Haiti: Matthew und die vergessenen Orte

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut

Aus Wellblech werden Notunterkünfte gebaut. (Alle Fotos: J. Schübelin)

(Anse-Rouge, Coridon – Nordwest-Haiti, 17.-19.10.2016) In jeder Katastrophe gibt es sie: die vergessenen Orte. Meistens Dörfer, manchmal ganze Landstriche. Keine Journalisten schaffen es bis hierher. Keine Fernsehkameras dokumentieren das Leid der Menschen. Niemand berichtet nach außen, was geschehen ist, und keine internationalen Helfer finden den Weg, geschweige denn irgendwelche Vertreter der eigenen Regierung.

Von Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Coridon ist so ein vergessener Ort. Ein Fischerdorf an der öden, kahlen Küste im Norden des Department Artibonite. Vor der Hurrikan Matthew-Katastrophe war dieser Landstrich die ärmste Region Haitis. Und jetzt? Jetzt ist sie die vergessendste. Die Menschen von Coridon und den ebenso heimgesuchten Nachbardörfern bis hinauf nach Anse-Rouge haben das unsägliche Pech, dass Matthew an der Südküste Haitis in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober den dramatischeren Auftritt hingelegt hat, die Küstenorte dort mit unglaublicher Wucht regelrecht zerfetzte. Seither ist das, was es an ohnehin sehr bescheidener internationaler und nationaler Aufmerksamkeit gibt – oder gerade noch gibt –, auf diesen Teil Haitis, den Süden, fokussiert.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Viele Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Im Nordwesten, in Coridon, war es nicht der Wind. Hier tobten meterhohe Brecher und der Regen. Tagelanger extremer Starkregen, so wie er sich nur an den Rändern gewaltiger Hurrikan-Systeme bilden kann. Zuerst zerstörten die Meereswellen die Häuser und Hütten der Menschen entlang der Küstenlinie, dann kamen aus den Bergen die Schlamm- und Geröllmassen, riesige Mengen an Wasser: „Es war so laut wie Donner“, sagt Madame Claudine, „wir dachten alle, jetzt werden wir ins Meer geschwemmt.“

Mais, Bohnen, Gemüse wurden wie mit einem Hochdruckreiniger weggeschwemmt

Niemand hier an dieser Küste hat so etwas schon einmal erlebt. Keine der vorausgegangenen Hurrikan-Katastrophen war so verheerend wie diesmal Matthew.

Die gewaltigen Regenmengen zerstörten zuerst die Felder und die Gärten der Kleinbauern an den Berghängen, wuschen die dünne Erdkrume mit allem darauf Gepflanztem – Mais, Bohnen und ein bisschen Gemüse – wie unter einem Hochdruckreiniger weg. Unten im Tal vernichteten die Schlamm- und Wassermassen dann innerhalb von wenigen Stunden das, was die Menschen aus Coridon in Generationen aufgebaut hatten: ihre Salinen.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Von dem Salzdepot stehen nur noch die Reste.

Drei Viertel des Salzes, das in Haiti konsumiert wird, kam aus diesen Salinen. Achtzig Prozent der Menschen in diesem Landstrich lebten von der Salzerzeugung. Produziert wurde nach einer archaischen, jahrtausendealten Methode, bei der jede Familie ein eigenes Salzbecken bewirtschaftet, dort das eingeleitete Meerwasser verdunsten lässt und dann die Salzkristalle aberntet. Knochenarbeit bei sengender Hitze.

Die Salinen von Coridon sind Geschichte

Auf googlemaps gibt es die Salinen von Coridon immer noch. Aus dem All sehen sie vergrößert aus wie ein kunstvoll ineinander gefügtes Mosaik – mit Steinchen in vielen verschiedenen Farben. Aber dieses Bild ist Geschichte.

http://www.maplandia.com/haiti/artibonite/coridon

 Matthew hat diese gesamte Salinen-Landschaft in eine trostlose, graue und braune Einöde verwandelt. Die kleinen Deiche, die die verschiedenen Becken voneinander trennten, sind zerstört, die Salinen unter Tonnen von Schlamm und Wasser begraben.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

Die Salinen sind alle überschwemmt.

 

Die Fischer aus dem Dorf hat es nicht weniger hart getroffen. Die meisten ihrer Boote wurden durch die meterhohen Wellen beschädigt oder ganz zerstört, Netze, Reusen, Segel vernichtet.

