Hurra, endlich wieder zur Schule!

Nepal – Die Nachricht verbreitete sich in Kote wie ein Lauffeuer: Auf dem Schulgelände tut sich was! Sofort strömten die Kinder los. Sie konnten es gar nicht erwarten, dass nach dem Erdbeben endlich wieder der Unterricht beginnt. Doch die Lehrer, die sich an der Schule versammelt hatten, hegten eigentlich ganz andere Pläne für diesen Tag. Unser Mitarbeiter Bastian Strauch berichtet über einen unvorhergesehenen Schulstart in Nepal.

Die Schulkinder stürmen die Hängebrücke über den Goldenen Fluss

Die Schulkinder „entern“ die Hängebrücke über den Fluss

Kotes Kinder sind nicht zu stoppen, wenn es um ihre Bildung geht. Ihre Schule wurde vom Beben völlig zerstört, genauso wie 80 Prozent der Häuser in dem abgelegenen Ort in Sindhupalchok – seit über einem Monat war an Unterricht nicht zu denken. Als die Mädchen und Jungen mitbekamen, dass sich endlich wieder etwas tat auf dem Schulgelände, stürmten die ersten los und verbreiteten die Nachricht im Dorf.

Der Schulweg für die Kinder von Kote: Seit dem Erdbeben war er verwaist

Der Schulweg für die Kinder von Kobe: Seit dem Erdbeben war er verwaist

Die Hängebrücke über den Goldenen Fluss brachten sie mächtig zum Schaukeln auf dem Weg zur Schule. Danach ging es am steilen Hang entlang über Stock und Stein, diesen Pfad hatten die meisten von ihnen nach dem Beben nicht mehr beschritten.

Die zerstörte Schule von Kote

Die zerstörte Schule von Kote

Die Lehrer, die sich im einzig verbliebenen sicheren Gebäude-Skelett versammelt hatten, staunten nicht schlecht, als die ersten Schüler durch das verrostete Schultor kamen. Sie waren eigenlich hier, um selbst etwas zu lernen, von Mitarbeitern unserer Partnerorganisation Amurt: Nämlich wie sie traumatisierte Kinder besser erkennen und ihnen entsprechend helfen können. Der Versuch, die Kinder zurückzuschicken, scheiterte, stattdessen stand nach kurzer Zeit schon eine ganze Schar auf dem Schulgelände.

Gemeinsam mit den Lehrern beschloss unser Partner Amurt schnell: Aus dem geplanten theoretischen Übungstag sollte ein sehr praktischer werden: Die Mitarbeiter von Amurt luden die Kinder zu genau dem spielerischen Programm ein, das sie mit den Lehrern entwerfen wollten: Auf Herumtoben, Singen und Tanzen folgen Entspannungsübungen, später malten die Mädchen und Jungen auf Papier, wie sich ihre Welt durch das Beben verändert hat – und auf Ballons brachten sie ihre Gefühle zum Ausdruck.

Alles damit die Kinder endlich eine Möglichkeit bekommen, ihre traumatischen Erlebnisse Schritt für Schritt zu verarbeiten und in den Alltag zurückzufinden. Denn das ist alles andere als selbstverständlich. Psychologische Unterstützung ist selbst in der Haupstadt Kathmandu kaum zu bekommen, in der abgelegenen Bergregion Sindhupalchok gibt es dafür so gut wie gar keine Chance – denn nur wenige Nepalesen sind für diesen Beruf ausgebildet.

Aber genau das droht nach dem Beben verheerende Folgen zu haben. Vor allem Kinder haben tiefe seelische Wunden davongetragen. Viele haben Angehörige und ihr Zuhause verloren. Die Angst vor weiteren Erdstößen raubt ihnen tagsüber den Nerv und nachts den Schlaf. Daher ist es wichtig, die Kinder nicht unvermittelt wieder mit formalem Unterricht zu konfrontieren, sondern die Schule zu einem Ort zu machen, an dem sie Sicherheit erfahren und unterstützt werden, ihre schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten.

Einige Kinder waren sehr mutig und machten bereits bei einer Erdbeben-Übung mit: Auf einer Holzplanke, aufgebockt auf zwei Steinen, wackelten sie hin und her, um ein Beben zu imitieren – und sie lernten dabei, tief durchzuatmen und ruhig zu bleiben.

Genau das nicht zu können, war für viele Menschen verheerend: Während des Bebens gerieten sie in eine Schockstarre und blieben in den Häusern, anstatt rauszulaufen. Und die Angst sitzt in Sindhupalchok weiterhin tief. Bis heute bebt die Erde hier täglich nach.

Für Aufregung der freudigen Art sorgte noch etwas ganz anderes: Die Kinder bekamen – ebenfalls früher als geplant – neue Rucksäcke, da die meisten ihre alten beim Beben verloren hatten.

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