Philippinen: Kinder im Chaos

Die philippinischen Kinder reagieren unterschiedlich auf die Katastrophe, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Fotos: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Kinder leiden unter Katastrophen immer am schlimmsten. Die mangelnde Versorgung mit Nahrungsmitteln schwächt den im Wachstum begriffenen Körper und hemmt die Entwicklung. Sie führt dazu, dass Kinder anfälliger für Krankheiten werden. Besonders schlimm ist unreines Trinkwasser, es führt zu Durchfall, Infektionen und kann langfristige Schäden hervorrufen. Vielfach ist hochkalorische Spezialnahrung gerade zu Beginn notwendig, um den Kindern die notwendigen Nährstoffe zuzuführen. Auch psychologisch ist die Situation für Kinder extrem belastend. Ihr gewohntes Umfeld ist zerstört, viele haben Familienmitglieder verloren und schreckliche Bilder vor Augen. Manche Kinder landen ohne Begleitung auf der Straße und sind schutzlos Gewalt und Missbrauch ausgeliefert.

All das trifft auch auf die Situation im Osten Samars zu. Hier sieht man viele Kinder in den zerstörten Dörfern zwischen den abgeknickten Palmen, die seit der Katastrophe dieselben Klamotten tragen, sich aufgrund des fehlenden Wasserzugangs nicht ausreichend waschen können und schlimmstenfalls das dreckige Wasser trinken. Spricht man sie an, reagieren die Mädchen und Jungen ganz unterschiedlich. Manche sind völlig offen, teilen gerne ihre Erlebnisse und sind neugierig, woher der Besuch stammt. Sie fragen mich, wie lange man von Deutschland aus reist, bis man ihren Heimatort erreicht und starren mich ungläubig an, wenn ich Ihnen die Distanz erkläre. Vor der Kamera scheint jedes Kind aufzublühen, posiert in der Gruppe oder reckt zwinkernd die Finger zum Victory-Zeichen in die Höhe. Manche Kinder stehen mit wackligen Beinen auf den Bretterbergen, die vormals ihr Zuhause waren, und lassen mit verschmitztem Gesicht aus Müll gebastelte Drachen steigen.

Gistang hat einen Propeller vorne an sein Rad montiert.

Der 14-jährige Gistang nutzt die Zeit des Aufräumens und Wiederaufbaus lieber für seine Erfindungen. Er hat einen Propeller vorne an sein Rad montiert und zeigt den anderen Kindern stolz, wie er sich beim Fahren im Wind dreht. Die zwölfjährige Klarita in Salcedo stapft fröhlich summend durch die Trümmer ihrer Schule und erklärt mir ohne Zögern, dass sie mit ihrer Familie während des Taifuns gebetet hat und deshalb niemand verletzt wurde. Immer, wenn sie Überbleibsel ihrer Schulzeit unter den Resten ihrer Schule findet, ruft sie aufgeregt ihre Mitschüler herbei und zeigt ihre Funde.

Andere Kinder wirken verschlossen, den Tränen nahe und ziehen sich bei Besuch zurück. Jedes Kind ist anders und geht entsprechend auch anders mit der Katastrophe um. Die siebenjährige Shila in Garawon bringt kein Wort heraus und wirkt den Tränen nahe. Kein Wunder, sie wurde drei Stunden unter dem Schlamm verschüttet und durch Zufall von ihrem Vater entdeckt und gerettet. Die vierjährige Audrey mag gar nicht reden, scheint aber doch interessiert an mir zu sein. Statt hektisch nach meinen Händen zu greifen oder meine blonden Haare zu berühren, wie viele Kinder es machen, läuft sie mir einfach stumm hinterher, während ich durch ihr Dorf Asgad gehe, und drückt mich zum Abschied.

Jedes Kind ist anders und geht auf seine Weise mit der Katastrophe um. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie alle brauchen trotz des Taifuns die Chance auf eine Zukunft. Mit umfassender psychologischer Betreuung und dem Wiederaufbau der Tagesstätten und Kindergärten werden wir genau dafür sorgen.

Schreiben Sie einen Kommentar