Somaliland: Ein ungewöhnlicher Hochzeitsschmaus

Katrin Weidemann besucht die engagierten Frauen einer Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann besucht die engagierten Frauen einer Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Somaliland und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Mittwoch, 24. Februar 2016, nachmittags

Der Nachmittag führt uns in die Wüste. Anfangs durch den dicken Stadtverkehr Hargeisas, dann durch Vororte mit Wellblechhütten und zusammengeflickten Zelten.  Unser Allradauto durchquert mühelos ausgetrocknete Flussbette, in denen sich statt Wasser alte Plastikflaschen, Kanister und anderer Unrat sammeln. In den Dornenbüschen am Ufer haben sich Mülltüten verfangen und leuchten wie bunte Blüten zwischen den staubigen Ästen.  Auf den letzten Kilometern über weiche Sandpisten begegnet uns nur ab und an eine Kamelherde.

Ein Treffen einer Frauen-Selbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

„Dalsan“ – grünes Land –  haben die Frauen ihre Gruppe genannt. (Quelle: Karl Pfahler)

Dann erreichen wir die Frauen. Auf Matten sitzen die Mitglieder der Selbsthilfegruppe im Kreis, das spärliche Gestrüpp um sie herum gibt keinen Schatten, aber bietet wenigstens etwas Schutz gegen den leichten Wind, der die Sandkörner durch die Luft wirbelt. „Dalsan“ steht auf dem großen Plakat in ihrer Mitte, und darunter sehe ich das Bild eines üppig grünenden Baums, der seiner Umgebung reichen Schatten spendet. Dalsan, grünes Land, haben die Frauen ihre Gruppe getauft und damit ihren wöchentlichen Treffen ein Motto und ihrer Arbeit ein Ziel gegeben. Sie, die in der steinig kargen Landschaft am Rande der Wüste leben, wünschen sich ein Leben wie auf grünem Land: ein Leben, das Frucht bringt, in dem sich – auch im übertragenen Sinn – ertragreich ackern lässt, das aber auch Zeiten kennt, die dem Ausruhen im kühlen Schatten eines schützenden Baums gleichen.

Der Schatz in der Blechkiste

Die Geldkiste der Frauengruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Die Geldkassette der Frauengruppe. (Quelle: Karl Pfahler)

Dass sie selbst etwas in ihrem Leben verändern können, das vermochten sich die Frauen bei der Gründung ihrer Gruppe im November 2014 nicht vorstellen. „Wir hier können doch nichts erreichen.“ Jede Woche einen Sparbetrag zurücklegen? Sich gegenseitig davon Darlehen als Anschubfinanzierung für ein eigenes kleines Geschäftsmodell geben? Nein, erinnert sich Fatuma, die von Anfang an dabei ist, wir dachten, das Geld sehen wir nie wieder. Was, wenn eine mit dem ganzen Geld weggeht? „It´s impossible!“ Sie schüttelt nachträglich noch den Kopf, wenn sie daran zurückdenkt. 3.000 Somali-Shillings, umgerechnet ein halber US-Dollar, war der Betrag, den jede von ihnen dennoch wöchentlich in die große Blechkiste legte, trotz mancher Skepsis. „Now we understand“, lacht Fatuma und zeigt in die Runde.

Zum dritten Mal hat jede der Frauen mittlerweile die Möglichkeit, ein Darlehen aus der Gruppenkasse für drei Monate abzurufen. Zwei von ihnen haben mit ihrem Darlehen einen kleinen Laden eröffnet, eine ist jetzt als „milkwoman“ unterwegs, andere verkaufen Salz oder Wasser, kochen Tee in einem Kiosk oder handeln mit Weihrauch. Über vier Millionen Somali-Shillings (umgerechnet rund 600 US-Dollar) haben sie bereits als Gesamtkapital angesammelt, die Blechbüchse mit den Einlagen hüten sie im rollierenden System. Neben ihrem Wirtschaftskapital bestücken sie auch noch einen Extratopf für „social savings“. Damit unterstützen sie einzelne Frauen in schwierigen Lagen: bei Krankheit, um Arztkosten und Medizin zu bezahlen, nach einer Geburt oder wenn es einen Todesfall in einer Familie gibt.

