Äthiopien: Wenn der See stirbt, stirbt die Stadt

Umweltverschmutzung im Hawassa-See. Fotos: Karl Pfahler

Umweltverschmutzung im Hawassa-See. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

28. November 2014 (Fortsetzung)

Ich stehe am Ufer des Hawassa Sees. Über uns kreisen riesige Marabus, die auf Abfälle vom Fischmarkt gleich nebenan warten. Direkt vor unseren Füßen schwimmen Plastikflaschen und Styroporteilchen auf der Wasseroberfläche. Zehn Meter neben uns wäscht sich freizügig ein Mann, sein dreirädriges Lastenauto steht frisch geputzt hinter ihm. Warum wir hier sind? Der See, erklärt Mulugeta, der Leiter unserer Partnerorganisation vor Ort, bedeutet für die gleichnamige Stadt an seinem Ufer das Leben. Wenn der See stirbt, stirbt die Stadt. Und der See, das will er uns zeigen, ist gefährdet.  Der Unrat, den wir hier sehen, ist nur ein Teil des Problems. Giftige Industrieabwässer reduzieren die Fischbestände, die Verlandung ufernaher Regionen schluckt immer größere Flächen.

Baumschule unseres Partners am Hawassa-See

Baumschule unseres Partners am Hawassa-See

Wir gehen hundert Meter weiter. Hier ist der Strand sorgfältig gesäubert, ein Torbogen lädt uns in eine grün umrankte Anlage ein. Die Jugendorganisation unseres Partners hat hier ein besonderes Umweltschutzprojekt gestartet. Auf kleinen Terrassen können Gäste aus der Stadt, aber auch Besucher aus den Dörfern des Umlands im Schatten bunt blühender Pflanzen und gepflegter Bäume Kaffee trinken. Das Hauptangebot besteht aber aus regelmäßig stattfindenden Workshops, die über Umweltschutzmaßnahmen informieren. Welche Erfahrungen gibt es mit den kommunalen Filter-Kläranlagen, die sich zwei Grundstücke weiter befinden? Wie stoppe ich Bodenerosion in trockenen Regionen? Welche Pflanzen sind als Wasserspeicher geeignet? Anschauungsmaterial bietet das Projekt gleich hinter dem Hauptgebäude. Dort haben die Jugendlichen unter Anleitung eines erfahrenen Gärtners eine Baumschule begonnen. Sie zieht Besucher von weit aus der Region an.

Initiative für ein grünes Äthiopien

Initiative für ein grünes Äthiopien, an der unser Partner Jeccdo beteiligt ist

„Da kommt schon mal eine ganze Gemeindedelegation mit 20 Personen und verbringt einen Nachmittag bei uns“, freut sich Awash, der Leiter der Anlage. Sie kaufen Pflanzen, schicken ihre Leute zu Schulungen, tauschen sich mit anderen Kommunen aus. 22 Jugendliche haben mittlerweile eine Anstellung in dem Projekt gefunden. 14 Jugendgruppen, die in ähnlichen Umweltschutz-Projekten engagiert sind und dabei ihr eigenes Einkommen erwirtschaften können, wurden schon gegründet. Ich bin begeistert: Diese Jugendlichen pflanzen nicht nur Samen in die Erde, sondern auch die Idee des Umweltschutzes in die Köpfe vieler Menschen.

Für die Besichtigung des großen Baumpflanzprojekts auf einem nahegelegenen Berg haben wir leider keine Zeit mehr. Aber von einem besonderen Erfolg dieses Arbeitszweigs will Mulugeta auf dem Rückweg zu unserem Wagen doch noch berichten: Auf kommunaler Ebene ist es ihm selbst gelungen, alle den See betreffenden Interessengruppen zusammenzubringen. Die Vertreter von Stadt, Kommunen, Industrie, Universität und andere zusammenzubringen, das hat es in dieser Form wohl noch nicht gegeben. Es zeigt, dass nicht nur Mulugeta erkannt hat: Wenn der See stirbt, sterben die Menschen.

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