Wie hatten sich die Menschen auf den
Taifun vorbereitet?

Unsere Mitarbeiterin Antje Weber ist derzeit auf den Philippinen, um unsere Soforthilfe zu unterstützen. In unserem Blog erzählt sie von ihren Erlebnissen dort.

Jagnaya ist völlig zerstört.

Jagnaya ist völlig zerstört. Foto: Kidlat de Guia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hat eigentlich niemand vorgesorgt? Diese Frage wird mir momentan oft gestellt. Am Beispiel der Region Salcedo im Osten Samars lässt sich der Ablauf sehr gut veranschaulichen und für diese, vom Taifun mit am schwersten betroffene Region, lässt sich sagen: „Die Menschen haben ihr Möglichstes getan“.

Wetterexperten machten frühzeitig auf das Risiko eines Supertaifuns aufmerksam. Diese Information ging weiter an die Bürgermeister, die den Auftrag hatten, ihre Bewohner bestmöglich zu schützen. Auch der Bürgermeister von Salcedo, Melchior Mergal, 39 Jahre, wurde informiert und traf sofort umfassend und kenntnisreich Vorsorge für seine Bürger. Ein dreistufiges System sollte dafür sorgen, dass Yolanda so wenig Schaden wie möglich anrichtet in der 20.000 Einwohner-Stadt. In einem ersten Schritt wurden Evakuierungszentren etabliert, ein Großteil davon in Schulen. Parallel dazu wurden bereits am Donnerstag, also einen Tag vor dem Taifun, die ersten Hilfspakete gepackt, da mit geringfügigen Schäden gerechnet wurde. Bürgermeister Mergal ging persönlich zu seinen Bürgern, um sie über die Evakuierungszentren und den nahenden Taifun zu informieren. In einem zweiten Schritt warnte die Polizei die Bürger per Megaphon erneut und bat alle, sich rechtzeitig in die als sicher identifizierten Steinhäuser zu begeben. Schließlich wurde in einem dritten Schritt ein Emergency Response Team eingerichtet, das den Startschuss für den Rückzug in die Zentren gab.

Als dieser Startschuss am Donnerstagabend ertönte, war das Wetter jedoch unverändert schön. Klarer Himmel, kein Regen und nur schwacher Wind ließen nicht erahnen, welche Katastrophe wenige Stunden später über Salcedo hereinbrechen würde. Die Bewohner fanden sich daher nur langsam in den Evakuierungszentren ein. Sie alle gingen bis dahin von Regen und Wind aus. Die Warnung vor einer Sturmflut erreichte Major Mergal erst kurz bevor Yolanda auf die Ostküste traf. Er reagierte schnell, warnte seine Bürger über Facebook und Twitter vor den Wellen. Doch hier kamen zwei tragische Umstände zusammen. Zum einen haben die Menschen in den Fischerdörfern an der Küste kein Netz und konnten diese kurzfristige Nachricht nicht mehr rechtzeitig empfangen. Zum anderen ist der Begriff der Sturmflut im philippinischen Sprachgebrauch nicht gängig, so dass die Menschen schlichtweg nicht verstanden, was er ihnen sagen wollte.

Lagebesprechung Foto: Kidlat de Guia

Lagebesprechung. Foto: Kidlat de Guia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um 4 Uhr morgens erreichte Yolanda mit über 300km/h die Küste und wütete über 3 Stunden. Major Mergal machte sich noch während des Taifuns zu Fuß auf den Weg, um die Küstenbewohner vor der Sturmflut zu warnen. „Er lief durch den Ort während Trümmerteile durch die Luft flogen“, erzählt Patricia Quirante Birongoy, eine gute Bekannte des Bürgermeisters uns. Doch die drei Wellen hatten zu diesem Zeitpunkt die Küstenorte Jagnaya und Asgad bereits erreicht. Die höchste Welle hatte etwa 10m, sie riss 29 Menschen mit in die Fluten. Ganze Häuserreihen wurden am Küstenstreifen weggeschwemmt. Verzweifelt versuchten die Menschen sich hinter den wenigen Steinmauern zu schützen oder banden sich und ihre Kinder an Kokospalmen, um nicht weggeweht zu werden.

Mit einem solchen Ausmaß hatte in Salcedo niemand gerechnet. Eine Woche nach dem Taifun bezeichnet Major Mergal seine Stadt als „Ground Zero“. Alle 5200 Haushalte sind zerstört oder beschädigt. Wo früher Kokospalmen grünten, sieht man kilometerweit nur verdorrte, abgeknickte Palmen. Strom, Benzin, Autos oder ausreichend Nahrungsmittel gibt es nicht. Die Ernten sind zerstört. Es wird Jahre dauern, bis Salcedo sich erholt hat. Die Kindernothilfe fängt hier deshalb sofort an: mit dem Wiederaufbau von 10 Kindertagesstätten, psychosozialer Betreuung für die Kinder sowie dem Aufbau von Schulen und Wohnhäusern. Damit die Menschen langfristig wieder selbst ein Einkommen haben, braucht es darüber hinaus neue Fischerboote.

 

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