Auch für ihre Kinder „grünt“ das Leben mittlerweile

Die Frauen haben Ideen und die Power, Veränderungen in ihrem Umfeld zu bewirken. (Quelle: Karl Pfahler)

Die Frauen haben Ideen und die Power, Veränderungen in ihrem Umfeld zu bewirken. (Quelle: Karl Pfahler)

Ihre Situation hat sich deutlich verbessert, seit ihre Mütter in der Selbsthilfegruppe sind. Fatuma kann – anders als früher – mittlerweile drei ihrer fünf Kinder zur Schule schicken, die jüngsten sind noch zu klein. Auch die anderen Frauen finanzieren mit ihren Einnahmen den Schulbesuch ihrer Kinder: Uniformen, Hefte, Stifte und den Bustransport zur Schule – bei acht oder zehn Kindern keine unerheblichen Ausgaben! Und natürlich profitieren die Kinder von dem, was ihre Mütter im begleitenden Training in der Gruppe zu Themen wie Hygiene, Gesundheit oder Ernährung lernen: So steht auf vielen Speiseplänen mittlerweile regelmäßig auch Milch und Obst.

Auf der To-do-Liste weit oben: der Bau von besseren Häusern. (Quelle: Karl Pfahler)

Auf der To-do-Liste weit oben: der Bau von besseren Häusern. (Quelle: Karl Pfahler)

Was die Frauen seit November 2014 bereits geschafft haben, ist beeindruckend. Und ihre Pläne für die Zukunft sind nicht minder ehrgeizig. Zugang zu Wasser, steht auf ihrer Liste ganz oben: Das muss bis jetzt von weit entfernt herangeschafft werden. Den Bau besserer Häuser wollen sie in Angriff nehmen: Manche sind in Wellblechhütten untergebracht, die bei der immensen Hitze tagsüber kaum zu betreten sind. Auch die lang versprochene Straße zu ihrer Siedlung soll endlich gebaut werden. Und weil es weit und breit keine Sekundarschule für ihre Kinder gibt,  hat die Gruppe zwei Frauen abgesandt in die Regionalvertretung der Selbsthilfegruppen: Dort, auf der Clusterlevel-Ebene (CLA), sollen sich Frauen wie Fatuma stark machen, dass die Regierung tätig wird.

Frauen mischen die Regionalregierung auf

Beim Treffen mit den CLA-Vertreterinnen später am Nachmittag treffen wir Fatuma wieder. Sie braucht beide Hände, um aufzuzeigen, welche Aufgaben alle vor ihnen liegen. Da ist eben der Schulbau. Ein medizinisches Training für die Frauen wollen sie organisieren, damit sie sich und ihre Familien bei kleineren Verletzungen und Krankheiten besser versorgen können. Und einen richtigen Arzt brauchen sie in der Region für die schlimmeren Leiden. Auch Angebote für ihre Söhne, ein Handwerk zu lernen, fehlen bisher. „Die sitzen jetzt nur zu Hause und haben nichts zu tun.“  Einen Termin bei der Regionalregierung haben sie schon vereinbart. Und in die Ministerien nach Hargeisa sei es ja auch nicht so weit, meint Fatuma und reckt ihr Kinn energisch nach vorn.

Ich bin beeindruckt von ihrer Energie und ihrem Tatendrang. Und traue mich, sie schließlich auch nach ihrem Mann zu fragen. Was der denn von ihrem Engagement hält? Fatuma gluckst und stößt ihre Nachbarin mit dem Ellbogen an. Beide brechen in lautes Gelächter aus. „Unsere Männer waren anfangs SEHR skeptisch“, bringen sie schließlich heraus. „Als wir die ersten Male zur Selbsthilfegruppe gingen, waren sie nicht einverstanden. Was macht ihr da, fragte mein Mann. Warum bringst du da Geld hin?“ Mittlerweile, und jetzt schwillt ihr Gelächter noch mehr an, mittlerweile wäre es ihr Mann, der sie jede Woche erinnert, ja nicht ihre Gruppe zu versäumen. „Er sieht, dass die Kinder neue Kleider haben. Er bekommt besseres Essen. Das gefällt den Männern!“

Das kostbarste Essen im ganzen Land

Feierlich wird das Gefäß mit dem kostbaren Inhalt ausgepackt. (Quelle: Karl Pfahler)

Feierlich wird das Gefäß mit dem kostbaren Inhalt ausgepackt. (Quelle: Karl Pfahler)

