„Dieses Stück Land ist für unsere Kinder reserviert“

In Nepal leisten wir vor allem in abgelegenen Bergregionen Not- und Wiederaufbauhilfe – eine Aufgabe mit großen Herausforderungen. Unser Mitarbeiter Bastian Strauch gibt einen Einblick in das Leben der Menschen dort und in die schwierige Arbeit in luftigen Höhen.

Hochgradig beeindruckend ist die Siedlungskunst der Nepalesen – im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst auf höchsten Gipfeln und schmalsten Bergkämmen thronen noch Dörfer oder sogar Kleinstädte. Etwa Kaping, eine 507-Seelen-Gemeinde in der Region Sindhupalchok, in dem das Erdbeben mit am schlimmsten zuschlug und wir mit unserer Partnerorganisation Amurt Not- und Wiederaufbauhilfe leisten.

Nepal: Am großen Baum auf dem ersten Bergrücken befindet sich die Notschule.

Am großen Baum auf dem ersten Bergrücken befindet sich die Notschule.

Von außen betrachtet scheint es malerisch, die Innensicht der Menschen hier ist aber vor allem auch von Entbehrungen geprägt: Viele leben fast ausschließlich von dem, was ihre kleinen Terrassen-Äcker hergeben, manche messen nicht mehr als einen Meter in der Breite. Reis oder „Zivilisationsgüter“ wie etwa Zahnpasta besorgen sie sich über vierstündige Fußmärsche aus den größeren Siedlungen in den Tälern, während der dreimonatigen Monsun-Zeit ist aber auch der Weg dorthin kaum passierbar.

Das abgeschiedene Leben droht zum Verhängnis zu werden

Es ist ein sehr abgeschiedenes Leben hier oben – und genau diese Abgeschiedenheit droht vielen Menschen vor allem jetzt, zwei Monate nach dem Beben und kurz vor dem Monsun, zum Verhängnis zu werden. Unzählige kleine und größere Berg-Gemeinden gibt es in Nepal, und jede einzelne ist unfassbar schwer für Hilfsgüter und Wiederaufbau-Maßnahmen zu erreichen. 80 bis 90 Prozent der Häuser sind oftmals zerstört, ebenso Vorräte und Vorratslager. Es wird für viele ums Überleben gehen, wenn der Monsun kommt. Der Wiederaufbau wird dann pausieren müssen, die Vorräte sind knapper denn je, die kargen Geld-Rücklagen, die manche von im Ausland arbeitenden Verwandten haben, werden schnell aufgebraucht sein.

Nepal: 80 bis 90 Prozent der Häuser in Kaping sind unbewohnbar.

80 bis 90 Prozent der Häuser in Kaping sind unbewohnbar.

Umso erstaunlicher klingt eine Geschichte, die man aus vielen Berggemeinden immer wieder hört: Eines der ersten Dinge, die die Menschen hier nach dem Beben mit gemeinsamen Anstrengungen aufbauen wollen, sind: ihre Schulen – die man bekanntlich nicht essen kann.

Sie wollten so schnell wie möglich eine Notschule errichten

In Kalika etwa, einen Bergrücken von Kaping entfernt, haben die Menschen alle verfügbaren Mittel zusammengesammelt, um so schnell wie möglich eine Notschule zu errichten: Und drei Wochen später steht hier schon eine beachtlich große Konstruktion aus Holz, Wellblech und Planen – 200 Schüler sollen in den Pavillons Platz finden.

Nepal: In Kalika haben die Menschen aus eigener Kraft begonnen eine Notschule zu bauen.

In Kalika haben die Menschen aus eigener Kraft begonnen eine Notschule zu bauen.

„Ohne Unterricht werden es die Kinder und ihre Familien künftig sehr, sehr schwer haben“, sagt eine besorgte Mutter. „Sie brauchen das Wissen und die Fähigkeiten, um entweder das harte Leben hier zu meistern oder in Kathmandu ein neues aufzubauen – wenn nicht sogar im Ausland.“ Deshalb setzen die Bewohner alles daran, dass der Unterricht so schnell wie möglich wieder in Gang kommt.

Unser Partner kommt zur Hilfe

Fertigstellen konnten die Bewohner die Pavillons aus eigener Kraft aber nicht, denn ihnen gingen die Mittel aus. Deshalb sind wir auch hier – vermittelt über die nepalesischen Behörden – mit unserem Partner Amurt tätig: Gemeinsam mit der Gemeinde werden wir die Übergangsschule fertigstellen und monsunsicher machen.

Nepal: In Kaping hat der Notschulbetrieb bereits begonnen.

In Kaping hat der Notschulbetrieb bereits begonnen.

In Kaping sind wir derweil mit den Bewohnern einen Schritt weiter: Hier läuft der Notschulbetrieb schon, und wie überall legen wir dabei sehr viel Wert auf die psychosoziale Betreuung der Kinder. Zudem versorgen wir die Kinder täglich mit einer warmen Mahlzeit.

Wenn der Monsun kommt, drohen Bergrutsche

Dass wir in Kaping so schnell beginnen konnten, ist aber auch zu Teilen dem Zufall zu verdanken: Direkt unter dem ältesten Baum der Gemeinde, auf einem Bergvorsprung, gab es bereits eine Seltenheit, die man in den Berggemeinden so gut wie nie findet: Ein freies, ebenerdiges Stück Land, groß genug für eine Notschule. Und da auch in Kaping die Menschen so schnell wie möglich wieder Unterricht für ihre Kinder ermöglichen wollten, war schnell beschlossen: „Dieses Stück Land ist für die Kinder und ihre Bildung reserviert.“

Nepal: Frau mit Kind in Kaping. Im Hintergrund der Bergrutsch auf der anderen Talseite.

Frau mit Kind in Kaping. Im Hintergrund der Bergrutsch auf der anderen Talseite.

Eine Woche später hatten wir gemeinsam mit den Bewohnern einen monsunfesten Pavillon errichtet, in dem nun täglich die Kinder zusammenkommen, um den Weg zurück ins normale Leben und in eine gute Zukunft zu finden.

Wir hoffen sehr, dass all die Berggemeinden den Monsun gut überstehen werden. Die Menschen in Kaping und Kalika blicken mit besonders großer Sorge auf diese Zeit. Vor einem halben Jahr ist vor ihren Augen auf der anderen Talseite ein riesiger Bergrutsch abgegangen und hat ein komplettes Dorf mit sich gerissen.

Wir werden alles daran setzen, den Familien über die entbehrungs- und sorgenreiche Monsunzeit hinwegzuhelfen.


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