Acht Kinder, zehn Morde

Die Mädchen und Jungen aus der Vormittags-Gruppe des "Kinder-stärker-machen"-Workshops unseres Partners CEDECA in Natal

Die Mädchen und Jungen aus der Vormittags-Gruppe des „Kinder-stärker-machen“-Workshops unseres Partners CEDECA in Natal

Text: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender
Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Recife, 20.10.2015

Ricardo war 10, als er entführt wurde. Eigentlich heißt der Junge anders, weil aber hier von seinen schrecklichen Erlebnissen die Rede sein soll, nenne ich ihn Ricardo. Er war bei seiner Großmutter, als Männer mit einem Lkw kamen und ihn in den Wagen zerrten. Die Großmutter, nennen wir sie Socorro, denkt, die Eltern von Ricardo waren in krumme Geschäfte verwickelt, die schiefgegangen sind. Der Junge wurde als Faustpfand gegen seine Eltern entführt. Aber Socorro ist eine energische Frau. Für eine Großmutter ist sie auch nicht alt. Ihr erstes Kind bekam sie mit 15, mit 34 hatte sie ihren ersten Enkel. Socorro sprang also auf, fing an, fürchterlich zu schreien, und lief hinter dem Laster her. Gebt mir den Jungen wieder! Anhalten, sofort! Das alarmierte auch die Nachbarn, und zusammen gelang es ihnen, den Lkw zu stoppen und Ricardo wieder herauszuziehen.

Die Entführung gab den endgültigen Anstoß. Socorro holte Ricardo und seine beiden jüngeren Geschwister aus der Wohnung ihrer Tochter und behielt sie bei sich. Nie wieder sollten die Enkel unter den schmutzigen Geschäften ihre Eltern leiden. Es gab auch noch andere Gründe. Im Haus ihrer Tochter herrschte die Gewalt. Als Ricardos Mutter mit ihm schwanger war, schlug ihr Mann sie bewusstlos. Doch auch die Mutter war gewalttätig. Fünf Jahre lang, seit seinem fünften Lebensjahr, musste Ricardo die Schläge seiner Mutter ertragen. Und den Geschwistern erging es nicht besser.

 In Natal grenzen die Armenviertel - wie in vielen anderen brasilianischen Großstädten - unmittelbar an die Zonen der Reichen


In Natal grenzen die Armenviertel – wie in vielen anderen brasilianischen Großstädten – unmittelbar an die Zonen der Reichen

„Wer hat schon einmal einen Mord mitbekommen?“

Das war vor acht Monaten. Socorro erzählt, wie sie die Kinder wieder eingeschult hat. Die Mutter hatte die drei nie zur Schule geschickt. Deswegen hatte sie die Bolsa Familia, eine an Bedingungen geknüpfte Sozialhilfe, verloren. Jetzt besuchen die Kinder die städtische Grundschule Profesor Berilo Wanderley in einer armen Gegend im Osten der Stadt Natal in Brasilien. Hier sitzen wir auch mit Socorro, zwei Lehrerinnen, der Schulrätin und Mitarbeiterinnen der Kindernothilfe-Partnerorganisation CEDECA in der Schulbibliothek. Der Raum ist dunkel und höhlenartig gemütlich. In der Mitte liegt Ricardo mit sieben anderen Kindern auf bunten Decken. Alle tragen kurze blaue Hosen und Schul-T-Shirts. Die Kinder, Jungen und Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren, treffen sich jede Woche für zwei Stunden. Eine zweite Gruppe von sieben Kindern kommt am Nachmittag zusammen. Alle haben schlimme Erfahrungen hinter sich. Heute haben die Betreuerinnen gefragt, wer schon einmal einen Mord mitbekommen hat. Die acht Jungen und Mädchen haben zehn Morde zusammengebracht, die sie erlebt oder aus der Nähe mitbekommen haben. Später erzählt uns die Schulleiterin, dass allein im vergangenen Jahr acht ehemalige Schüler ermordet worden sind.

