Die Gefängniskinder von Kalutara

Text und Fotos: Christoph Dehn,
stellv. Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzender

Colombo, 03.12.2015

Roshani und Kirusha sitzen im Gefängnis von Kalutara, 40 km südlich von Sri Lankas Hauptstadt Colombo. Sie leben hinter hohen Mauern, Stahltoren und Stacheldraht. In 14 Monaten werden sie das Gefängnis verlassen können. Dann ist die Strafe abgesessen; nach fast zwei Jahren werden sie sich endlich wieder frei bewegen können. Eigentlich wird den beiden nicht viel vorgeworfen. Roshani ist drei Jahre alt, ihr Bruder Kirusha ist zwei. Ihre Mutter Rethmika wurde zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen des gleichen Delikts sitzt auch ihr Mann im Gefängnis.

Natürlich sind die Namen erfunden. Vielleicht denken die Nachbarn, dass die Eltern für eine Weile der Arbeit wegen woanders hingezogen sind. Im Dorf sollen sie nicht wissen, dass die ganze Familie einsitzt. Und da sich nun niemand um die Kinder kümmern kann, sieht das srilankische Strafrecht vor, dass Kinder bis zu fünf Jahren mit ihren Müttern in die Haft gehen dürfen. Immer wieder werden Kinder auch im Gefängnis geboren. Im Januar nachdem ein Kind fünf geworden ist, muss es in die Schule und deswegen Mutter und Gefängnis verlassen. Manche Kinder sehen dann zum ersten Mal in ihrem Leben die Welt jenseits der Mauern.

Rethmika erzählt ihre Geschichte so: Eines Abends wurde sie auf dem Rückweg von der Arbeit von Männern angehalten, die sie für Polizisten hielt. Die wollten ihren Ausweis sehen und behielten ihn gleich ein. Dann befahlen sie Rethmika, in ihren Van einzusteigen. Der Wagen fuhr an, einer der Männer begann sie zu belästigen. Daraufhin fing Rethmika an laut zu schreien. Schließlich hielt der Wagen, sie konnte entkommen. Aber sie war so schlau, sich das Nummernschild zu merken. Als sie das Fahrzeug ein paar Tage später wieder in der Nachbarschaft entdeckte, rief ihr Mann ein paar Freunde zusammen. Sie stellten denjenigen, der Rethmika den Ausweis abgenommen und sie belästigt hatte. Der Ehemann schlug ihn zusammen und nahm ihm nun seinen Ausweis ab. Wenig später wurden beide zu gleich langen Freiheitsstrafen verurteilt und in getrennte Gefängnisse eingewiesen.

Ob die Männer im Auto Polizisten waren? Wer weiß das schon. Ob die Geschichte sich genau so oder vielleicht ein bisschen anders zugetragen hat, auch das werden wir nicht erfahren. Aber dass Roshani und Kirusha nun mit ihrer Mutter im Frauengefängnis von Kalutara leben, das ist eine Tatsache.

In Kalutara ist einiges anders als in anderen Gefängnissen. Zurzeit gibt es hier 9 Kinder, aber die Zahl ändert sich ständig, denn Kalutara ist auch ein Untersuchungsgefängnis. Die Frauen und ihre Kinder kommen und gehen, meist sind es mehr als jetzt. In diesem Gefängnis und dem von Welikada hat die Kindernothilfe-Partnerorganisation SERVE die Betreuung der Kinder übernommen. Zu essen bekommen die Kinder vom Gefängnis schon; im Vergleich zu anderen Ländern ist das Essen hier nicht einmal schlecht. Aber es ist eben Erwachsenenessen. SERVE sorgt dafür, dass die Kleinen kindgerechte Zusatznahrung bekommen. Aber mindestens so wichtig ist der Kindergarten, den unsere Partnerorganisation betreibt. Hier können Roshani, Kirusha und die anderen spielen, lernen, toben, singen und sich frei entwickeln. Material, Kleidung, Kindermatratzen und Moskitonetze hat die Kindernothilfe zur Verfügung gestellt. Auch die größeren Kinder der Gefangenen, die draußen zur Schule gehen, und ohne ihre Mütter zurecht kommen müssen, erhalten über SERVE Unterstützung.

Wie ist es denn, mit den Kindern weggesperrt zu sein? Rethmika lächelt. Es hilft ihr sehr, die beiden dabei zu haben. Endlich hat sie Zeit für die Kinder, mehr als genug Zeit. Früher hat sie im Krankenhaus gearbeitet, hatte einen langen Weg zum Arbeitsplatz. Um das Essen muss sie sich jetzt keine Sorgen machen. Ihre Kinder werden wunderbar gefördert, dafür ist sie dankbar, wenn sie sich abends in dem Mutter-Kind-Schlafsaal neben die beiden auf den Boden legt.

Und was kommt nach dem Gefängnis? Rethmika hat an ein paar Kursen von SERVE teilgenommen. Sie kann jetzt etwas nähen, kann Briefumschläge und Schulhefte herstellen. Das müsste reichen, um zusammen mit ihrem Mann die Familie durchzubringen. Später sagt der Gefängnisdirektor über einer Tasse Tee in seinem Büro, das Ziel der Freiheitsstrafe sei in allererster Linie Resozialisierung, nicht Bestrafung. Dann ist es vielleicht kein Zufall, dass in seinem Gefängnis überall Büsche und Bäume wachsen und Blumen blühen. Rethmika, Roshani und Kirusha werden jedenfalls vorbereitet sein, wenn sich in 14 Monaten die Gefängnistore für sie öffnen.

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