Abschied von einer ungewöhnlichen Frau

Ein Nachruf  von Jürgen Schübelin

Soeur Marthe Vanrompay, die Gründerin unserer Restavèk-Partnerorganisation „Mouvman Vin Plis Moun“ (MVM) in Carrefour Feuilles, ist am 3. Juli verstorben.

Soeur Marthe, die der 1862 in Scheut bei Brüssel gegründeten Ordensgemeinschaft der Schwestern vom unbefleckten Herzen Marias (CICM) angehörte, ist sicherlich eine der ungewöhnlichsten und beeindruckendsten Persönlichkeiten, die wir im Zusammenhang mit der Kindernothilfe-Haiti-Arbeit kennengelernt haben. Mit all ihrer Kraft, ihrer Kreativität und ihrem geradezu unglaublichen Talent als unermüdliche Netzwerkerin kämpfte sie jahrzehntelang sehr erfolgreich für die Rechte von Restavèk-Kindern in den bidonsvilles von Carrefour Feuilles und den umliegenden Stadtteilen im Westen von Port-au-Prince.

Zusammen mit ihrem Team entwickelte sie eine pädagogische Methode, um mit diesen Kindern – selbst unter widrigsten und prekärsten Umständen – mit Hilfe eines Systems von „moniteurs“ Schulunterricht organisieren zu können. Am 21. Oktober vergangenen Jahres hatten Kerstin Zippel, Michaela Gerritzen, Julia Burmann und ich letztmals die Gelegenheit, Soeur Marthe gemeinsam zu besuchen und ihr von unseren Eindrücken von den Begegnungen mit den MVM-Kindergruppen von Madame Mouscardan und Madame Jaques in den bidonville oberhalb der Place Jérémie zu berichten.

Odana, das Kind, dessen Tagesablauf unsere ehemalige Kollegin Toni Hutter und der Fotograf Jakob Studnar 2010 unter anderem für die Kindernothilfe-Robinson-Seiten dokumentiert haben, kam aus dem MVM-Programm.

Soeur Marthe war – und das hat mich immer mit am meisten beindruckt – eine außerordentlich politisch engagierte Persönlichkeit, ganz fest verortet in der karibischen Variante der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung, mit einem klaren Bewusstsein für die Würde und die Rechte der Kinder, für die sie sich engagierte, aber auch einem profunden Wissen um die Ursachen von struktureller Gewalt, denen die Menschen in Haiti ausgesetzt sind. Sie liebte – bei aller pointierten Kritik an den Herrschenden und den Verhältnissen in Haiti – dieses Land und seine Menschen bedingungslos: „Nie und nimmer würde ich von hier weggehen!“, sagte sie uns am 21. Oktober 2013 beim Abschied.

Die Kindernothilfe fördert das von Soeur Marthe initiierte Projekt zur alternativen Schulbildung von 1.495 Restavèk-Kindern und zum Schutz ihrer Rechte seit dem Januar 2010. „Mouvman Vin Plis Moun“ (frei übersetzt: Bewegung für mehr Menschlichkeit) ist das größte Restavèk-Partnerprojekt der Kindernothilfe in Haiti.

Zu Weihnachten 2010 veröffentlichten wir folgende Reportage über Soeur Marthe und ihre Kinder: http://blog.kindernothilfe.org/de/page/8

Soeur Marthe wurde am 7. Januar in Carrefour Feuilles beigesetzt.

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