Äthiopien: Ein Stock als Hochzeitsgeschenk

Diesen Stock erhalten Frauen im äthiopischen Oromiyya als Symbol für die Verteidigung ihrer Rechte und zur Bewahrung ihrer Ehre zur Hochzeit. Fotos: Karl Pfahler

Diesen Stock erhalten Frauen als Symbol für die Verteidigung ihrer Rechte und zur Bewahrung ihrer Ehre zur Hochzeit. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besucht Projekte in Äthiopien und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

4. Dezember 2014

Ein letztes Mal rolle ich meinen Koffer zum Auto. In drei Stunden geht unser Flieger zurück nach Deutschland. Der Besuch beim Präsidenten der Mekane-Yesus Kirche, mit über sechs Millionen Mitgliedern einer der großen Kirchen Äthiopiens, genauso wie das Abschiedsessen mit Vertretern unserer 17 Partner des Selbsthilfegruppen-Konsortiums liegen hinter uns.

Das Einchecken des Gepäcks am Flughafen wird heute etwas schwieriger. Denn der Stock muss mit. Vor über einer Woche bekam ich ihn von einer Selbsthilfe-Frauengruppe geschenkt, seitdem begleitete er mich auf meiner Reise quer durch Äthiopien. „Das ist der women-empowerment-stick“, erklärte mir die Sprecherin der Gruppe bei der Übergabe. „Jede Oromia-Frau, die heiratet, bekommt bei der Hochzeit so einen Stock von ihrer Mutter mit auf den Weg. Er ist ein Zeichen für die Kraft, die in ihr steckt, und ein Zeichen des Segens, der auf ihr ruht. Wenn sie damit ihr Elternhaus verlässt, soll der Stock sie daran erinnern: Ich kann alles.“

Der Stock soll einen besonderen Platz in meinem Duisburger Büro finden, nehme ich mir vor. Denn er erinnert mich an die Kraft und die Stärke der Frauen hier in Äthiopien. Frauen, deren Leben sich früher rein auf den eigenen Haushalt beschränkte. „Die Selbsthilfe-Gruppe hat für mich die Tür der Küche geöffnet“, erzählte mir eine Frau in Hawassa. Und ich erinnere mich an eine Frau im nördlichen Debre Birhan, die lange Jahre nie ihr Haus verließ – außer wenn sie an einer Beerdigung teilnahm. Die Gruppen, zu denen unsere Partnerorganisationen sie einluden, änderten das. Erstmals trafen sie sich außerhalb der eigenen vier Wände. Tauschten sich über eigene Wünsche und Vorstellungen aus. Bekamen Schulungen und Unterstützung. Schmiedeten Pläne für sich und ihre Kinder. Und konnten viele davon dank des Sparmodells, das sie in der Gruppe kennenlernten, auch umsetzen. Aufrecht und selbstbewusst, so habe ich viele der Frauen in den Selbsthilfegruppen kennengelernt. So aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock, den ich jetzt mitnehme. Ich hoffe, die Fluggesellschaft findet einen Weg, ihn mitzutransportieren. Mein Kollege Karl Pfahler hat es da deutlich leichter. Auch er bekam von der Frauengruppe ein Geschenk. Ein echtes Männergeschenk, wie sie versicherten. Die genaue Bedeutung dieses ca. 30 cm langen Teils mit lederartigen Fortsätzen habe ich nicht ganz verstanden. Aber als Fliegenwedel kann man es sicher gut verwenden.

Die Frauen in den Selbsthilfegruppen: so aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock.

Die Frauen in den Selbsthilfegruppen: so aufrecht, stark und doch auch flexibel wie der Stock.

 

 

 

 

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