Honduras-Tagebuch: Britany wird Psychologin

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

Britany kann heute wieder glücklich in die Zukunft blicken. Fotos: Christoph Dehn

„2022 bin ich Psychologin“, sagt Britany (Name geändert), eine muntere Fünfzehnjährige mit strahlendem Gesicht. Sie meint das sehr ernst, und das hat mit ihrem bisherigen Leben zu tun.

Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, Tegucigalpa, 11.10.2016

Britany ist die Jüngste, sie hat einen Bruder und vier Schwestern. Die Älteste ist 32. Als Britany fünf war, trennten sich ihre Eltern. Der Vater war Alkoholiker. Zwei Jahre später brachte die Mutter einen neuen Mann mit. Ein neuer Vater, ein zusätzlicher Versorger, es begann eine wunderbare Zeit. Aber als Britany mit ihrer Mutter bei dem neuen Mann einzog, wendete sich das Blatt. Aus dem liebevollen neuen Partner der Mutter wurde ein gewalttätiger Tyrann. Im Streit setzte er der Mutter eine Machete an den Hals. Als Britany ihrer Mutter helfen wollte, hatte sie plötzlich auch die Machete am Hals.

Gewalt ist in Honduras alltäglich

Honduras, die Heimat von Britany, ist eins der gewalttätigsten Länder der Welt. Jedes Jahr werden rund 90 von 100.000 Einwohnern umgebracht. Viele davon sind Kinder und Jugendliche. Die Täter werden selten gefasst und noch seltener verurteilt. Fast jede Familie hat schon Angehörige durch Mord verloren, fast jedes Kind hat selbst Gewalt erlebt.

Während ich mit Britany spreche, in einer großen, grauen Halle über dem zentralen Markt von Tegucigalpa, lungern am Treppenaufgang zwei schwer bewaffnete Militärpolizisten in Tarnanzügen herum. Ich frage Britany, ob die beiden zu unserem Schutz da seien. Nein, Schutz könne man von der Militärpolizei nicht erwarten. Im vergangenen Jahr sei sie von einem unter Drogen stehenden jungen Mann beraubt worden. Der habe ihr ein Messer an den Bauch gedrückt. Direkt daneben hätten zwei Polizisten gestanden und nichts getan. Britany meint, die Polizei stecke eh mit den Banden unter einer Decke, die Beute würde geteilt. Nein, eigentlich sei die Polizei sogar schlimmer, die Banden zeigten wenigstens einen Rest von Respekt vor den Menschen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

COIPRODEN zeigt den Kindern: Hand in Hand können sie gegen die Gewalt angehen.

Unterstützung für 750 Marktkinder

Respekt der Banden, darauf setzen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Alternativas y Oportunidades, einer Organisation im Netzwerk des Kindernothilfe-Partners COIPRODEN. An diesem Nachmittag in der Halle über dem Markt tragen sie orangefarbene T-Shirts mit dem Logo der Organisation. Die schützen sie vor den Angriffen der Banden in den gefährlichen Vierteln um den zentralen Markt der honduranischen Hauptstadt.

Sie sind hierher gekommen, um mit den Kindern aus dem Viertel zu sprechen. Kinder, die vielleicht sieben Jahre alt sind, aber schon arbeiten müssen. Sie helfen ihren Eltern auf dem Markt, tragen die Taschen der Kunden nach Hause oder helfen wie Britany ihren Müttern beim Müllsammeln und Recyceln. Darüber bleibt oft keine Zeit für die Schule. Mit Mitteln der Kindernothilfe unterstützt Alternativas y Oportunidades inzwischen 750 Marktkinder. Es gibt kleine Stipendien, Schuluniformen, Bücher, Hefte, Stifte. Das bedeutet für viele Kinder die Chance, endlich zur Schule zu gehen.

Unterrichtsstoff: Was macht Mädchen und Jungen aus?

Darüber hinaus gibt es hier einmal in der Woche spannenden „Zusatzunterricht“. Vielleicht 40 Sieben- bis Zwölfjährige sprechen darüber, was ein Mädchen und was einen Jungen ausmacht. Sie sortieren Dinge wie Kochen, Bügeln, Penis, Waschen, Kinder Erziehen, Vagina, Putzen danach, was nur zu Männern, nur zu Frauen oder zu beiden gehört. Die Zettel mit den Wörtern kleben sie unter große Wandbilder von Jungen und Mädchen. Schnell sind sie sich einig, dass die meisten Zettel in die Mitte geklebt werden müssen, sowohl zu Frauen wie zu Männern gehören.

Ein paar Schritte weiter liegen kleinere Jungen und Mädchen auf einer Plane und malen ein Bild aus. Darauf stehen ein Junge und ein Mädchen nebeneinander, Hand in Hand, und halten beide das gleiche Spielzeug, ein Buch, ein Köfferchen mit einem Herzen darauf, und eine Ente mit Rädern. Was macht ein Mädchen aus, was einen Jungen?

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Die Mädchen und Jungen malen gemeinsam Bilder aus.

Spaß an der Arbeit mit Kindern

Britany hilft jetzt hier schon manchmal aus. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Nach all den furchtbaren Erfahrungen mit ihrem Stiefvater hatte sie fast aufgehört zu sprechen. Sie traute keinem mehr. Sie hatte Angst vor allen. Doch dann nahm eine Freundin sie mit zu COIPRODEN. Da hatte sie eigentlich noch mehr Angst; Angst, ausgelacht zu werden, weil ihre Eltern nur Müllsammler sind. Angst davor, wegen ihrer furchtbaren Erfahrungen verachtet zu werden.

Aber dann wurde es anders. Bei COIPRODEN bekam sie Unterstützung, psychologische Hilfe und ein Stipendium. Sie traf andere Kinder, die ähnlich schreckliche Erfahrungen hinter sich hatten. Sie wurde in die „School of Leaders“ eingeladen, eine Fortbildungsgruppe für Freiwillige. Nach und nach wurde ihre Angst kleiner. Sie fand heraus, dass es ihr Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten, anderen zu helfen. Und Britany hat gelernt, anderen wieder zu vertrauen. Ich spüre es an ihrer offenen Art, an dem gewinnenden Lächeln, dass Britany eine junge Frau geworden ist, die viel schaffen kann.

Berufsziel Psychologie

Auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist durch Britanys Entwicklung besser geworden. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass der Stiefvater im Februar nach Mexiko verschwunden ist. Davor hatte er noch einmal eine ganze Nacht lang Britany und ihre Mutter terrorisiert, geschlagen und zu Boden geworfen. Anschließend hatte er die Handys in der Wohnung zerstört, damit die beiden keine Hilfe alarmieren konnten. Aber nun ist er weg.

Jetzt ist Britany in der 10. Klasse. Noch zwei Jahre bis zum Abschluss der Sekundarschule. Ich frage sie, was sie danach machen will. Ihre Antwort kommt schnell und entschieden: „Ich will studieren. 2022 bin ich Psychologin.“ Da denke ich an den Weg, den sie schon hinter sich hat und bin überzeugt, Britany wird eine sehr gute Psychologin.

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