Im Auge des Hurrikans: Port-à-Piment

Das Boot eines Fischers. (Fotos: Jürgen Schübelin)

Ein Boot eines Fischers. (Fotos: Jürgen Schübelin)

Von Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, zurzeit in Haiti

Port-à-Piment (14.10.2016) „Mat(thäus) 4.10“ (Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen) und „Sèl Jezi“ (Nur Jesus) hatte der Fischer auf sein Boot geschrieben, das jetzt zerstört am Strand liegt.

Er und seine Familie überlebten die apokalyptische Nacht vom 3. auf den 4. Oktober nur, weil sie auf den inständigen Rat ihres Schwagers hörten, der von Port-au-Prince aus per Handy unablässig gefordert hatte, sich in Sicherheit zu bringen. Am Ende retteten die Mauerreste einer vom Hurrikan Matthew schwer beschädigten Kirche den Menschen aus den Fischerhütten am Strand der Ortschaft Torbeck das Leben. „Wir haben die ganze Nacht gezittert und geweint“, sagt Noela (11), „alle dachten wir, dass wir jetzt sterben müssten. Die Nacht, der Sturm und der Regen hörten einfach nicht mehr auf.“

Als es am 4. Oktober endlich dämmerte, war von ihrer Welt und ihrem alten Leben nichts mehr übrig. Keine der Fischerhütten stand mehr, kein Baum, kein Haustier, kein Vogel hatte überlebt, die Boote am Strand waren zerschellt. Seit 1964 wurden die Menschen in Haiti nicht mehr von einem derart verheerenden Wirbelsturm heimgesucht.

Sehr viele Häuser und Hütten sind zerstört.

Sehr viele Häuser und Hütten sind völlig zerstört.

Epizentrum der Katastrophe

Port-à-Piment an der Südküste der Tiburon-Halbinsel ist zusammen mit der etwas weiter nördlich gelegenen Stadt Jérémie so etwas wie das Epizentrum dieser Katastrophe. Über Port-à-Piment zog das Auge des Hurrikans mit quälend langsamen sieben Stundenkilometern. Hier verwüstete Matthew 90 Prozent aller Häuser und Hütten, die Schulen, den Friedhof und die Kirchen. Meterhohe Brecher zerfetzten regelrecht die Gebäude, die am nächsten am Strand standen. Als die Menschen in die etwas höher gelegene Baptisten-Kirche fliehen wollten, hatte die bereits kein Dach mehr. Pastor Joseph holte so viele völlig durchnässte und verängstigte Menschen, wie sein Haus fassen konnte, zu sich herein: „Wir kauerten alle auf dem Boden, fassten uns an den Händen und beteten. Dabei regnete es unablässig. Der Regen kam nicht von oben, sondern mit dem Sturm vom Meer. Und er war salzig.“

Noch gibt es keine Klarheit darüber, wie viele Menschen bei dieser Katastrophe ums Leben kamen. Haitis Übergangsregierung versucht, die Zahlen möglichst niedrig zu halten, spricht von 450 Opfern. Unabhängige Journalisten, die alle Bürgermeister des Landes telefonisch befragt haben, kommen – ähnlich wie verschiedene UN-Organisationen – auf deutlich über 1.000 Tote. Keinen Dissens gibt es indes darüber, dass an der Südküste des Landes mindestens 30.000 Häuser und Hütten zerstört wurden – und insgesamt mehr als 1,4 Millionen Menschen von den Folgen des Wirbelsturms betroffen sind.

Port-à-Piment vor der Katastrophe im Jahr 2010.

Straße in Port-à-Piment im Jahr 2010.

Straße in Port-a-Piment nach Hurrikan Matthew 2016. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Straße in Port-à-Piment nach Hurrikan Matthew 2016.

 

Port-à-Piment war auch vor dieser entsetzlichen Hurrikan-Nacht immer schon ein bescheidener Ort gewesen, mit kleinen, im kreolischen Stil gebauten Häusern mit bunten Holztüren, zwei Kirchen, vielen Bäumen und einem wunderschönen, palmen-gesäumten Strand. Alles in allem zählte die Stadt 35.000 Einwohner. Die Menschen lebten vom Fischfang, Landwirtschaft und ein bisschen Handwerk. Von all dem ist nichts übriggeblieben. Oder fast nichts.

Brunnen als Lebensretter

Die Kindernothilfe hatte 2008, nach dem Hurrikan Ike, in Port-à-Piment den Bau von sieben Tiefbrunnen finanziert. Fünf von ihnen überstanden die Katastrophe ohne Beschädigungen. Über sie versorgen sich die Menschen mit Trinkwasser. In der schwülen Bruthitze bei tagsüber 31 Grad Celsius ist der Zugang zu sauberem Wasser überlebensnotwendig. Denn die Cholera bedroht auch in Port-à-Piment vor allem die Kinder und die alten Menschen. 62 Infektionsfälle hat die Leitung des kleinen Krankenhauses seit dem Hurrikan registriert, diejenigen Menschen in den abgelegenen Bergdörfern, die es nicht bis hinunter ins Zentrum geschafft haben und gestorben sind, nicht mitgezählt.

Das frische Wasser aus den Brunnen ist überlebenswichtig.

Das frische Wasser aus den Brunnen ist überlebenswichtig.

