Äthiopien: „Diese Waisenkinder haben mein Leben verändert“

Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzende Katrin Weidemann mit äthiopischen Schülern. Fotos: Karl Pfahler

Kindernothilfe-Vorstandsvorsitzende Katrin Weidemann mit äthiopischen Schülern. Fotos: Karl Pfahler

Katrin Weidemann, seit Juli Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, ist zu ihrem ersten Projektbesuch in Äthiopien angekommen und berichtet hier im Blog von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Donnerstag, 28. November 2014

Es ist heiß und jeder Schritt auf der unebenen Staubstraße wirbelt eine kleine Sandwolke auf. Gerade haben wir eine Grundschule besucht, in der Kinder mit Behinderungen in den Regelunterricht integriert werden. Was uns beinahe selbstverständlich erscheint, ist hier in Hawassa, einer Provinzhauptstadt knapp 400 km südlich von Addis Abeba, eine absolute Ausnahme. Unsere Partnerorganisation JeCCDo musste eine Menge Aufklärungsarbeit leisten, führte Schulungen mit den Lehrern durch – und setzte sich nicht zuletzt bei den Eltern dafür ein, dass die ihren Kinder den Schulbesuch erlauben. Meine Sprachkenntnisse in Amharesh, der Hauptsprache des Landes, sind nach drei Tagen in Äthiopien noch nicht wirklich besser geworden. Aber nach dem Besuch der Integrationsschule kann ich mich immerhin mit einem Gruß in der hiesigen Gebärdensprache verabschieden.

Wir sind auf dem Weg zu einigen „Guardians“ – Pflegeeltern, die Waisen oder gefährdete Kinder bei sich aufgenommen haben. Mehr als 1.500 Kinder in Hawassa sind Vollwaisen. Mehrere tausend Kinder leben auf der Straße. Was sind das für Menschen, die ihr Haus öffnen, um elternlose Kinder aufzunehmen? Schon bei der ersten Familie, die wir besuchen, erkenne ich: Es ist kein Haus, das die Familie öffnet, sondern ein einziges Zimmer. Durch eine mit Wellblech verkleidete Tür betreten wir einen winzigen Innenhof. Alle Räume, die ringsum von dem Hof abgehen, sind einzeln vermietet – an jeweils eine Familie. Gebückt treten wir über die aus Ziegelsteinen zusammengeschobene Schwelle in den ersten Raum. Es misst sicher nicht mehr als 10 Quadratmeter.

Mit Unterstützung der Kindernothilfe können auch Waisenkinder eine Schule besuchen.

Mit Unterstützung der Kindernothilfe können auch Waisenkinder eine Schule besuchen.

Auf drei Hockern sitzen wir der Frau des Hauses gegenüber. Sie habe eine eigene Tochter, erzählt sie, die ist gerade sechs geworden. Zwei Waisenkinder hat sie aufgenommen, die gehen mittlerweile in die vierte und sechste Klasse. „Seit sie bei mir sind, hat sich mein Leben verändert“. Vor Glück? Wir schauen uns um. Und hören, wie das Unterstützungsmodell unserer Partnerorganisation das Leben der Frau auf eine völlig neue Basis stellte. Vorher hielt sie sich mit Gelegenheitsarbeiten als Taglöhnerin mehr schlecht als recht über Wasser. Dann trat sie einer Selbsthilfegruppe bei, lernte dort ein Spar- und Kleinstkreditmodell kennen und übernahm die Pflegschaft für die zwei Kinder, Geschwister, deren Eltern kurz hintereinander verstorben waren. Im ersten Jahr wurde beiden mit Mitteln der Kindernothilfe der Schulbesuch ermöglicht. Sie erhielten Schulmaterial, medizinische Versorgung und – zumindest im ersten Jahr – eine monatliche Unterstützung. Parallel dazu wurde die Pflegemutter geschult, wie sie sich selbst ein Einkommen erwirtschaften kann. Mit einem Kleinstkredit von 2.000 Birr, umgerechnet etwa 80 Euro, begann sie Ankauf und Weiterverkauf von getrocknetem Mais.

Ihre Geschichte überzeugt mich restlos: Nach einem Jahr war sie in der Lage, den weiteren Schulbesuch und aller Kinder selbst zu finanzieren. Die Befriedigung darüber ist ihr anzusehen, lachend erzählt sie ohne Punkt und Komma von der Entwicklung. Vorsichtig frage ich, ob sie denn ganz allein für den Familienunterhalt verantwortlich sei? Nein, erklärt sie, ihr Mann schaffe es als Taglöhner, die 320 Birr für die Zimmermiete, umgerechnet circa 15 Euro, zum Haushalt beizusteuern. „Und ich sorge für den Rest.“ Zu fünft lebt diese Familie in dem Zimmerchen, ein Vorhang trennt das Bett der Eltern vom Eingangsbereich ab, in dem nachts die Matratzen der Kinder auf den Boden gelegt werden. Es ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Aber ich verstehe jetzt die Frau, wenn sie sagt: Diese Waisenkinder haben mein Leben verändert.

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