 Die Mädchen und Jungen aus der Vormittags-Gruppe des "Kinder-stärker-machen"-Workshops unseres Partners CEDECA in Natal


Die Mädchen und Jungen aus der Vormittags-Gruppe des „Kinder-stärker-machen“-Workshops unseres Partners CEDECA in Natal

Modellprojekt mit der Kindernothilfe

Ähnliche Gruppen treffen sich an vier weiteren Schulen in Natal. Mit Unterstützung der Kindernothilfe führt CEDECA hier ein Modellprojekt durch. Die Schulen wurden zusammen mit dem städtischen Schulamt ausgewählt. Zur Vorbereitung schulte die Organisation an fünf Wochenenden Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit traumatisierten und gefährdeten Kindern. Dann wurden besonders betroffene Schülerinnen und Schüler identifiziert und die Eltern und Betreuer zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Die Gruppentreffen werden von den Lehrkräften gemeinsam mit Psychologinnen von CEDECA durchgeführt.

Heute malen die Kinder auf, was ihnen an der Schule gut und schlecht gefällt, und was sie an ihrem Wohnviertel gut und schlecht finden. Nacheinander erzählen sie uns davon. Gut ist, dass sie in der Schule mit Freunden zusammen sein können. Gut ist, dass die Lehrerinnen freundlich sind und der Unterricht oft Spaß macht. Schlecht ist, dass sie zu Hause oft allein sind, auch nachts, wenn es gefährlich ist. Schön ist das Fahrradfahren, aber auch gefährlich, weil betrunkene Autofahrer nicht auf Kinder achten. Schlimm ist es, mit ansehen zu müssen, wie die Geschwister verprügelt werden. Furchtbar ist es, gehänselt und gejagt zu werden, weil man dicker ist als die anderen. Besonders schlimm ist es, dass die Mutter nicht zur Hilfe kommt. Am besten von allem ist diese Gruppe, weil man da – und nur da – über alles sprechen kann.

 Ein achtjähriger Junge beschreibt mit Hilfe seiner Lehrerin, was ihm zu Hause, in seinem Viertel Angst macht.


Ein achtjähriger Junge beschreibt mit Hilfe seiner Lehrerin, was ihm zu Hause, in seinem Viertel Angst macht.

Damit aus Opfern keine Täter werden

Das ist das Konzept von CEDECA: In den Gruppen sollen die Kinder lernen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. So können sie anfangen, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszusprechen. Der sichere geschützte Raum der Gruppe erlaubt es, das Erlebte zu verstehen und einzuordnen und mit den Gefühlen von Angst und Ohnmacht umzugehen. So kann Selbstbewusstsein entstehen; so kann vielleicht der Kreis der Gewalt überwunden werden, in dem Kinder, die Opfer waren, zu Erwachsenen werden, die Täter sind.

In der Millionenstadt Natal gibt es über 700 Grundschulen mit vielen Tausend verstörten, geschlagenen und vergewaltigten Kindern. Fünf Schulen sind nur der Anfang. CEDECA hat der Stadt dieses von der Kindernothilfe finanzierte Modellprojekt angeboten. Inzwischen gibt es darüber einen Vertrag mit der Stadt. Die Stadt übernimmt das Modell, finanziert es und überträgt es auf viele weitere Schulen. Nächstes Jahr soll das beginnen. Unsere Partnerorganisation wird die Lehrerfortbildung übernehmen und das Vorhaben mit ihrer Expertise begleiten.

Ricardo nimmt jetzt seit zwei Monaten an der Gruppe teil. Wir fragen die Großmutter, ob sie schon Veränderungen sieht. Ja, der Junge redet mehr, er ist lebhafter geworden. Ricardo stellt viele Fragen. Er hat Selbstbewusstsein gewonnen.

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