Südafrika: Besuch im Tennyson House in Durban

Ehrenamtliche Mitarbeiter der Kindernothilfe zu Besuch im Tennyson House in Durban, SüdafrikaEin Bericht von Cornelie Haag, Arbeitskreis Dresden, zurzeit mit einer Gruppe von ehrenamtlichen Mitarbeitern der Kindernothilfe auf Projektreise in Südafrika (Fotos: Niklas Alof)

Manchmal braucht es ein Springseil, um die Stimmung aufzulockern. So war es jedenfalls im Straßenkinderprojekt Tennyson House in Durban. Was unsere Ehrenamtlichen dort erlebt haben, beschreibt Cornelie Haag.

Die Mitarbeiter des Straßenkinderprojekts Tennyson House, das die Kindernothilfe seit Jahren unterstützt, begleiten uns zu einem großen Raum, in dem sich rund zehn Kinder aufhalten. Da es regnet, sind es wohl weniger Kinder als sonst. Einige waschen am Eingang unter dem Vordach ihre Kleider. Ich beobachte ein Mädchen, das aus einem kleinen Rucksack Kleider herauszieht, sortiert und festlegt, welche sie waschen wird. Als sie sich bückt, rutscht ihr Pullover etwas nach oben, und ich sehe Narben auf ihrem Rücken. Sind es Narben von Zigaretten? Oder geht jetzt meine Fantasie mit mir durch?

Ich weiß ja nicht, was diese Kinder durchgemacht haben, warum sie von zu Hause weggelaufen sind und auf der Straße leben. Die anderen Mädchen und Jungen im Raum spielen. Ein Puzzle liegt auf dem Tisch, es gibt einen Tischkicker und einen kleinen Billardtisch, an dem zwei Kinder spielen. Der Junge hat dies schon öfters gemacht, er erklärt dem Mädchen, was zu tun ist, und macht bei ausweglosen Spielsituationen geschickte Stöße, um die weiße Kugel wieder frei zu bekommen.

 Wiebke Weinandt, Kindernothilfe-Referentin für das südliche Afrika, begleitet die Gruppe der Ehrenamtlichen.

Wiebke Weinandt, Kindernothilfe-Referentin für das südliche Afrika, begleitet die Gruppe der Ehrenamtlichen.

Sport und Musik bringt Menschen zusammen

Es ist schwer, mit den Kindern in Kontakt zu treten. Eine aus unserer Gruppe nimmt ein Springseil und hüpft sehr gekonnt damit herum. Das lockert die etwas steife Atmosphäre auf, und zwei andere Kinder nehmen es nun auch in die Hand und springen auf und ab. So einfach entsteht über ein Spiel Kontakt über die Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.

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Ein Springseil als Türöffner der Herzen

Nachmittags treffen wir die 14 Straßenmädchen zwischen zehn und 18 Jahren, die derzeit im Tennyson House leben. Sie haben sich entschieden, von der Straße wegzukommen, ihre Freiheit als Straßenkind aufzugeben. Sie wollen versuchen, eine Familie zu finden, die sie aufnimmt, wollen wieder zur Schule gehen, später einen Beruf erlernen.

Zuerst sind sie – wie auch wir – schüchtern und gehemmt. Sie singen uns zwei afrikanische Lieder vor – die wunderschönen, kraftvollen Stimmen der Mädchen bewegen uns sehr. Dann tragen sie zwei Gedichte vor, eines berührt uns besonders, es handelt von  Flüchtlingen und wie sie in der Gesellschaft aufgenommen werden. Wir erfahren, dass in Südafrika viele Flüchtlinge aus den umgebenden Staaten leben. Sie hoffen, hier bessere Bedingungen zu haben als in ihren Heimatländern. Südafrika, so erzählen uns die Mädchen, behandelt diese Flüchtlinge nicht immer gut.

Ein Rap-Song sorgt für Stimmung

Die Mädchen fragen uns, ob wir Lust haben, mit ihnen im Aufenthaltsraum zu spielen. Natürlich wollen wir, und dann passiert so etwas Wunderbares, wie ich es selten erlebt habe. Die Tische werden beiseite geräumt, wir bilden einen großen Kreis, und dann geht es los: Ein Mädchen ist die Vorsprecherin und im Stile eines Rap-Songs machen wir alle mit.

Alle machen mit

Alle machen mit – und haben Spaß dabei! (Foto: Wiebke Weinandt)

Welches Leid steckt hinter den fröhlichen Gesichtern?

Und so geht es weiter, der nächste Song, einige akrobatische Einlagen der Mädchen. Sie ziehen dann auch eine von uns in den Kreis und fordern sie auf, mitzumachen. Sie schwingt die Beine wie die Mädchen, wenn auch nicht so hoch. Wir alle lachen, sind fröhlich und verbringen eine wunderbare Stunde mit den Mädchen.

Und doch, wenn ich in diese Mädchengesichter schaue, überfällt mich immer wieder der Gedanke, welche Probleme hinter dem jetzt lachenden Gesicht verborgen sind: schwere Konflikte mit den Eltern, die die Sozialarbeiter versuchen zu lösen innerhalb des Jahres, die die Kinder hier sind. Verlust von Eltern, gibt es noch Großeltern, zu denen sie zurückgehen können? War es Missbrauch, das dieses lachende Mädchen vor einiger Zeit auf die Straße getrieben hat? Doch jetzt sind die Mädchen fröhlich, spielen, gehen zur Schule, bekommen einen Teil ihrer gestohlenen Kindheit zurück, und das ist viel wert.

Die Verabschiedung am Ende des Treffens ist herzlich: Die Kinder kommen auf uns zu, und wir umarmen uns. Ich wünsche ihnen allen eine gute Zukunft für ihr Leben.

Cornelie Haag, Kindernothilfe-Arbeitskreis Dresden

Ein gelungenes Treffen der Gruppen Und schnell noch ein Foto zur Erinnerung

Und schnell noch ein Foto zur Erinnerung…

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