Die ersten Menschen sterben an Cholera

Aber das größte Problem für die Menschen in Coridon und seine Nachbardörfer ist seit zwei Wochen das fehlende Trinkwasser. Eine Wasserleitung aus den Bergen, im Rahmen eines anderen Humanitäre-Hilfe-Projektes gebaut, wurde einfach weggerissen. Jetzt versuchen sich die Menschen dadurch zu helfen, dass sie mit aneinandergefügten Wellblechresten etwas Regenwasser auffangen. Fast jede Nacht hat es in der zurückliegenden Woche extrem stark geregnet. Noch immer steht das Wasser im ganzen Dorf. Drei Personen seien an der Küste von Artibonite in den vergangenen Tagen an Cholera gestorben, berichtet ein Polizist aus Anse-Rouge. Überprüfen lässt sich das nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Aufgefangenes Regenwasser ersetzt die zerstörten Wasserleitungen nicht.

Und, als wäre dieses Panorama noch nicht apokalyptisch genug, das Karibische Meer hat sich im Golf de la Gonâve in der Hurrikan Matthew-Nacht bitterlich an den Menschen gerächt und Tonnen von erbärmlich stinkendem Müll, vor allem Plastikflaschen und Styroporreste, auf den Strand zurückgeworfen.

Überall auf der Welt entwickeln die Überlebenden unterschiedliche Formen, um mit derartigen Katastrophen umzugehen. In Coridon wollen sie alle fotografiert werden. Jede Familie vor ihrem zerstörten Haus, mit den Kindern, den beschädigten Boote, den vernichteten Salinen. Als ob die Kamera irgendetwas wiedergutmachen könnte. Aber vielleicht ist es einfach die Hoffnung, dass die Welt außerhalb doch davon erfährt, was hier geschehen ist.

Hilfe zuerst für die Kinder

Lenoix, der Agraringenieur der Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT, hat es geschafft, inmitten des Chaos eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Behutsam erläutert er, wie die Kinderzentren, die child friendly spaces, mit denen AMURT in dieser Woche startet, funktionieren werden. Er erklärt, wie sehr es darauf ankommt, dass alle Familien mithelfen, zuerst die Kinder versorgen zu können. Mit den Kindern anzufangen, darin sind sich alle Teilnehmer der Versammlung einig, das ist ganz wichtig, aber dann müssten auch die alten Menschen, die schwangeren Mütter und die Frauen, die den ganz kleinen Babys noch die Brust geben, drankommen. Lenoix versichert der Runde, dass AMURT ihren Rat beherzigen werde.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar - die Kinder werden zuerst versorgt.

Für alle Beteiligten der Versammlung ist klar – die Kinder werden zuerst versorgt.

Mit den Frauen aus den Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen (groupes d’entraide) hat er bereits gesprochen. Sie, die ebenfalls alles verloren haben, werden die Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder übernehmen und für ihre Arbeit bezahlt werden – cash for work nennt sich dieses Prinzip, durch das es möglich sein wird, die betroffenen Familien mit etwas Barmitteln auszustatten.

Chance für eine bessere Salzproduktion

Die allergrößte Herausforderung besteht jedoch darin, mitzuhelfen, so schnell wie irgend möglich die Salzproduktion wieder in Gang zu bringen, die Salinenbecken vom Schlamm und Regenwasser zu befreien und die Trenndeiche wieder aufzubauen. „Vielleicht haben wir ja eine Chance“, sagt Demeter Russafov, der Haiti-Landesdirektor von AMURT, „inmitten dieser Katastrophe einige der Familien davon zu überzeugen, die Salzfelder diesmal anders anzulegen, mehrere, miteinander verbundene Becken gemeinsam zu bewirtschaften und dadurch Salz in besserer Qualität zu erzeugen.“ Demeters Enthusiasmus steckt an, einige interessierte Familien hat er bereits gefunden.

Für Madame Claudine vor ihrem zerstörten Haus am Strand gibt es noch eine andere Priorität: „Helft mir bitte“, sagt sie beim Abschied, „wieder ein Dach zu haben, unter dem meine Kinder und ich schlafen können.“

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

Madame Claudine wurde wie vielen in Haiti alles genommen.

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