Äthiopien: Genug Platz in der winzigen Herberge

Starke Frauen setzen in Äthiopien Zeichen der Hoffnung. Fotos: Karl Pfahler

Starke Frauen setzen in Äthiopien Zeichen der Hoffnung. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

29. November 2014

Weihnachtsmarkt in München. Foto: privat

Weihnachtsmarkt in München. Foto: privat

Am Sonntag ist 1. Advent. Mein Mann schickt mir Fotos auf mein Smartphone vom Stand des Kindernothilfe Arbeitskreises aus der Münchner Fußgängerzone. Gestrickte Trachtenjacken, und gefaltete Papierengel hängen da vor grünen Tannenzweigen, in geflochtenen Körben liegen rote Adventssäckchen, gefüllt mit Kerzen, duftenden Lebkuchen und adventlichen Geschichten. Wie weit entfernt mir das vorkommt!

Ich klappe mein Handy zu und betrete einen weiteren Compound, ein von der Straße durch eine Mauer abgetrenntes Gelände. Hier drängen sich flache Bauten um bizarr geformte Höfe. Vor einer der Türen bleibt Sinafikish, unsere Begleiterin, stehen. „Dürfen wir eintreten?“, ruft sie.„Tanastaling“ begrüßt uns die Bewohnerin, Guten Tag, kommt rein. Im Inneren empfängt uns schummrige Dämmerung, nur durch die geöffnete Tür fällt Tageslicht in den kleinen Raum. Wir nehmen Platz auf dreibeinigen Holzhockern an der Wand,  an zwei Nägeln über uns hängen mit Kleidungsstücken gefüllte Plastiktüten. Neben der Haustür erkenne ich ein Gestell mit einem Wassergefäß, einen Teller, ein Säckchen Mehl. Der verbeulte Kasten am Fußende des Bettes hat entfernte Ähnlichkeit mit einem Kühlschrank.  Die Bewohnerin des Zimmers sitzt uns gegenüber auf dem Bett. Hinter ihr trennt ein Vorhang die zweite Betthälfte ab. Und dann erzählt sie uns ihre Geschichte. Zwei eigene Kinder hat sie,  zu denen sie zusätzlich zwei Waisenkinder bei sich aufgenommen hat. Fünf und sechs Jahre alt sind die, die Kinder ihrer verstorbenen Schwester. Gerade sehe ich mich nochmal in dem Zimmerchen um und versuche mir vorzustellen, wie diese Frau mit vier Kindern in dem einzigen Bett Platz findet, da erzählt sie schon weiter. Es sind, berichtet sie, insgesamt drei Familien, die in diesem Raum wohnen. Ich meine, ich habe mich verhört und frage nochmal bei Sinafikish nach: drei Familien? Ja. Sie, die alleinerziehende Mutter mit den vier Kindern. Dann gibt es noch eine Freundin mit ihrer Tochter, die bei ihr wohnt. Und, jetzt überzieht ein Lächeln ihr Gesicht: vor kurzem sei noch ein junges Waisenmädchen zu ihr gekommen. Sie war hochschwanger, verängstigt,  und hatte nirgends einen Platz , keine Herberge. Sie ahnte wohl, dass diese Frau mit ihrer Lebenserfahrung, die wusste, wie schwer das Leben einer alleinerziehenden Mutter ist,  sie nicht allein lassen würde.  Sie wurde nicht enttäuscht. Was sie in diesem Zimmer fand, war  Hilfe bei der Geburt ihres Kindes. Einen Platz, an dem sie willkommen war. Mitmenschlichkeit.

Plötzlich bewegt sich der Vorhang hinter der Frau. Sie zieht ihn ein Stück weit zur Seite, so dass wir einen Blick auf das Bett werfen können. Dort liegt, in eine rosa Decke gewickelt, das Baby! Vor einem Monat und genau fünfzehn Tagen kam es hier auf die Welt. Selig schlummert es zwischen zwei Kissen, nur ab und zu öffnen und schließen sich die winzigen Hände. Ich bin gerührt. Welchen Frieden dieses Kind ausstrahlt. Welch großes Herz wir in diesem kleinen Raum gefunden haben.

Die Herbergsmutter sieht ihr Engagement für diese junge Familie übrigens als persönlichen Gewinn für sich selbst. Sie fühle sich geehrt, erklärt sie, dass die junge Mutter sich in ihrer Not an sie wandte. Das sei doch ein großer Vertrauensbeweis, dass eine fremde junge Frau ausgerechnet sie als Beraterin und Helferin auswählte. Das zeigt ihr, dass sie selbst viel zu geben hat. Es ist die Geschichte dieses Babys und seiner Mutter, die es hier, mitten im Slum von Hawassa, für mich Advent werden lässt.

Bevor wir gehen, will ich doch noch wissen, wie sie denn den Lebensunterhalt für sich und all die Kinder bestreitet? Flink steht sie auf und öffnet die Tür des verbeulten Kastens. Es ist tatsächlich ein Kühlschrank. Sie zeigt uns einen Klumpen in Plastikfolie gewickelte Butter. Das ist ihr Geschäftsmodell: Mit einem Kleinstkredit ihrer Selbsthilfegruppe kauft sie im  ländlichen Umland Butter, transportiert sie im Minibus in die Stadt und verkauft sie hier in kleinen Portionen weiter. Zusammen mit dem Verkauf von selbstgebackenem Injera-Fladenbrot erwirtschaftet sie so ein Einkommen, das ihr erlaubt, eine Tochter in die Schule zu schicken und die andere zusammen mit ihrer Nichte und dem Neffen in den Kindergarten. Das Darlehen von 2.000 Birr zahlt sie stückchenweise an die Gruppe zurück. Und schafft es daneben, alle zwei Wochen weitere fünf Birr anzusparen. Für die Miete kommt sie momentan alleine auf. Aber, freut sie sich, der Hausbesitzer ist ein guter Mann. Üblich in diesem Compound sei eine Zimmermiete von 500 Birr.  Sie darf hier wohnen für den Spezialpreis von nur 300 Birr pro Monat. Das sind umgerechnet 12 Euro.

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