Katastrophe auf philippinisch

Die Zerstörung ist immens in Jagnaya an der Ostküste Samars. Fotos: Kidlat de Guia

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Die Zerstörung durch Yolanda muss die Menschen in den Philippinen in die pure Verzweiflung stürzen. So stellte ich mir das zumindest vor meiner Abreise vor. Und natürlich ist das bei der überwältigenden Mehrheit auch so. Viele Menschen sind verzweifelt, weil sie ihr Hab und Gut und schlimmstenfalls auch Familienangehörige verloren haben. Viele sind stark traumatisiert und kaum in der Lage, mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Doch in jedem Ort trafen wir auch auf Menschen, die sich trotz der gigantischen Katastrophe ihren Humor bewahrt haben.

„Wir brauchen Essen“, steht auf vielen Schildern, die Kinder am Straßenrand hochhalten. Andere Schilder ergänzen scherzhaft: „Wir brauchen Essen, Häuser, einen Swimming-Pool und einen Garten“. Der Bürgermeister von Salcedo, Melchior Mergal , beschreibt die Situation in seiner Stadt mit den Worten: „What you see is what you get“, und sein Berater Ray Uzhmar C. Padit erklärt uns auf dem Weg in die Fischerdörfer an der Küste, dass Yolanda ihnen einen weißen, weitläufigen Sandstrand „geschenkt“ hat. „Hier kann man sicher gut surfen“, ergänzt er.

Auf Bantayan Islands fahren wir mit Noe Ichechavez Briones nach Madridejos, eine völlig zerstörte Stadt im Nordwesten. Er ist als Freiwilliger unterwegs, versucht zu helfen, wo er kann. Als wir mit ihm im Auto sitzen, spielt er den Pausenclown. Er reicht eine Tüte mit Brötchen an alle Insassen, „Bread for Life“, ruft er laut lachend dazu. Dann fängt er an, ein Taifunopfer zu mimen – „Oh my God. Es war so schlimm“, er schlägt die Hände vors Gesicht und schildert die Situation einer Familie. Auch manche Kinder nehmen die Situation mit Humor. „Wir sind eine gute Touristenattraktion – guck, wir haben gar kein Haus mehr“, erzählen sie mir lachend in Garawon im Landkreis Hernani.

Christoph Dehn und Antje Weber im Gespräch mit dem Berater des Bürgermeisters, Ray Padit.

Die Menschen hier gehen auf philippinische Art mit der Katastrophe um. Und das ist ihre große Stärke. Der Humor und das Vertrauen in die Schaffenskraft ihrer Landsleute geben vielen Menschen genau die Energie, die für den Wiederaufbau benötigt wird. Nicht umsonst sieht man in jedem Ort eifrige Philippinos, die mitten im Chaos ihr Haus wieder aufstellen, Müll beiseite schaffen oder ihre Wäsche waschen. Padit erklärt mir, dass sie angesichts dieser Situation nun eben kreativ sein müssen, „Zeit zum Jammern haben wir nicht.“ So werden die Bürger Salcedos kurzerhand per Megaphon darüber informiert, dass sie im Rahmen eines „Food for Work“-Programms ihre Lebensmittel bekommen, sobald sie rund um ihre Häuser die Trümmer weggeräumt haben. Auch die völlige Zerstörung der Kokosplantagen kann man positiv oder negativ sehen. Dramatisch ist, dass die Ernte auf Jahre vernichtet ist, denn Kokospalmen brauchen fünf bis sechs Jahre, bis sie ihre jetzige Größe erreicht haben. Andererseits macht Padit deutlich, dass sie nun auch die Chance haben, landwirtschaftlich umzuschwenken auf den Anbau lukrativerer Sorten wie beispielsweise Cassava oder Süßkartoffeln. „Daran war vorher ja gar nicht zu denken“, hebt er die Vorteile hervor. Mit dieser Einstellung werden die Philippinos noch weit kommen.

Schreiben Sie einen Kommentar