Brasilien: Mädchenförderung allein ist nicht genug

Foto: Jürgen Schübelin

Fußballspielen ist eine gute Möglichkeit, dass Mädchen und Jungen spielerisch einen guten Umgang miteinander lernen.

Text: Christoph Dehn, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe
Fotos: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik
Belo Horizonte, 13.10.2015

Heute trägt der Torwart nur einen Fußballschuh. Genau genommen ist das nicht nur heute so. Er besitzt nur einen Fußballschuh. Der andere Fuß ist nackt. Der kleine Torwart ist 10 Jahre alt. Zwei Mannschaften mit je fünf Spielern stehen sich gegenüber auf dem kleinen Fußballplatz, der aus dem steilen Berg am Fuß der Erlöser-Statue in Rio de Janeiro gegraben wurde. Alle zehn Spieler sind Jungen. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise spielen hier gemischte Teams aus Jungen und Mädchen. Die Mischung ist Konzept. Beim Spiel sollen Jungen und Mädchen sich kennenlernen, Respekt füreinander entwickeln. Das ist bitter nötig hier, in einer der zahllosen Favelas, der Elendssiedlungen von Rio de Janeiro. Für die Kindernothilfe-Partnerorganisation Promundo endet mit dem Fußballspiel ein Tag Arbeit. Heute waren nur die Jungen da. Es gab einen Workshop über Sexualität und Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Diesen Workshop machen Jungen und Mädchen je für sich. Alles andere, die Nachhilfe in Mathematik, Portugiesisch und Englisch, das Fußballspiel, die übrigen Workshops, machen sie zusammen. Und das ist Prinzip. Nach jeder Nachhilfestunde, nach jedem Workshop wird gekickt, zusammen.

Das ist attraktiv. Die Kinder drängen sich in die Gruppen, sie wollen mitmachen. Inzwischen ist das Lernprogramm genauso begehrt wie der Fußball, manchmal gibt es in den Workshops sogar mehr Teilnehmer als beim anschließenden Spiel. Auf einem besteht Promundo in jedem Fall: Wer bei den Gruppen mitmachen will, muss zur Schule gehen.

Tamiris, die Gender-Expertin von PROMUNDO, bei der Arbeit mit den Jungs aus der Favela Guararapes

Tamiris, die Gender-Expertin von PROMUNDO, bei der Arbeit mit den Jungs aus der Favela Guararapes

Kinder wachsen in einer Atmosphäre der Gewalt auf

Tamiris, eine Historikerin, die bei Promundo als Sozialarbeiterin beschäftigt ist, erklärt uns, dass die Kinder in den Favelas in einer Atmosphäre von Gewalt aufwachsen. Die Drogenbanden haben viele der Elendssiedlungen unter sich aufgeteilt. Die Banden, das sind große Kinder und junge Männer. Sie rekrutieren ihren Nachwuchs aus den Familien, in denen gehungert wird. Wir geben euch zu essen, ihr gebt uns eure Kinder.

Polizei und Spezialeinheiten versuchen die Banden aus den Favelas zu verdrängen. Dabei verdächtigen sie alle Einwohner, am meisten aber die Dunkelhäutigen, als Bandenmitglieder. Am Morgen hatten wir zwei Gruppen von Kindern und Jugendlichen von Promundo gefragt, wovor sie am meisten Angst haben. Die Antwort: vor der Polizei. Nicht vor den Drogenbanden? Nein, die töten nicht so wahllos wie die Polizei.

Aus der Gewalt in der Favela wächst Macht. Konflikte werden mit Gewalt gelöst. Der Stärkere hat Recht. Das lernen die Kinder früh, denn es gilt auch in der Familie. Schläge, Drohungen, Herabsetzungen sind die akzeptierten Erziehungsmittel. Jungen lernen schnell, dass sie laut und aggressiv sein müssen, um eine Chance im Leben zu haben. Und dass sie schneller und härter als die anderen zuschlagen müssen.

Die Welt in Brasilien ist eine Männerwelt

Die Mädchen lernen derweil, dass die Welt eine Welt der Männer ist. Den Männern ordnen sie sich besser unter, finden einen starken Beschützer, sorgen für ihn, geben keine Widerworte und sind wahrscheinlich selber Schuld, wenn sie geschlagen werden. In wenigen Jahren werden sie Mütter sein und ihren Söhnen beibringen, hart und unnachgiebig zu sein. Ihre Töchter werden sie zu Gehorsam und Unterordnung erziehen. Und wenn die Kinder nicht parieren, werden sie mit den Schlägen des Vaters oder ihres aktuellen Beschützers drohen oder selber zuschlagen.

Das ist keine Atmosphäre, in der gleichberechtigte Liebesbeziehungen wachsen. Die Jungen lernen, dass sie sich Mädchen nehmen können. Tamiris sagt, für die allermeisten Jugendlichen aus den Favelas ist die erste sexuelle Erfahrung eine Vergewaltigung.

Tamiris sagt, Promundo hat irgendwann begriffen, dass sie nicht nur mit Mädchen und Müttern arbeiten können, wenn sie gegen die Gewalt etwas ausrichten wollen. Sicher ist es weiter unglaublich wichtig, Mädchen zu stärken, ihr Selbstbewusstsein zu fördern, sie begreifen zu lassen, dass es nicht ihre Bestimmung ist, Opfer zu sein. Ebenso wichtig ist es aber, mit den Jungen zu arbeiten. Denn auch die Jungen können nur gewinnen. Am Ende werden nur die wenigsten von ihnen die starken Bosse sein. Die anderen werden Opfer sein, die Täter wurden und doch Opfer blieben. Wenn sie nicht lernen, mit anderen Menschen, mit Mädchen und Frauen respektvoll umzugehen, werden ihnen Freundschaft und Liebe entgehen.

Fußballspielen als Chance, respektvoll miteinander umzugehen 

Daumen hoch! PROMUNDOS Arbeit trägt Früchte: In manchen Familien gibt es bereits weniger Gewalt.

Aber wie fängt man damit an? Marcio, der Projektleiter von Promundo, sagt, es geht um die Konstruktion von geschlechtlicher Identität. Wo und wie lernt ein Kind, was einen Mann, was ein Frau ausmacht? Bis vor wenigen Jahren hat Promundo sich auf junge Menschen in der Pubertät konzentriert. In der Diskussion mit der Kindernothilfe hätten sie verstanden, dass sie früher anfangen müssen, mit Kindern im Alter von sieben oder acht Jahren. Dazu müssen sie die Eltern einbeziehen und die Gemeinschaften, in denen die Kinder leben. Die Kinder müssen früh lernen mit dem anderen Geschlecht umzugehen, Freundschaften zu schließen. Der Fußball eignet sich dazu gut, aber auch Jiujitsu und andere Sportarten. Deshalb sind die Fußballteams vom Promundo immer gemischt, wenn es nicht gerade diesen Workshop über Sexualität gibt.

Wir haben die Chance mit mehreren Kindergruppen von Promundo zu sprechen. Wir fragen nach dem Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Die meisten sagen, keiner. Beide haben die gleichen Rechte. Die Arbeit von Promundo hat hier schon Wurzeln geschlagen. Dann sagt ein elfjähriges Mädchen doch, wir Mädchen müssen vorsichtiger sein. Das wird wohl noch lange so bleiben.Und doch gibt es Fortschritte. Tamiris berichtet aus eine Frauengruppe, Mütter von Kindern, die seit über einem Jahr in der Arbeit von Promundo mitmachen. Zu Hause sei es ruhiger und friedlicher geworden. Es gebe weniger Gewalt. Sie redeten jetzt mehr miteinander.

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