto Arenales: Dadurch, dass unser Partner Coincidir seit einigen Jahren in mehreren Bauerngemeinden in der Nähe des Vulkans mit den dortigen Familien arbeitet, war für uns sofort klar, dass wir uns dort als Kindernothilfe engagieren werden. Das Coincidir-Team hat vier Orte ausgewählt und dort ein Sofort-Hilfe-Programm gestartet. In San José Calderas, La Soledad, El Rosario und Chimachoy vernichtete der Ascheregen alle Anbaufrüchte auf den Feldern und in den Gärten. Zunächst war es deshalb wichtig, den Zugang zu Wasser wieder herzustellen, Pumpen zu reparieren – oder sie dort, wo das nicht möglich war, zu ersetzen. Da die Menschen in ihrer Not bereits damit begannen, die Vorräte an Saatgut aufzuessen, um den Hunger zu stillen, kam es im zweiten Schritt darauf an, so schnell wie möglich wieder auszusähen und zu pflanzen. Nur so wird es gelingen, eine monatelange Ernährungskrise und ihre verheerenden Folgen für die Gesundheit der Kinder und Erwachsenen abzuwenden.

Alba de Arzú: In der öffentlichen Aufmerksamkeit geht es seit dem Vulkanausbruch immer nur um die Menschen in den Notunterkünften. Die Existenzvernichtung, die tausende indigener Kleinbauernfamilien erlitten haben, ist dagegen in Guatemala kaum ein Thema. In den Dörfern, in denen das Coincidir-Team arbeitet, gibt es außer dem Kindernothilfe-Engagement keinerlei weitere Unterstützung.

Kinder beim gemeinsamen Spiel

Kinder sind in Krisensituationen besonders gefährdet. (Foto: Malte Pfau)

Kindernothilfe: In den Notunterkünften leben die Menschen unter extrem prekären Bedingungen zusammen. Wie kann der Schutz der Kinder unter solchen Umständen sichergestellt werden?

Otto Arenales: Das war von Anfang an eine sehr sensible Herausforderung. Nach den derzeitigen Zahlen sind es immer noch zwischen 3.600 und 4.000 Menschen, die in albergues (Notunterkünften) rund um die Katastrophenzone untergebracht sind. Zwei unserer Partner, CONACMI und die ODHAG, das Menschenrechtsbüro der Erzdiözese Guatemala, haben uns um Sofort-Unterstützung gebeten, um mit den Kindern in diesen Zentren arbeiten zu können.

Alba de Arzú: CONACMI ist eine sehr erfahrene Organisation, die seit vielen Jahren in der Therapie-Arbeit mit Kindern, die Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch geworden sind, engagiert ist. Aktuell arbeitet das CONACMI-Team eng mit der Universidad de San Carlos, einer der wichtigen Hochschulen hier in Guatemala, und mit dem Gesundheitsministerium zusammen. Es geht darum, Kindern therapeutische Hilfe anzubieten und in den Notunterkünften dafür zu sorgen, dass es für Mädchen und Jungen sichere Räume gibt und die Kindesschutzregeln – gerade in einer solchen Krisensituation – eingehalten werden. Viele Kinder, die Angehörige oder ihr Zuhause verloren haben, sind besonders verletzbar. Das gilt übrigens auch für Frauen. Leider gab es in den zurückliegenden Tagen bereits aus mehreren albergues Nachrichten über sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen und Kinder.

Junge in Guatemala

Die Kindernothilfe-Partner betreuen derzeit mehr als 600 Kinder, die von dem Vulkanausbruch betroffen sind. (Foto: Malte Pfau)

Kindernothilfe: Wie viele Kinder werden denn von diesem Humanitäre-Hilfe-Engagement unserer Partner in Guatemala erreicht – und für welchen Zeithorizont sind diese Projekte geplant?

Alba de Arzú: Die drei Kindernothilfe-Partner-Organisationen Coincidir, CONACMI und die ODHAG arbeiten derzeit rund um den Vulkan mit etwas mehr als 600 Kindern. Indirekt erreichen sie dadurch vermutlich über 3.000 Menschen. Das Menschenrechtsteam der Erzdiözese Guatemala ODHAG verfolgt dabei insbesondere die Strategie, Kinder gerade in Krisensituationen stärker zu machen, ihre Resilienz-Fähigkeit zu stärken. Retorno a la Alegría – „Kindern wieder Freude geben“ – nennt sich dieser Ansatz, den auch die Vereinten Nationen und das UN-Kinderhilfswerk in humanitären Not- und Katastrophenlagen empfehlen.

Otto Arenales: Wir wissen aus anderen Krisensituationen nach Naturkatastrophen, dass Erwachsene den Stress, unter dem sie selbst stehen, an ihre Kinder weitergeben. Deshalb ist es so außerordentlich wichtig, dass es diese espacios seguros – „sicheren Räume“ – gibt. Zum Zeitrahmen dieses Engagement: Wir haben dieses Humanitäre-Hilfe-Projekt mit den drei genannten Partnern zunächst einmal auf ein halbes Jahr angelegt. Dafür, dass das möglich war, sind wir den Kindernothilfe-Spenderinnen und Spendern außerordentlich dankbar. Sie haben dafür gesorgt, dass wir, nachdem das Ausmaß des Vulkanausbruchs deutlich wurde, innerhalb weniger Stunden loslegen konnten!

(Das Gespräch führte Jürgen Schübelin.)

Die Kindernothilfe bittet für diese Soforthilfemaßnahmen weiter um Spenden.

Konto:
Kindernothilfe e.V.
Bank für Kirche und Diakonie eG (KD-Bank)
Stichwort: WW0019, Nothilfe Guatemala
IBAN: DE92 350 60 190 0000 45 45 40

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