Uganda: Die Stimme der Frauen hat Gewicht

Ein Treffen der Umbrella-Federation im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Foto: James Ongu

Ein Treffen der Umbrella-Federation im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Foto: James Ongu

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht zurzeit Projekte in Uganda. In unserem Blog berichtet sie von ihren Begegnungen und Erlebnissen.

Mittwoch, 27.04.2016

Es ist Regenzeit, und in dem Distriktstädtchen Mbale im Nordosten Ugandas erlebe ich sie besonders intensiv. Schwere Wolken hängen tief über den Häusern,  alle paar Stunden schütten sie gewaltige Fluten auf die Erde. Auf den Feldern in der Region herrscht Hochbetrieb: Rindergespanne ziehen tiefe Furchen in den satten Ackerboden,  auf jedem noch so kleinen Stückchen Land sind Frauen mit Spitzhacke am Jäten.  Wer unterwegs vom Regen überrascht wird, sucht sich möglichst schnell einen trockenen Unterstand  oder macht es wie die Schulkinder und pflückt sich von der nächsten Bananenstaude ein großes Blatt als Regenschirm.

Einen Regenschirm der besonderen Art besuche ich heute. Drei Kindernothilfe-Partner, die im Mbale Distrikt in unterschiedlichen Regionen Projekte betreuen, haben sich 2012 zu einer „Umbrella Federation“ zusammengeschlossen. In diesem Verbund arbeiten jetzt 46 delegierte Frauen aus 23 Selbsthilfegruppen-Clustern zusammen, die insgesamt 374 Selbsthilfegruppen (SHG) vertreten.  „Wir sprechen für mehr als 7.000 Frauen“, erklärt die Präsidentin der Federation bei unserem Treffen im Parlamentssaal des Distrikt Councils. Der Saal wurde ihnen für den heutigen Besuch vom Distriktkommissar zur Verfügung gestellt.

Die Delegierten haben zum Teil mehrere Stunden Anreise hinter sich, dennoch folgen sie den Ausführungen ihrer Präsidentin aufmerksam, unterstützen manche Erklärung mit Applaus oder zustimmendem Gelächter.  In den vier Jahren seit Gründung der Federation haben sie schon einiges erreicht, erfahre ich. So haben sie mittlerweile ein tragfähiges Netzwerk geknüpft, in dem die Regierungsstellen im Distrikt, in den Subdistrikten und genauso Polizei, Krankenhäuser und Schulen  eingebunden sind. Ihre Schulungen, in denen sie die Teilnehmer für Frauen- und Kinderrechte sensibilisieren, bewirkten unter anderem, dass vorher nur für Jungen zugängliche Schulen auch für Mädchen geöffnet wurden. Impfkampagnen,  überregionale Aktionstage wie der „Uganda Human Rights Day“, Kampagnen gegen Kinderarbeit, Bewässerungsprojekte, Errichtung neuer Gesundheitszentren, eine Sekundarschulgründung – die Liste ihrer bisherigen Erfolge ist lang.

Die Präsidentin der Federation wurde sogar schon von Präsident Museveni empfangen. Foto: James Ongu

Die Präsidentin der Federation wurde sogar schon von Präsident Museveni empfangen. Foto: James Ongu

Mindestens genauso lang ist aber auch die Aufzählung der Herausforderungen:

Rund eine Million Waisen leben in Uganda. Entweder haben sie durch HIV und Aids einen oder beide Elternteile verloren, oder der langanhaltende Bürgerkrieg im Norden des Landes hat sie ihnen genommen. Im Mbale Distrikt ist vor allem die Zahl der Aidswaisen dramatisch hoch.  Sie sind bei den mehr als 11.000 Kindern aus den SHGs noch gar nicht mitgezählt. Aber die Federation-Frauen haben sie im Blick und im Herzen, organisieren Strukturen, wie die Gemeinden diese Kinder aufnehmen, schützen und stärken können.  Im Mai werden sie vier neue Cluster-Organisationen gründen und ihnen dann bei der Gründung neuer Selbsthilfegruppen unter die Arme greifen. Und gleichzeitig werden sie ihre Lobby- und Advocacyarbeit verstärken. Sie wissen: Ihre Stimme hat Gewicht, im Distrikt und auch national. Selbst der gerade erst für seine fünfte Amtszeit wiedergewählte Staatspräsident Museveni hat die Federation-Präsidentin schon empfangen.  „Wenn es hilft, würde ich auch wieder nach Kampala gehen“, erklärt die selbstbewusst. Ich glaube ihr sofort, dass sie für mehr staatliche Unterstützung auch diese Reise auf sich nehmen würde – obwohl sie in ihrem Dorf neben den eigenen Kindern noch eine ganze Reihe von bei sich aufgenommenen Waisenkindern zu versorgen hat. Und ich bin mir sicher, dass sie  empfangen werden würde. Die starken Frauen aus Mbale lässt auch ein Regierungschef nicht im Regen stehen.

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