Zu den schmerzhaftesten Lücken, die Hurrikan Matthew riss, gehört auch die Berufsschule von Port-à-Piment, das Centre de Développment Côte Sud Haitï (CDCSH), mit dem die Kindernothilfe seit dem Erdbeben 2010 intensiv zusammenarbeitete. 80 junge Frauen und Männer wurden hier pro Jahrgang als Schneiderinnen, Schreiner, Schlosser, Elektriker und Flaschner sowie am Computer ausgebildet. Von hier stammt fast das gesamte Mobiliar der Schulen der Kleinen Schwestern und des Collège Véréna in Carrefour und Port-au-Prince, die die Kindernothilfe nach dem Erdbeben wiederaufgebaut hatte. Das komplette CDCSH-Schulgebäude, mit allen Werkräumen und einem Großteil seiner Ausstattung, ist seit der Nacht zum 4. Oktober nur noch eine Ruine – auch die mit Kindernothilfe-Mitteln geschaffene Computerklasse.

Zwischen Chaos und Schutt

Inmitten des Chaos und der Verwüstung arbeiten konzentriert zwei der Schreinerlehrer. Sie haben eine der Werkbänke gerettet und zimmern jetzt einen Sarg. Bestimmt ist er für einen Nachbarn, der in der Hurrikan-Nacht einige seiner Tiere von einem Feld retten wollte, dann aber selbst vom Wind erfasst und schwer verletzt wurde. Acht Tage nach der Katastrophe ist er jetzt gestorben.

In einer Schreinerwerkstatt: Ein Sarg wird hinausgetragen. (Quelle: Jürgen Schübelin)

Ständig kommen ehemalige Schüler des CDSCH auf das Areal und bestürmen Reinhard Schaller, den langjährigen Leiter des Projektes und Fachlehrer für Schweißen, möglichst schnell mit dem Wiederaufbau der Berufsschule zu beginnen. Mehrere Lehrer und Schüler packen einfach sofort an, beginnen mit den Aufräumarbeiten, beseitigen mit bloßen Händen Mauerreste, Wellblechplatten und Schutt. Auf einem Teil des Ruinengeländes soll in zwei Tagen ein Child friendly Space, ein Kinderzentrum, seine Arbeit aufnehmen.

Kinderzentren

In rund 800 Meter Entfernung, im Schatten der schwer beschädigten Kirche von Pastor Joseph, gibt es ein derartiges Kinderzentrum bereits. 60 Mädchen und Jungen singen mit Inbrunst, zehn weitere schauen noch von außen zu. Madame Arnaude hat das Heft fest in der Hand. Sie bringt die Kinder dazu, zu klatschen, zu singen, zu tanzen. Als sie dann die Geschichte von David und Goliath erzählt und erklärt, dass auch die Kleinen, wenn sie mutig sind und auch ein bisschen schlauer als die ganz Großen, sogar die Angst besiegen können, hängen ihr die Kinder gebannt an den Lippen. Vielen Mädchen und Jungen ist das Entsetzen aus der Nacht mit dem Monstersturm noch ins Gesicht geschrieben.

Madame Arnaude verfügt über Kindergottesdienst-Erfahrung. Das ist in dieser Situation Gold wert. Zunächst vier derartige Kinderzentren wird es im Port-à-Piment geben: Das dreiköpfige Organisationskomitee aus Pastor Joseph, dem Leiter der zerstörten Berufsschule, Dulice Nelson, und ihrem Administrator, Bienaime Faner, haben sich mit den Nachbarn beraten und vier verschiedene Orte identifiziert, die allerdings zum Teil erst vom Schutt befreit werden müssen, ehe dort mit Kindern gearbeitet werden kann.

Madame Arnaude und eine Gruppe von Kindern in der Ruine der Kirche.

Madame Arnaude und eine Gruppe von Kindern in der Ruine der Kirche.

Sobald wie möglich, soll die Arbeit in Kinderzentren dann auch auf die umliegenden Dörfer ausgeweitet werden. Angelegt ist dieses Nothilfe-Projekt für eine Übergangsphase, bis in einigen Monaten die Schule wieder beginnen kann.

Kindernothilfe-Haiti gelang es indes, mit mehreren Fahrzeugen von Port-au-Prince aus jede Menge Kekse, Saft und kalorienhaltige Süßigkeiten nach Port-à-Piment zu schaffen, um den Mädchen und Jungen auch etwas zum Essen und Trinken anbieten zu können. Und aus Léogâne, einem der Orte, der im Januar 2010 bei dem Erdbeben am stärksten verwüstet wurde, wird Madame Edouine, eine begnadete Vorschulpädagogin und Expertin für Kinderzentren von der Kindernothilfe-Partnerorganisation AGREDERP, zu dem Team in Port-à-Piment stoßen, um ihre Erfahrungen aus der Arbeit mit Mädchen und Jungen nach dem Erdbeben weiterzugeben.

Von Glück und Leid

Und noch eine Geschichte hören wir an diesen Tagen in Port-à-Piment gleich mehrfach: Die von einer Familie aus einem der Bergdörfer, in der der Vater mit seiner Frau und den Kindern aus der eingestürzten Hütte vor dem Sturm fliehen wollte und dann miterleben musste, wie ihm der Hurrikan sein einjähriges Töchterchen aus dem Arm riss und durch die Luft schleuderte. Alle verzweifelten Versuche, das Kind zu finden, waren vergeblich. Erst nach zwei Tagen – und mehrere hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem das Kind verloren ging – entdeckten Nachbarn das Mädchen schließlich unter umgerissenen Bäumen und Gestrüpp – weitestgehend unverletzt.

„Matthew hat nichts mit dem Matthäus aus der Bibel zu tun“, sagt Pastor Joseph, der es schließlich wissen muss, „aber er ist eine entsetzliche Prüfung, die die Menschen an dieser Küste bestehen müssen. Und wir wissen, dass das viele Jahre dauern wird. Was wir nicht wissen, ist, wie diese Prüfung am Ende ausgeht“.

Zwischen den Ruinen laufen Kinder zu den Brunnen.

Zwischen den Ruinen laufen Kinder zu den Brunnen.

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