Dass bei aller Arbeit und allem Engagement auch die Frauen zu feiern verstehen, das zeigen sie uns zum Abschluss unseres Besuchs. Tanzend und singend haben sich gut 200 Frauen aus den acht in der CLA zusammengeschlossenen Gruppen vor dem Gemeindecenter versammelt. Ihr auf- und abschwellende Gesang wird immer wieder unterbrochen durch lautes Trillern und viel Gelächter, es herrscht Volksfestcharakter. Als Ehrengast darf ich auf der schattigen Veranda des Zentrums Platz nehmen. Während mir ein Deutschlandfähnchen in die Hand gedrückt wird, mit dem ich der Menge bitte fröhlich zurückwinken möge, bringen zwei Frauen die großartige Überraschung für uns Besucher: ein in weiße Tücher gewickeltes, mit roter Schnur mehrfach umwickelt und verknotetes, trommelförmiges Teil, die Hero.

Der Schleier, der darüber liegt, soll zeigen: Hier handelt es sich um eine Braut. Und tatsächlich, wird mir erklärt, ist das, was sich im Inneren des Behältnisses befindet, das kostbarste und beste Essen, das in ganz Somaliland zu finden ist. Es wird speziell für Hochzeiten hergestellt, und ein Löffel davon würde genügen, dem Bräutigam Kraft für eine lange Nacht zu geben.

In diesem Gefäß befindet sich der Hochzeitsschmaus. (Quelle: Karl Pfahler)

In dieser „Hero“ befindet sich der Hochzeitsschmaus. (Quelle: Karl Pfahler)

Zusammen mit einem Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisation darf ich das Paket öffnen und zuerst einmal Knoten für Knoten der roten Schnur lösen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bei Hochzeiten eine erste gemeinsame Aufgabe für das junge Paar ist (und hoffe, dass meine Mitwirkung an der Auswickelaktion nicht als Zustimmung verstanden wird, dass ich dem jungen Mann neben mir nun auf immer und ewig verbunden bin). Als der letzte Knoten gelöst und das weiße Tuch entfernt ist, kommt ein mit Leder und Muscheln verzierter Korb zum Vorschein. Auch der wird geöffnet und gibt den Blick frei auf eine Haube, die von ihrer Farbe und Zusammensetzung an Kamel-Dung erinnert. In Wirklichkeit ist sie aber eine feste Dattelmasse, die den kostbaren Inhalt luftdicht verschließt. Der junge Mann neben mir zückt ein Messer und schneidet mit wenigen Schnitten die Spitze der Haube ab.  Jetzt kann ich ins Innere sehen: Dort schwimmen in einem See von lokaler Butter kleine Teile von gedörrtem Kamelfleisch.

Alles in Butter – nicht nur im Hochzeitsschmaus

Eine Delikatesse: Eine Masse aus Datteln umhüllt in Butter schwimmendes Kamelfleisch. (Quelle: Karl Pfahler)

Eine Delikatesse: Eine Masse aus Datteln umhüllt in Butter schwimmendes Kamelfleisch. (Quelle: Karl Pfahler)

Auch wenn mir keine Hochzeitsnacht bevorsteht, bin ich bereit, davon zu probieren. Aber, da bin ich mir mit meinen Nachbarn einig: ein Löffel genügt ja. Ein Jahr lang, wird mir erklärt, hält das Hochzeitsessen unter der Dattelmasse. So wie es im Korb verpackt ist, kann es gut z.B. auf einem Kamel befestigt und mit auf Reisen genommen werden. Und wenn die rechte Braut gefunden ist, dann zückt der Bräutigam das Messer. Es ist angesichts der FGM-Thematik ein verstörendes Bild, das sich plötzlich hier im Festmahl widerspiegelt. Denn angesichts der Infibulation der Frauen ist es traditionell tatsächlich erste Aufgabe des Ehemanns in der Hochzeitsnacht, ein Messer zu gebrauchen.

Es wird schon dunkel, als wir das Fest der Frauen verlassen. Ich kann ihr Trillern und ihr Lachen noch lange hören. Mit Vergnügen haben sie den Inhalt der Hero unter sich aufgeteilt. Zumindest für heute, anlässlich unseres Besuchs, konnten sie es genießen. Heute war auch für sie beim Öffnen der Hero alles in Butter.

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